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VfB Stuttgart Gross ist da, Babbel rechnet ab

07.12.2009 ·  Markus Babbel muss seinen Platz auf der VfB-Bank räumen. Einen Tag nach dem 1:1 gegen Bochum entließen die Stuttgarter ihren Teamchef. Nachfolger Christian Gross leitete bereits sein erstes Training. Der entlassene Coach kritisiert unterdessen die Fans für ihr Verhalten.

Von Oliver Trust, Stuttgart
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Markus Babbels emotionale Abschiedsrede war kaum eine Stunde alt als sein Nachfolger um die Ecke bog. Es schien, als wollte man beim VfB Stuttgart den Begriff „Trainerwechsel“ noch einmal buchstäblich vorführen. Man hatte sich den ganzen Sonntag Zeit gelassen, alle Gerüchte, die im Umlauf waren, nicht bestätigt, um am Abend dann doch mit Christian Gross den Mann vorzustellen, der, wie erwartet, die Schwaben vor dem Abstieg retten soll. Gross bekam einen Vertrag über eineinhalb Jahre. So musste auch Babbel bis zum Abend warten, bevor er nach einem „für mich bewegenden Jahr“ trocken sagte: „Wenn die Ergebnisse fehlen, wird ein Schlussstrich gezogen.“ Er wird nun seine Trainerausbildung in Köln „in aller Ruhe“ abschließen.

Christian Gross kam mit festem und konzentriertem Blick. Eigentlich hatte er nie wieder einen Klub während einer laufenden Runde übernehmen wollen. Der gebürtige Züricher hatte bei Tottenham Hotspur schlechte Erfahrungen gemacht, den Klub vor dem Abstieg gerettet und war bald darauf entlassen worden. Gross blieb daraufhin zehn Jahre in seiner Schweizer Heimat beim FC Basel. Um das Ausland machte der Coach einen großen Bogen. Jetzt sagte er: „Es reizt mich, etwas zu bewegen. Eine Mannschaft im Mittelfeld zu übernehmen wäre langweilig. Ich hasse diese Grauzonen.“

Gross lieferte drei Tage vor dem Endspiel des VfB in der Champions League gegen Unirea Urziceni um den Einzug ins Achtelfinale gleich sein vorläufiges Jobprofil beim 16. der Bundesligatabelle mit: „Retten, was zu retten ist.“ Der 55 Jahre alte Gross gilt als strenger Fußballlehrer, der aber auch auf taktischem Gebiet einiges zu bieten hat. Mit Grasshopper Zürich und dem FC Basel gelangen ihm Erfolge, die Eindruck hinterließen. Mit beiden gelang der Sprung in die Königsklasse. „Ich bin seit 20 Jahren Trainer, immer mit Leidenschaft. Wenn man ein Spiel verliert und der Gegner war nicht besser, explodiere ich.“ Er verlange „Fight um jeden Zentimeter und um jeden Einwurf“. „Ich bin gestern kontaktiert worden und habe unterschrieben“, sagte Gross. „Jetzt sind wir auf Mittwoch fokussiert. Ich verlange Leidenschaft.“

Maßlose Fanproteste, Tötungsgesten gegen Spieler

Die Kraft, das zu schaffen, hatten Babbel in Stuttgart schon seit langem nicht mehr alle aus der Führungsetage uneingeschränkt zugetraut. Zwischen Präsidium und Aufsichtsrat war vor Wochen ein Streit über Babbels Zukunft ausgebrochen. Am Abend vor der Entlassung musste er nach dem ernüchternden 1:1 (0:0) gegen den VfL Bochum gleich zweimal in der Loge des Präsidenten Erwin Staudt antreten. Dort beschloss man die Trennung und teilte sie ihm auch mit. Während Babbels „Freund“ und Wohnungsnachbar Horst Heldt (VfB-Vorstandsmitglied) wie Vereinschef Staudt für eine Ablösung Babbels plädierten, verhinderte der einflussreiche Aufsichtsratschef Dieter Hundt den Wechsel zu Gross vor einer Woche. Nun musste Hundt kleinbei geben. Auch bei ihm hatten die Ereignisse des Samstages einen tiefen Eindruck hinterlassen. In der Vereinsführung setzte sich die Erkenntnis durch, dass man reagieren müsse, um zu verhindern, „dass die Dinge weiter eskalieren“ (Heldt).

Am Samstag war es zu Ausschreitungen gekommen, als Fans den Teambus auf dem Weg ins Stadion und nach dem Spiel aufhielten und Rauchbomben zündeten. „Ich habe Tötungsgesten gesehen“, berichtete Ludovic Magnin. „Man kann den Fußballer Magnin kritisieren, aber man wollte den Menschen töten.“ Während der Partie verweigerten die Fans der Elf jede Unterstützung und entrollten ein Transparent: „Euer Kredit ist verspielt.“ Später kam es zu gewalttätigen Zusammenstößen mit der Polizei. „Was da passiert ist zeigt, dass die ganze Fußballbranche und die Fans nichts kapiert haben. Was nach dem tragischen Tod von Robert Enke vor vier Wochen gesagt wurde, das zeigt sich jetzt, war nur Heuchelei“, sagte Babbel, der eine Nacht lang Zeit hatte, um seine Abschiedsrede zu schreiben.

VfB scheiterte mit dem Trainerlehrling

Erst vor sechs Tagen hatte Klub-Präsident Staudt ihm trotz der sportlichen Talfahrt eine „Jobgarantie“ ausgestellt und gesagt, der Coach habe die „Lizenz zum Gas geben“ bis Weihnachten. Babbels Sofort-Maßnahmen erwiesen sich als wirkungslos. Er setzte Thomas Hitzlsperger als Kapitän ab. Er beförderte den zurückhaltenden Franzosen Matthieu Delpierre und sorgte mit der Missachtung von Nationalverteidiger Serdar Tasci für Unruhe in der Mannschaft. Unruhe, die schließlich bis zur Befehlsverweigerung ging, gab es auch bei Babbels Versuchen, die Rotation einzuführen. Mehrfach sprach sich der Großteil des Kaders dagegen aus.

Babbel und am Ende auch der VfB Stuttgart scheiterten mit dem ehrgeizigen Versuch, den „Trainer-Lehrling“ gleichzeitig die Fußballehrer-Lizenz in Köln machen zu lassen und den Profikader des VfB zu betreuen. Schon in der Vorbereitung auf die Saison fehlte Babbel, der VfB rutschte auf einen Abstiegsplatz. Nun steht nicht nur Babbel als Verlierer da, sondern auch Hundt und die Führungsetage der Schwaben.

Christian Gross im Porträt

Geburtsdatum: 14. August 1954 in Zürich

Karriere als Spieler: Grasshopper Zürich, Lausanne Sports, Neuchatel Xamax, VfL Bochum (1980-1982, 29 Bundesligaspiele), FC St. Gallen, FC Lugano; 1 Länderspiel für die Schweiz Karriere als Trainer: FC Wil (1988 bis 1993), Grasshopper Zürich (1993-1996), Tottenham Hotspur (1997), FC Basel (1999-2009), VfB Stuttgart (6.11.09 - Vertrag bis 30.6.2011)

Erfolge als Trainer: Schweizer Meister 1995 und 1996 mit Grashopper Zürich, 2002, 2004, 2005 und 2008 mit dem FC Basel; Schweizer Pokalsieger 1994 mit Grashopper, 2002, 2003, 2007, 2008 mit Basel; Champions-League-Qualifikation mit Grashopper 1995 und 1996, mit Basel 2002 und 2008; UI-Cup-Finale mit Basel 2001; Fußballtrainer des Jahres in der Schweiz 1994, 1996, 1997, 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2008

Quelle: FAZ.NET
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