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Trauerfeier für Robert Enke „Man muss nicht alles erklären können“

15.11.2009 ·  Andächtige Stille im Fußballstadion: An der Trauerfeier für Robert Enke nahmen 40.000 Gäste teil. In den Reden gab es Kritik am Idealbild der Stärke und Unfehlbarkeit. Später wurde Enke in Neustadt am Rübenberge beerdigt.

Von Robert von Lucius, Hannover
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Im Mittelkreis des Spielfeldes war der Sarg Robert Enkes aufgestellt – am gleichen Ort, wo der Spieler vor einer Woche noch als Kapitän von Hannover 96, begrüßt nach seiner Rückkehr von mehrwöchiger Erkrankung, für die Platzwahl gestanden hatte. Umgeben war der Sarg von Kränzen – den des Fußball-Nationalteams hatten Kapitän Michael Ballack und der aus Hannover stammende Per Mertesacker niedergelegt – und Blumen, darunter ein weißes, von Grün umrandetes Blumenherz.

Auf den Rängen des Stadions am Maschsee nahmen knapp 40.000 Trauergäste von dem Nationaltorwart Abschied, der sich am Dienstag vor einen Zug geworfen hatte. Sein Selbstmord und die Nachrichten von seiner weitgehend verheimlichten Depression haben überwältigende Anteilnahme ausgelöst. Auf die Ratlosigkeit und Erschütterung auch außerhalb der Fußballwelt ging Christian Wulff, Ministerpräsident von Niedersachsen, in seiner Trauerrede ein: „Man muss nicht alles erklären können.“

Zu den Teilnehmern zählten die ganze Fußball-Nationalmannschaft mit Bundestrainer Joachim Löw und Teammanager Oliver Bierhoff, Vertreter aller Bundesligaklubs, viele ehemalige Spieler, zudem Politiker wie der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder und Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Fünf Fernsehsender übertrugen die Feier live.

Starken Beifall gab es vor allem und immer wieder, wenn die Redner auf den Mut von Teresa Enke hinwiesen, am Mittwoch wenige Stunden nach dem Selbsttod ihres Mannes von seiner Krankheit zu berichten und vom gemeinsamen Kampf gegen die Depression; und bei Sätzen, die auf ein verfehltes Bild wiesen, man müsse stark scheinen. Alle müssten bereit sein, aufzustehen gegen das „Kartell der Tabuisierer und Schweiger“, sagte Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes.

„Menschen mit Ecken und Kanten und all ihren Schwächen“

Christian Wulff sagte, von Leistungssportlern und vor allem Torhütern werde Fehlerlosigkeit verlangt und ein erheblicher Leistungsdruck. Auch von Menschen aus der Politik, der Wirtschaft und der Unterhaltungsindustrie werde erwartet, dass sie „funktionieren“ – wer das nicht schaffe, werde schnell zum Versager abgestempelt. Man brauche aber nicht fehlerfreie Roboter, so Wulff, sondern Menschen mit Ecken und Kanten und all ihren Schwächen.

Auch der hannoversche Oberbürgermeister Stephan Weil erhielt Beifall, als er sagte, wer seine Angst zeige, sei nicht schwach, sondern stark. Der Nationaltorhüter sei Vorbild für viele junge Menschen gewesen – dass er, der anderen Freude und Orientierung gegeben habe, selbst litt, sei traurig und ein Hinweis, dass Sport und Erfolg nicht das Wichtigste seien im Leben. Mit dem Tod Enkes sei die Stadt zusammengerückt – es sei still in Hannover und der Region.

Mehrmals standen die Teilnehmer auf, um Respekt auszudrücken

Das war der wohl stärkste Eindruck des Sonntags: In der S-Bahn auf dem Weg zum Stadion und bei der vermutlich größten Trauerfeier je für einen deutschen Sportler herrschte eine nahezu andächtige Ruhe, fast Stille. Kaum jemand sprach, und wenn dann gedämpft. Der katholische Geistliche Heinrich Plochg sagte, Enke sei „ideales Vorbild für viele“ gewesen – sein Tod habe an die menschliche Substanz gerührt.

Mehrmals standen die Teilnehmer auf, um ihren Respekt auszudrücken – zum Einzug der Nationalmannschaft und der Mitspieler Enkes bei Hannover 96 und anschließend der Familie vor Beginn der Trauerfeier fast eine Viertelstunde lang, auch als die Spieler meist mit gefalteten Händen und gesenktem Haupt vor dem Holzsarg standen. Der Respekt drückte sich auch aus in der Kleidung, fast alle Fans trugen dunkel. Schals in den doppelten Vereinsfarben rot sowie grün-schwarz hoben sie nur hoch, während eine siebzehn Jahre alte Schülerin zu Gitarrenbegleitung das Vereinslied „Alte Liebe“ sang mit dem Satz „zusammen sind wir groß“ - als Ballade und nicht wie üblicherweise zu Spielen mit aufputschender Wirkung.

Am Ende werden Bilder von Glanzparaden und Kindern eingespielt

Der Stadionsprecher umschrieb das vor Beginn als Bitte, „liebevoll zu schweigen“. Sichtbar wurde der Rückhalt in einer Beilage der beiden hannoverschen Tageszeitungen am Samstag mit insgesamt 228 Traueranzeigen – neben Sportvereinen und dem Klub verbundenen Wirtschaftsunternehmen vor allem von Fans oder auch Stadionordnern. Polizisten und Fahrer der städtischen Verkehrsbetriebe tragen Trauerflor, viele Fahrer hatten am Sonntag das Trikot von Hannover 96 an.

Als am Ende hannoversche Mitspieler den Sarg aus dem Stadion trugen und Bilder eingespielt wurden von Enke bei Glanzparaden oder mit Kindern, blieben die Fans im Stadion. Sie ließen Angehörigen und Freunden den Vortritt auf ihrem Weg zum Familienbegräbnis in Neustadt am Rübenberge, nur wenige hundert Schritte entfernt vom Bauernhof der Familie in Empede: und neben dem Grab seiner 2006 im Alter von zwei Jahren gestorbenen Tochter, das er und seine Frau fast täglich besucht hatten.

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

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