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TSG Hoffenheim : In Ungnade gefallen

Gute Miene: Hoffenheims Trainer Markus Gisdol Bild: dpa

Noch ist Markus Gisdol nicht Geschichte bei der TSG Hoffenheim: Aber die Luft ist sehr dünn. Das Vertrauen in den einstigen Retter scheint bei Mäzen Hopp aufgebraucht.

          Ganz oben stand Dietmar Hopp allein vor seiner Loge. Die rechte Hand am Kinn, mit einem langen Fanschal der TSG 1899 Hoffenheim um den Hals, grübelte der Gesellschafter, Besitzer und Patron des Kraichgauer Bundesligaklubs. Was tun, mag er sich in diesen Momenten während der ersten Halbzeit des völlig verkrampften Fußballspiels seiner Mannschaft gegen den Hamburger SV gedacht haben. Nach Tagen, in denen er drauf und dran gewesen sein soll, Trainer Markus Gisdol zu feuern. Nach Wochen, in denen die Nordbadener sportlich nichts bewegten, nur einmal gewannen und bis auf den vorletzten Platz der Tabelle sackten. Erst ein vertrauliches und tags darauf doch in einem Boulevardblatt publiziertes Gespräch am Dienstag mit den Profis Kevin Volland, Pirmin Schwegler und Eugen Polanski bewog den Mann, der über 350 Millionen Euro in sein sportliches Renommierprojekt investiert hat, Gisdol eine letzte Chance zu geben.

          Roland Zorn

          Sportredakteur.

          Was nun, wird sich der 75 Jahre alte Mitbegründer des Walldorfer Weltkonzerns SAP nach der 0:1-Niederlage durch Lasoggas späten Treffer (88. Minute) gegen den deutlich besseren und im Gegensatz zu den Nordbadenern selbstbewussten HSV gefragt haben. Schließlich hatten die Getreuen des Hoffenheimer Übungsleiters auf dem Rasen der Rhein-Neckar-Arena keine Argumente für eine Weiterbeschäftigung ihres 46 Jahre alten Fußballlehrers geliefert.

          Letzte Statements?

          Gisdol saß ganz unten wie versteinert auf der Bank, als dann doch noch passiert war, was spätestens nach der Gelb-Roten Karte für den Hoffenheimer Innenverteidiger Bicakcic (68.) nahelag. Als Erster verließ er den Innenraum des Stadions Richtung Kabine, um sich zu sammeln für seine öffentlichen Auftritte danach. Es könnten vorerst die letzten Statements im Namen der TSG 1899 gewesen sein. Der Mann, dem sein Freund, der Hoffenheimer Sportdirektor Alexander Rosen, noch einmal bescheinigte, „ein sehr guter Trainer und ein toller Mensch“ zu sein, redete nicht um seine Situation herum. „Grundsätzlich sind wir Trainer auch Menschen und haben auch Gefühle. Ich habe versucht, mich auf die Arbeit zu konzentrieren. Das andere musst du ausblenden.“

          „Das andere“ ist das Misstrauen, das Gisdol in diesem Verein seit einiger Zeit zu spüren bekommt, was einerseits mit den zurzeit schwachen Leistungen des Teams zusammenhängt, aber auch mit den Abkapselungen, die es in diesem Klub auf der grünen Wiese gibt, wo jeder vor sich hin zu werkeln scheint. Gisdol hat zuletzt das Gespräch mit dem Mäzen und Fußballfan kaum noch gesucht, hat bei den Verhandlungen um eine vorzeitige Ausdehnung seines Vertrages bis 2018 einmal sogar seinen Berater vorgeschickt und sich auch mit seinen üppigen Gehaltsforderungen nicht gerade Hopps nachhaltige Gunst erkauft. Das war sicher ein Fehler des Schwaben, dessen Verhältnis zur Mannschaft im Großen und Ganzen intakt geblieben sein soll. Hopp, der der Rhein-Neckar-Region sehr viel gegeben hat, will im Gegenzug für seine Großzügigkeit auch ein wenig geliebt und als Fußballkenner geschätzt werden - eine Geste des Respekts, die ihm Gisdol zuletzt schuldig blieb.

          Einsam auf der Tribüne und ratlos: Mäzen Dietmar Hopp
          Einsam auf der Tribüne und ratlos: Mäzen Dietmar Hopp : Bild: dpa

          Den Retter-Bonus, der den im April 2013 zurückgeholten früheren Coach der Hoffenheimer „U23“-Mannschaft lange unantastbar machte, brauchte der Trainer unterdessen selbst auf. Damals war er ein gefeierter Held, als er, zu einer scheinbaren Mission Impossible angetreten, den Klub vor dem sicher anmutenden Abstieg in die Zweitklassigkeit bewahrte. Danach ging es zwei Jahre lang wieder aufwärts mit den Hoffenheimern, ohne dass die Strahlkraft der über Mittelmaß selten hinauskommenden Mannschaft besonders hell geleuchtet hätte.

          Gravierende Fehler in der Kaderplanung

          In dieser achten Bundesligasaison der Kraichgauer aber unterliefen Gisdol und Rosen, den Kaderplanern, ein paar gravierende Fehler. Dass von den 57 Millionen Euro, die die TSG für den Verkauf einer Reihe von Stammkräften, darunter der brasilianische Fußballkünstler Roberto Firmino (er wechselte für 41 Millionen Euro zum FC Liverpool), nur 23 Millionen Euro reinvestiert wurden, war nicht das Dilemma. Eher, dass neue Profis wie Eduardo Vargas, Jonathan Schmid, Fabian Schär, Mark Uth, Kevin Kuranyi oder Pavel Kaderabek bis heute nicht die Verstärkungen sind, die sich Gisdol und Rosen erhofft hatten. Das Team wirkt bei allem Bemühen, temporeich im Wechsel zwischen Pressing und Gegenpressing zu agieren, vergleichsweise langsam und so gut wie nie souverän und seiner selbst sicher. Es ist kein Zufall, dass die Hoffenheimer nun schon viermal in dieser Spielzeit zum Greifen nahe Siege oder Unentschieden in den Schlussminuten verspielten und inzwischen zu den abstiegsbedrohten Klubs gehören.

          „Wir haben vielleicht wieder zu viel gewollt“, beklagte Kapitän Schwegler die Umstände der jüngsten Niederlage, als sich die Mannschaft in Unterzahl nach ihrer einzig guten Torgelegenheit durch Toljan (87.) von den Hamburgern auskontern ließ. „Wir haben wieder versagt“, sagte der Schweizer auch noch, der sinnbildlich für den Zustand seiner Mannschaft an der Wange und am Kinn dick verpflastert aus der Kabine kam. Dabei wollten die Spieler sich selbst, ihrem Trainer und vor allem Dietmar Hopp den, so Schwegler, „großen Ruck“ bescheren, der den Klub wieder vereinen sollte. Stattdessen herrschte an diesem milden Oktoberabend triste Novemberstimmung. Es lag ein Hauch von Abschied in der Luft, als Rosen beim Blick auf Gisdol sagte: „Wir werden unser beider Zukunft nicht aneinander binden.“ Der Zeitpunkt werde kommen, „wo wir nicht mehr zusammenarbeiten“. Zumindest am Samstag stand Gisdol noch wie gewohnt auf dem Trainingsplatz in Zuzenhausen. Doch der Abschied, das lag nach dem zu Hoffnungen wenig Anlass bietenden Auftritt der Spieler gegen den HSV nahe, scheint in Kürze bevorzustehen.

          Quelle: F.A.S.

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