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TSG Hoffenheim Schieflage auf allen Ebenen

15.04.2010 ·  Die TSG Hoffenheim ist in der Krise: Nach dem Höhenflug aus dem Vorjahr ist die Idylle um Mäzen Dietmar Hopp und den Dorfverein zerstört. Die Zukunft von Trainer Rangnick ist fraglich. In den vier letzten Spielen entscheidet sich viel.

Von Oliver Trust, Zuzenhausen
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Wird Ralf Rangnick im Spätsommer noch Trainer von 1899 Hoffenheim sein? Vier Spieltage vor Ende der Fußball-Bundesligasaison fällt der Name immer wieder. Denn im Zuge der Krisenbewältigung beim badischen Klub rückt Rangnicks Verdienst in den Mittelpunkt: Er hat den einstigen Regionalligaklub im Eiltempo bis in die Bundesliga geführt und dazu nicht wie avisiert fünf Jahre gebraucht, sondern nur drei. Dass fast jeder Hoffenheimer genau daran erinnert, wenn von der aktuellen Krise und dem Absturz aus einer heilen Welt die Rede ist, zeigt, wie schwer die Aufarbeitung des sportlichen Niedergangs und der Blick in die Zukunft fallen.

Ob es Sinn macht, diesen Weg fortzusetzen, überlegt selbst Coach Rangnick – trotz seines bis 2011 laufenden Vertrages. Die Aussagen von Klub-Mäzen Dietmar Hopp und Manager Jan Schindelmeiser registriert er zwar, viel wichtiger jedoch erscheint es ihm, sich vorerst nur auf bessere sportliche Ergebnisse zu konzentrieren. Denn der Abstand zur Abstiegszone ist bedenklich gering geworden. „Ich denke, es geht mit dem Trainer weiter“, sagt Hopp. „Es liegt an ihm. Bis Saisonende haben wir Klarheit.“ Die Gesellschafterversammlung und er hätten sich klar für Rangnick ausgesprochen, fügt Hopp hinzu. Schindelmeiser wird nicht müde, den Coach als optimale Besetzung zu bezeichnen. Er halte Rangnick für den bestmöglichen Trainer für Hoffenheim.

Die Schieflage, in die der Herbstmeister der vergangenen Saison geriet, ist auf allen Ebenen des Klubs spürbar. Auch im Innenverhältnis der „Führung“ scheint einiges verrutscht. Schindelmeisers Beförderung zum Geschäftsführer vor einem Jahr, der faktisch vom Zuarbeiter des 51 Jahre alten Rangnick zum Vorgesetzten des Cheftrainers aufstieg, löste Irritationen aus. Mit der Veränderung der Machtverhältnisse entstanden plötzlich zwei Ansprechpartner im operativen Geschäft. Es müsse sich „zeigen“, wie „das in der Praxis funktioniert“, sagt Hopp. Rangnicks Kompetenzen hatte er mit seiner Aktion nicht bewusst beschneiden wollen. Einbezogen in die Überlegungen wurde der Cheftrainer aber auch nicht.

Sitzblockade vor der Rhein-Neckar-Arena

Pessimisten sehen nur eine kleine Chance zu kitten, was in den vergangenen Monaten zu Bruch ging angesichts der Flut an Disziplinlosigkeiten, mit der eine junge Mannschaft ihren Trainer vor eine harte Probe stellte. Rangnick, so Beobachter, habe auf Auswüchse zu spät reagiert und wirke nicht mehr so kämpferisch, was er dementiert. Über Verstöße gegen die Kleiderordnung wurde berichtet, über einen nächtlichen Diskobesuch nach einer Niederlage, über drei Profis, die im Trainingszentrum zu spät den Weg aus ihren Zimmern zum Abschlusstraining fanden. Oder über den Brasilianer Luiz Gustavo, der einen 160.000 Euro teuren Sportwagen erstand, der sich als gestohlen erwies und von der Polizei eingezogen wurde. 1899, einst als Projekt der Zukunft gefeiert, wurde zum Mittelpunkt einer schnöden Neiddebatte, die nicht immer auf rationaler Ebene geführt wurde. Zuletzt mündete sie in „Rangnick raus“- Rufe und in eine Sitzblockade vor der Rhein-Neckar-Arena.

Optimisten – dazu zählen sich öffentlich jedenfalls Rangnick, Schindelmeiser und Hopp – sprechen von „großer Zuversicht“ (Hopp) und davon, der „Mannschaft jetzt die Luft zum Atmen zu lassen“ (Hopp). In den kommenden vier Spielen, beginnend mit der Partie am Sonntag bei Borussia Dortmund, soll sich herausstellen, wie viel Energie Trainer und Spieler zur Wende aufbringen können. Um Hoffenheims Auftritt neuen Schwung zu verleihen, veränderte Rangnick seinen Führungsstil. Er ist strenger geworden. Rangnick legte verbindliche Ausgehzeiten (bis 23 Uhr) fest, er entzog Sejad Salihovic gegen Köln die Kapitänsbinde, setzte den formschwachen Marvin Compper auf die Bank und kündigte an, „bestimmte Dinge nicht mehr zu hinterfragen“, so wie er es dreieinhalb Jahre lang getan habe, sondern „nicht mehr auf alles mit Verständnis zu reagieren“.

Gleichzeitig betonte Rangnick, der seit Ende Dezember lange um seinen schwer erkrankten und inzwischen wieder genesenen Vater bangen musste, es mache derzeit wenig Sinn, über die Zukunft zu sprechen. Nach den vier Spielen läge eine lange Sommerpause vor allen Beteiligten, die genug Raum biete, diese Dinge anzugehen.

„Ich finde es richtig, dass Ralf Rangnick jetzt mit mehr Strenge reagiert“

Vorerst sucht man nach konstruktiven Auswegen aus der Misere. Hopp lehnt große Investitionen ab und will weitgehend auf den vorhandenen Kader bauen. Am Dienstag führte Rangnick ein langes Gespräch mit dem Mannschaftsrat über geeignete Maßnahmen. Für diesen Donnerstag hat Gesellschafter Hopp das Spielergremium zu einer Unterredung einbestellt. „Im Moment spürt man an allen Ecken und Enden Verunsicherung“, sagt Hopp, der sich vom Treffen mit den Profis weitere Antworten erhofft: „Ich finde es richtig, dass Ralf Rangnick jetzt mit mehr Strenge reagiert, obwohl mir ein menschlicher Führungsstil grundsätzlich lieber ist."

Die Frage bleibt, ob die Maßnahmen zu spät kommen, sich die Krise mit Gesprächen und kleinen personellen Änderungen im Kader beheben lässt. Oder ob nicht das gesamte Projekt in Gefahr geraten ist. Das Bundesligafinale betrachten Hopp und Rangnick als Testlauf. „Wir müssen die Fans zurückgewinnen und auch Reputation. Wir müssen dafür sorgen, dass wir Sponsoren nicht verprellen“, sagt Hopp. Ralf Rangnick nennt das „die Basis für die neue Saison legen“. Vier Punkte aus den vier Spielen wünscht sich Dietmar Hopp. Und dass „Ruhe einkehrt.“

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