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Uefa-Pokal-Finale „Das war nicht das wahre Gesicht von Werder“

21.05.2009 ·  Die Donezk-Brasilianer zerstörten beim 1:2 nach Verlängerung Werders Traum vom Gewinn des Uefa-Cups. Nun soll der Bremer Spielmacher Diego wenigstens ein Berliner Abschiedsgeschenk hinterlassen - am 30. Mai.

Von Thomas Klemm, Istanbul
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Nach dem Endspiel ist vor dem Endspiel: Als die Fußballprofis von Werder Bremen in der für sie tristen Istanbuler Uefa-Pokal-Nacht mit hängenden Köpfen und Schultern zur Fankurve schlichen, um sich für die letztlich vergebliche Unterstützung zu bedanken, bewiesen die Anhänger ein feines Gespür für die Lage ihrer Lieblinge. Mochten die Bremer Pokalträume am späten Mittwochabend auch fürs Erste vorbei gewesen sein nach dem 1:2 gegen Schachtjor Donezk, der Vertrauensvorschuss war nach den 120 enttäuschenden Minuten im Uefa-Pokal-Finale längst nicht aufgebraucht (siehe auch: 1:2 gegen Donezk - Werder Bremen verliert das Uefa-Pokal-Finale).

„Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“, intonierte ein Großteil der 5000 mitgereisten Werder-Fans in die Stille nach dem Schlusspfiff hinein. Auf dem DFB-Pokal-Endspiel gegen Bayer Leverkusen am Samstag in einer Woche (20.00 Uhr / FAZ.NET-DFB-Pokal-Liveticker) ruhen die Bremer Hoffnungen, eine schwache Bundesligasaison doch noch mit einem Titel zu beenden. Es bietet zugleich die letzte Chance, nach zuletzt fünf ziemlich fetten Jahren in der Champions League auch in der kommenden Saison um internationale Meriten zu spielen. „In unserem zweiten Finale müssen wir uns noch mehr reinhängen“, forderte Torhüter Tim Wiese, der mit seiner breitschultrigen Art in Istanbul aus einer weitgehend verzagten Werder-Elf herausragte.

„Das war nicht das wahre Gesicht von Werder“

Für einen internationalen Titel fehlte der Mannschaft, die im Sükrü-Saracoglu-Stadion auf clevere und spielerisch überlegene Ukrainer traf, die Platzreife. Die meisten Bremer waren am Mittwoch damit ausgelastet, den Spieltrieb der fünf quirligen Donezk-Brasilianer zu stören; dem Rest fehlten die Nerven, um in einem europäischen Finale kreativ Akzente zu setzen. „Zu ängstlich“ sei die Mannschaft aufgetreten, urteilte Wiese, der mehrfach die Fehler seiner Vorderleute wettmachen konnte, aber bei den Treffern von Luiz Adriano (25. Minute) und Jadson in der Verlängerung (97.) wenig zu retten vermochte. „Das war nicht das wahre Gesicht von Werder“, sagte Manager Klaus Allofs, der sich in seiner nüchternen Analyse nur einen Hauch von Wehmut erlaubte: „Das Traurige ist, dass wir eine gute Chance gehabt hätten, das Finale zu gewinnen, wenn wir komplett gewesen wären.“ (siehe auch: Die Stimmen zum Finale: „Das ist natürlich ein heftiger Schlag“)

Uefa-Pokal-Finale: „Das war nicht das wahre Gesicht von Werder“

Wer den Bremern geholfen hätte, wäre ein international erfahrener Abwehrrecke wie Nationalspieler Per Mertesacker, ein durchsetzungsfähiger Stürmer wie Hugo Almeida, aber vor allem jener Mann, der immer und überall für Überraschungsmomente gut ist: Diego, der Regisseur. Die Nachrücker für den einen Verletzten und die beiden Gesperrten hießen Prödl, Niemeyer und Rosenberg: allesamt passable Bundesligaprofis, aber nicht stark genug, um in einem europäischen Endspiel Schrecken zu verbreiten (siehe auch: Die Einzelkritik zum Finale: Wiese unglücklich - Naldo stark - Özil blass). „Einige Spieler waren angespannt und kamen mit der Situation nicht zurecht“, sagte Allofs, der vorab noch auf die „Siegermentalität“ gesetzt hatte, die Werder zuletzt im Halbfinal-Rückspiel beim Hamburger SV zeigte. Doch mehr, als durch ein Freistoßtor von Naldo (35.) die Verlängerung zu erzwingen, war nicht drin für Werder.

Gewitzter Vorbereiter und kaltschnäuziger Vollstrecker

Vor allem das Fehlen Diegos reizte die Norddeutschen, die Finalniederlage gegen Donezk im Werderschen Konjunktiv zu analysieren: Was wäre gewesen, wenn Bremens bester Torschütze dieser Europapokalsaison (sechs Treffer) das Spiel hätte an sich reißen können? Was wäre geschehen, wenn sich der Brasilianer ebenso als gewitzter Vorbereiter und kaltschnäuziger Vollstrecker präsentiert hätte wie seine Landsleute im Donezker Trikot? „Diego kann ein Spiel alleine entscheiden“, antwortete Clemens Fritz. Selbst sein Kollege Torsten Frings, nicht gerade ein ausgewiesener Diego-Freund, musste neidlos anerkennen, „dass uns die Durchschlagskraft nach vorne gefehlt hat“.

Zwar hatten die Bremer auch schon ohne ihren Regisseur den einen oder anderen Coup gelandet wie im letzten Champions-League-Gruppenspiel, als sie sich durch ein 2:1 gegen Inter Mailand auf den letzten Drücker für die weitere Uefa-Pokal-Teilnahme qualifizierten (siehe auch: Bremer Europapokal-Saison: Achterbahnfahrt mit bitterer Endstation). Doch um ein Finale zu gewinnen gegen eine ehrgeizige Mannschaft, die ihrem schwerreichen Besitzer Rinat Achmetow den ersten internationalen Titel bescherte, war der Bremer Kader nicht gut genug besetzt. Da half es auch nichts, dass Trainer Thomas Schaaf vom forschen Werder-Stil Abstand nahm und seinen Europa-Express am Zielort Istanbul lieber in eine Warteschleife schickte.

„Das gehört zur Entwicklung eines jungen Spielers“

Das Problem von vorgestern könnte zum Problem von morgen werden, wird Diego den Bremern doch nach drei tollen Jahren den Rücken kehren. Als Stellvertreter ist der schmächtige Mesut Özil auserkoren, der im Uefa-Pokal-Finale aber der Bürde, den Brasilianer als Spielmacher zu ersetzen, nicht gewachsen war. Der deutsche Jung-Nationalspieler vermied Ballkontakte mehr, als er sie forderte, wirkte so sehr mit sich beschäftigt, dass er dem äußeren Druck zu keiner Zeit standhielt. „Er hat Fehler gemacht, die ihm sonst nicht unterlaufen“, sagte Allofs, der die schwache Leistung des Zwanzigjährigen aber nachsichtig beurteilte: „Das gehört zur Entwicklung eines jungen Spielers.“

Für das Endspiel nach dem Endspiel sieht sich Werder Bremen gleichwohl gerüstet. Die Enttäuschung müsse in neue Motivation übergehen, sagte Schaaf in der Nacht von Istanbul, auf die zunächst das letzte Ligaspiel beim Titelanwärter VfL Wolfsburg folgt, ehe eine Woche später das DFB-Pokal-Finale ansteht. „Dem sind wir gewachsen“, sagte Mertesacker fast trotzig. Vor allem, weil im Berliner Endspiel wohl ein allerletztes Mal jener Mann auf dem Feld stehen wird, auf den sich Werder in entscheidenden Momenten stets verlassen konnte: Diego, wer sonst.

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Jahrgang 1966, Sportredakteur.

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