Union Berlin müsste ein glücklicher Verein sein. Nach drei Spieltagen steht der Aufsteiger an der Spitze der zweiten Liga. Im erneuerten Stadion „Alte Försterei“, an dem über tausend Fans monatelang mit Hand anlegten, kam der große Nachbar Hertha BSC in der Sommerpause zur Eröffnung. Kurz danach gab sich Schalke 04 in Köpenick die Ehre. Werder Bremen trat kurz darauf zum Pokalspiel an. An diesem Mittwoch erscheint nun sogar der leibhaftige FC Bayern und stärkt die Kasse und das Selbstwertgefühl von Union noch ein bisschen mehr. Der Klub befindet sich im deutschen Fußball also wieder in bester Gesellschaft, fünf Jahre nachdem Union kurz vor der Pleite stand und in die vierte Klasse entschwand.
Vor gut zwei Monaten konnten die Köpenicker zudem noch einen erstklassigen Sponsorenvertrag abschließen. Das Unternehmen International Sport Promotion (ISP) sicherte eine Zusammenarbeit über fünf Jahre zu, für die erstaunliche Summe von zehn Millionen Euro. Wie es sich für ein modernes Fußball-Märchen gehört, ist ISP-Geschäftsführer Fietz ein früherer Trainer von Union. Eine „strategische Partnerschaft“ inklusive Herzensbindung sollte entstehen – mit Blick auf die Bundesliga. Seit diesem Montag liegt die Partnerschaft in Trümmern. Die DDR-Vergangenheit hat Union Berlin fast zwanzig Jahre nach dem Mauerfall eingeholt.
Der ISP-Aufsichtsratsvorsitzende Czilinsky hatte verschwiegen, als Führungsoffizier im DDR-Ministerium für Staatssicherheit tätig gewesen zu sein. Er wurde zum Wochenende enttarnt. Czilinsky soll 26 operative Vorgänge und mehrere Inoffizielle Mitarbeiter betreut haben – Union kündigte den Vertrag umgehend. Die Fans des Klubs galten vor der Wende als besonders regimekritisch und distanzierten sich sogar öffentlich von der Stasi. Für den Klub bedeutet die Rückkehr der alten Schatten daher nicht weniger den größten anzunehmenden Geschichtsunfall.
Das DDR-Erbe bleibt das große Kapital
Die Vergangenheit, die einfach nicht vergehen will, lebte im Aufstiegssommer noch in harmonischer Weise auf. Union musste alle seine Heimspiele während des Umbaus der „Alten Försterei“ im verhassten Jahn-Sportpark austragen, wo einst Stasi-Chef Erich Mielke auf der Ehrentribüne saß und dem großen und von ihm beförderten Rivalen BFC Dynamo applaudierte. Die Union-Spieler zogen sich im historisch kontaminierten Stadion nach ihrem Meisterstück neue Trikots über, auf denen sich die innere Haltung des Klubs in einem Wort wiederfand: „Auswärtsaufsteiger“.
Der belastete Aufsichtsratschef des rätselhaften Sponsors, der über seine Aktivitäten in Arabien und Afrika nur vage Auskunft gibt, trat zwar noch am Montagvormittag von seinem Posten zurück. Aber auch der Rückzug des früheren Stasi-Offiziers war für Union nicht genug, um an einer moralisch belastenden Verbindung festzuhalten, die wirtschaftlich zu schönsten Träumen verführte. Präsident Zingler fürchtete eine Zerreißprobe. Er war auch nicht für zehn Millionen Euro bereit, den Markenkern des Vereins, wie Vermarktungsexperten sagen würden, aufs Spiel zu setzen. Union hätte tatsächlich viel mehr als nur einen wichtigen Vertragspartner verlieren können – seine Identität. Das DDR-Erbe, das den Verein nun in Bedrängnis bringt, bleibt das große Kapital von Union Berlin.
Respekt
Tobias Braun (elbarune)
- 25.08.2009, 19:41 Uhr