Tausende haben bei der Trauerfeier in der Arena von Hannover Abschied von Robert Enke genommen, Millionen saßen vor den Fernsehschirmen. Der letzte Weg des Torwarts des Bundesligaklubs Hannover 96 und der deutschen Nationalmannschaft war gesäumt von einer riesigen Trauergemeinde.
Der 32 Jahre alte Profi hinterlässt ein Vermächtnis, mit dem der Sport lernen sollte umzugehen. „Fußball darf nicht alles sein“, sagte Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, in seiner Hommage an Enke und forderte „ein Stück mehr Menschlichkeit, ein Stück mehr Zivilcourage, ein Stück mehr Bekenntnis zur Würde des Menschen“ ein.
Nach den Tagen des Innehaltens, der Nachdenklichkeit in der Ellbogengesellschaft des Berufsfußballs wird man sehen, ob all die guten Vorsätze und Deklamationen über den Tag hinaus Veränderungen in Gang setzen. Von diesem Montag an wird wieder um Punkte, Tore und Siege gekämpft – auch in Hannover, wo sich die Mannschaftskameraden des verstorbenen Kapitäns irgendwie auf die nächste Bundesliga-Aufgabe am kommenden Samstag beim FC Schalke 04 vorbereiten und konzentrieren müssen.
Davor tritt am Mittwoch Enkes zweite Heimmannschaft, die Nationalelf, ebenfalls in Gelsenkirchen, gegen das Team der Elfenbeinküste an. Der Alltag im Showbusiness Fußball setzt also aufs Neue ein – und das ist gut so, da der Sport ja auch eine Projektionsfläche für Identifikation, Teamgeist und Ablenkung bietet.
Zwischen den immer wieder neu erlebten emotionalen Polen Sieg und Niederlage haben sich stets auch Augenblicke des Ansporns, des Trostes und Orte der Gemeinsamkeit finden lassen. Gerade das Zusammenrücken der Generationen rund um den Freitod eines Fußballprofis mag dazu führen, dass auch in Zukunft Platz für die Zwischentöne, für Loyalität auch in sportlich bitteren Momenten und für Respekt gegenüber fehlbaren Menschen in den zu Kunstfiguren getunten Stars der Szene sein könnte.
Die traurigen Tage von Hannover haben dazu das Bewusstsein dafür geweckt, dass der Fußball in seinem überladenen Jahreskalender mehr Pausen zur Selbstbesinnung brauchte. Das Dauerspektakel, das um diesen Sport inszeniert wird, tut dem Betrieb und damit auch seinen Protagonisten nicht gut.
Robert Enkes Tod bleibt ein tragisches Einzelschicksal und taugt nicht zu monokausalen Schlüssen bei der Ursachenforschung. Sein abrupter Abschied hat, so traurig und unbegreiflich er anmutete, auch die Sinne geschärft. Fußball darf nicht alles sein, er kann aber auf allen Ebenen, und sei es nur ein bisschen, mehr Miteinander, Menschlichkeit und Respekt gebrauchen.