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Veröffentlicht: 13.10.2016, 12:22 Uhr

Julian Nagelsmann im Gespräch „Ich hatte nicht viel Zeit, jung zu sein“

Der Hoffenheimer Trainer Julian Nagelsmann hat seine besten Ideen morgens im Bad. Ein Gespräch über seine Lust am Experimentieren, warum er selbst einen Coach hat und weshalb er seine Spieler gerne überfordert.

von , Zuzenhausen
© dpa Der Hoffenheimer Julian Nagelsmann ist der jüngste Bundesligatrainer

Herr Nagelsmann, dürfen Ihre Spieler Sie eigentlich duzen?

Michael Wittershagen Folgen:

Auf jeden Fall. Aber es gibt ein paar Spieler, die ich schon in der Jugend trainiert habe und die „Herr Nagelsmann“ sagen.

Sie sind 29 Jahre alt, mit 28 wurden Sie Cheftrainer in Hoffenheim. Danach war die Rede vom „Trainer-Bubi“, vom „Trainer-Lehrling“ oder „Trainer-Wunderkind“ - wie hat Ihnen das gefallen?

Ich kann mit all diesen Assoziationen nicht so viel anfangen. Klar, ich bin sehr jung, aber ich bin kein Lehrling mehr, ein Bubi ist noch unter 18, da liege ich schon deutlich drüber. Ein Wunderkind bin ich auch nicht. Ich habe hart gearbeitet und viel gelernt, um diesen Job zu machen.

Der Verein hat mehr als einhundert Interviewanfragen bekommen. Menschen aus Asien, den Vereinigten Staaten oder aus England wollen mit Ihnen reden. Wie gehen Sie mit diesem Hype um?

Wenn jemand so jung als Trainer in die Bundesliga kommt, dann ist das offenbar ein Thema. Ich habe mich damit früh beschäftigt, war gut vorbereitet.

Hoffenheim war Vorletzter, als Sie den Verein übernommen haben. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Ansprache?

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Es war in unserer Kabine, nicht in einem normalen Besprechungsraum. Sie ist sehr groß, da ist es schwer, eine optimale Position zu finden, in der dich jeder sehen kann und du eine gute Ausstrahlung entwickeln kannst - zumal noch eine Säule mit einer großen Tafel in der Mitte steht. Ich musste mich also um 270 Grad drehen, um jeden zu sehen, und da ist es nicht so einfach, sofort Wirkung zu erzielen. Ich habe mich am Abend davor auf diese Rede vorbeireitet und ganz bewusst darauf verzichtet, über die Tabellensituation zu sprechen. Die kannte sowieso jeder. Über eine Situation zu sprechen verändert sie auch nicht. Es geht um Inhalte. Also habe ich über die Zukunft gesprochen, darüber, wohin ich mit der Mannschaft möchte.

Viele sehen im Nagelsmann-Fußball etwas, das mit alten Überzeugungen im Abstiegskampf bricht. Sie lehrten Ihre Spieler zum Beispiel, in möglichst wenige Zweikämpfe zu gehen und den Erfolg in der Offensive zu suchen. Warum?

In jedem Zweikampf stecken Zufallsparameter, der Ball kann so oder anders wegspringen, ins Aus oder einem Gegner vor die Füße. Der Schiedsrichter kann für oder gegen uns entscheiden. Deshalb habe ich es lieber, dass wir den Ball gewinnen, indem wir gut verschieben, Passoptionen versperren, geschickt Druck ausüben auf den Ballführer und ihn so vielleicht zu einem Fehlpass zwingen. Und nach der Balleroberung spielt das Tempo eine große Rolle, um eine Torchance zu erarbeiten. Da ist es ganz nützlich, wenn ich nicht vorher noch fünf Zweikämpfe führen muss.

42836279 © dpa Vergrößern Einst Schüler, heute Kollege: Nagelsmann war Jugendspieler unter Thomas Tuchel

Wie viel Zeit bleibt einem da?

Dreizehn Sekunden haben wir gegen Schalke von der Balleroberung bis zum Tor gebraucht, gegen Ingolstadt auch. Das ist ein guter Wert. Dauert er länger, hat sich der Gegner schon wieder so sortiert, dass es deutlich schwerer wird.

Und diese dreizehn Sekunden kann man trainieren?

Ja, ich halte allerdings nichts von Automatismen, weil diese davon ausgehen, dass eine Situation immer gleich ist, ansonsten funktioniert der Ablauf ja nicht mehr. Das passt jedoch nicht zur Realität mit 22 Spielern auf dem Platz. Wenn der Gegner dann nur einen halben Meter weiter links steht, dann weiß der Spieler auf einmal nicht mehr, was er machen muss. Ich arbeite deshalb lieber mit Prinzipien, die ich den jeweiligen Situationen überordne. Die meisten davon sind relativ einfach. Sie gelten bei mir immer, in jedem Training, in jedem Spiel, völlig losgelöst vom Gegner oder von der geometrischen Anordnung der Spieler auf dem Feld. Beispielsweise Prinzipien des Konterspiels.

Welche sind das?

Das verrate ich nicht, weil ich dann meine eigene Gegneranalyse betreiben würde. Über allem steht bei mir aber das Zwei-Kontakte-Prinzip, also Annahme und Pass. Das will ich immer sehen, egal, ob der Gegenspieler attackiert oder nicht. Ich habe mir viele Topspiele angesehen, und selbst der FC Barcelona spielt im vorderen Angriffsdrittel ganz wenig direkt, und deren Spieler gehören immerhin zu den besten auf diesem Planeten. Die Spielbeschleunigung durch einen direkten Pass wird oft dadurch kaputt gemacht, dass ein Pass nicht sauber gespielt wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass du zehn Direktpässe so perfekt spielst, dass du a) zum Abschluss kommst und b) wirklich schneller bist als mit zwei kontrollierten Kontakten, ist sehr gering. Deshalb verzichten wir darauf. Ich bringe von zehn Angriffen lieber acht zum Abschluss, auch wenn es einen Tick länger dauert, als nur zwei zum Abschluss zu bringen - und es geht rasend schnell.

© Andreas Brand F.A.Z.-Sportredakteur im Footbonaut-Selbstversuch

Wann haben Sie Ihre besten Ideen?

Am Morgen im Badezimmer. Ich male das dann mit Lineal und Bleistift auf einen Schmierzettel. Später schaue ich, ob die Idee mit der Realität übereinstimmt, suche nach Videoszenen, die dazu passen. Und dann ist es häufig so, dass ich es mit meiner Mannschaft probiere.

Kaum ein Trainer experimentiert so viel, verändert so oft die Grundformation. Erklären Sie uns doch mal, wie Sie Ihre Mannschaft aufstellen.

Grundsätzlich denke ich erst einmal über die Besetzung der vorderen Spitzen nach. Da gehe ich vom gegnerischen Ballbesitz aus, suche nach Räumen und frage mich, wie ich die gegnerische Kette binden kann, um kontrolliert in die letzte Linie zu kommen. Anhand dessen suche ich nach einer Grundordnung, mit der wir unsere Prinzipien gut auf den Platz kriegen, um den Gegner gut unter Druck setzen zu können. Defensiv achte ich auf viele Ebenen, so dass der Gegner nicht mit einem Pass zwei unserer Spieler ausspielt und auf unsere Kette zulaufen kann. Deshalb halte ich beispielsweise nichts von einem flachen 4-4-2-System. Offensiv geht es um gute Winkel, um wenig Querbälle im Spiel zu haben.

Zuletzt haben Sie zwei Mal auf eine Dreierkette in der Verteidigung gesetzt, ändern aber auch während des Spiels oft das System. Wie groß ist die Herausforderung dabei?

Es gibt viele Menschen, die vom Fußball sehr viel Ahnung haben, den Gegner vor dem Spiel anhand von Videobildern zerlegen und so einen ordentlichen Plan entwickeln, der in der Theorie gut ist für einen Sieg. Im Spiel zu reagieren ist dann eine Herausforderung - sowohl für den Trainer als auch für die Spieler. Als Coach musst du dir vielleicht schon nach zehn Minuten eingestehen, dass dein Plan nicht funktioniert, und die Spieler müssen blitzschnell umdenken können. Das trainieren wir.

 
1899-Trainer Julian Nagelsmann im Interview: „Ich hatte nicht viel Zeit, jung zu sein“

Wie sieht der ideale Spieler für das System Nagelsmann aus?

Das hängt von der Position ab.

Muss er denn intelligent sein?

Grundsätzlich habe ich es schon gern, wenn meine Spieler mitdenken und nicht einfach nur in den Tag reinleben und schauen, was passiert. Ich mag es nicht, wenn Spieler nur trainieren und wieder heimfahren. Wir schreiben deshalb oft schon vor dem Training auf, worum es in der Einheit geht. Mein Traum ist es, dass meine Spieler sich erst über die Ziele Gedanken machen, trainieren und danach überlegen, was sie gelernt haben oder hätten tun müssen, um noch mehr zu lernen.

Merken Sie, dass Ihre Spieler manchmal mental erschöpft sind, richtig gestresst von Ihrem Training?

Ja, oft überfordere ich meine Spieler ganz bewusst. Denn wenn ich ihnen am Tag zehn Dinge mitgebe und sie lernen vier davon, bin ich glücklicher, als wenn ich mich an die Lerntheorie halte, in der maximal fünf Dinge pro Tag das Ziel sind, von denen sie sich dann zwei merken können. Auch ich habe einen Coach für mich, mit dem ich zusammenarbeite, um mich weiterzuentwickeln. Eine Idee von uns war, dass ich pro Woche eine Einheit für die Spieler einbaue, in der kognitiv nichts gefordert wird, in der nur gekickt wird, ohne irgendwelche Vorgaben, ohne Erklären und Nachdenken.

Wer ist Ihr Trainer?

Das bleibt mein Geheimnis, wir treffen uns von Zeit zu Zeit. Es ist niemand aus dem Fußball. Es gibt dabei immer einen theoretischen Inhalt über Lerntheorie, Motivation, über Teamführung, in dem er mir dann von den neuesten Entwicklungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen erzählt. Es sind immer Themen, die mich gerade beschäftigen, bei denen ich mich verbessern möchte.

Was hat Sie zuletzt beschäftigt?

Die optimale Spielbesprechung zwischen Donnerstag und Samstag. Wie kann ich das von der Lerntheorie her optimal gestalten mit Video, Schautafel, Training, so dass es die Spieler gut umsetzen können und sich länger als einige Minuten an den Plan erinnern.

In der vergangenen Woche haben Sie beim Training eine Kamera-Drohne aufsteigen lassen. Welche Rolle spielt die Videoanalyse?

Eine ganz entscheidende. Spieler lernen mehr und schneller, wenn ich ihnen die Inhalte visualisiere. Erlebt, gesehen und wieder erlebt - in dieser Kombination bleibt am meisten haften im Gehirn, deshalb arbeiten wir so. Wir probieren hier einfach alles aus und schauen am Ende, ob uns das etwas bringt oder nicht.

Wie wichtig ist die Taktik heute für den Erfolg?

Sie macht 35, vielleicht 40 Prozent aus. Der Rest ist vor allem Teamführung. Wenn du ein Topfachmann bist, aber ein Sozialidiot, dann wirst du schon gewisse Erfolge haben - aber nicht über lange Zeit und nicht mit jedem Team. Und wenn du ein Superteamführer bist und fachlich eine Vollpfeife, dann wird es auch nicht für viel reichen. Aber wenn du ein guter Teamführer bist und fachlich was draufhast, dann wirst schon erfolgreich sein.

Ist Hoffenheim für einen jungen Trainer ein ideales Fußball-Biotop?

Wenn man alles bewertet, diese wunderbare Infrastruktur, die Medienlandschaft, die sicher unaufgeregter ist als in größeren Städten, die Klubstruktur, in der es sehr viele junge Leute gibt wie in einem Start-up-Unternehmen, dann ist das schon ein sehr guter Verein, in dem man sehr gut reifen kann.

Als Sie zwanzig Jahre alt waren, ist erst Ihr Vater gestorben, kurz danach mussten Sie Ihre Fußballkarriere wegen eines Knorpelschadens beenden. Mussten Sie schneller erwachsen werden als andere?

Insgesamt musste ich sicher schneller erwachsen werden als viele andere. Ich hatte nicht so viel Zeit, jung und unbeschwert sein zu können. Wegen des Fußballs bin früh von Zu Hause ausgezogen, von da an musste ich für mich selbst sorgen: Kochen, Einkaufen, Dinge, all das, was man normal mit neunzehn oder zwanzig macht, habe ich schon mit fünfzehn erledigen müssen. Dazu kam der Tod meines Vaters, danach habe ich meine Familie unterstützt und Aufgaben erledigt, die für mein Alter eher untypisch waren: das Haus verkaufen, ein neues Haus suchen für meine Mutter. Das alles führt dazu, den Blick auf das Wesentliche zu lenken, zu erkennen, dass es Bedeutenderes im Leben gibt als Fußball. Diese Erfahrungen waren sehr hart für mich und meine Familie, aber sie haben mich reifen und bewusster mit dem Leben umgehen lassen.

Hilft Ihnen diese Erfahrung heute noch?

Wir sollten uns im Fußball nicht allzu wichtig nehmen. Auch wenn man abends die Nachrichten einschaltet, merkt man schnell, dass man als Bundesligatrainer doch eher eine unbedeutende Rolle spielt. Der Fußball hat für das Weltgeschehen keine allzu hohe Relevanz. Diese Einordnung nimmt mir zum Beispiel die Angst vor einer Entlassung. Ich weiß, dass ich trotzdem ein glücklicher Mensch sein kann. Ich brauche den Bundesliga-Zirkus nicht für mein Lebensglück, ich könnte auch wieder als Jugendtrainer arbeiten und wäre zufrieden.

Trotzdem haben Sie sicher Ziele. Was soll denn das noch kommen in Ihrer Karriere?

Ich will zunächst in Hoffenheim erfolgreich sein. Ich hänge sehr an dem Verein, ich habe ihm viel zu verdanken und wünsche mir sehr, dass wir eine positive Stimmung im Gesamtverein etablieren. Natürlich will ich gern mal einen Titel gewinnen und als Trainer einen Pokal in der Hand halten. Wer will das nicht? Das war damals (2014 deutscher Meister mit Hoffenheims U19, Anm. d. Red.) schon unfassbar emotional, beim 3:0 habe ich Tränen in den Augen gehabt. Da möchte ich mir gar nicht ausmalen, wie das wäre, wenn es mal irgendwann 2:0 für uns in einem größeren Finale steht. Das ist ein Traum. Aber auch da ist es so: Wenn ich keinen Pokal gewinne, geht bei mir auch nicht die Luft raus.

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