14.08.2011 · Eine neue Generation von Torhütern erobert die Bundesliga. Sie sind jung und cool, haben starke Nerven und das Vertrauen der Trainer. Der nächste ist Bernd Leno, der mit 19 Jahren die Planstelle bei Bayer Leverkusen anstrebt.
Von Richard LeipoldDie Älteren werden sich noch erinnern, und manch Jüngerer vielleicht auch: Über Torhüter hieß es, sie seien wie guter Rotwein, je älter desto besser. Erst ein hohes Maß an Routine verleihe den Männern zwischen den Pfosten die Ruhe und Souveränität, um einer Abwehr Vertrauen einzuflößen. Was einst wie ein ehernes Fußballgesetz erschien, besitzt in der Bundesliga keine Allgemeingültigkeit mehr. Inzwischen wagen viele Trainer es, Torhüter aufzustellen, die Anfang zwanzig sind oder noch jünger. Der nächste, der diesen aktuellen Trend bestätigt, dürfte Bernd Leno sein. Bayer Leverkusen hat den Neunzehnjährigen in dieser Woche vom VfB Stuttgart ausgeliehen, um die Lücke zu schließen, die entstanden ist, weil Stammtorwart René Adler mindestens bis Ende September verletzt ausfällt und die beiden Ersatzleute in den ersten Pflichtspielen der Saison nicht hatten überzeugen können.
Obwohl Leno an seinem neuen Arbeitsplatz erst wenige Trainingseinheiten absolviert hat, könnte er schon an diesem Sonntag im Heimspiel gegen Werder Bremen sein Debüt geben. Der Leverkusener Trainer Robin Dutt sieht „die Wahrscheinlichkeit, dass er im Tor steht“. Leno habe „im Training einen guten Eindruck gemacht und sich cool präsentiert“. Sportdirektor Rudi Völler spricht von „einer hochwertigen Lösung“. Cool – das sind sie, die jungen Torhüter, deren Gesichter teils bubenhaft anmuten, die aber eine Gelassenheit ausstrahlen, als hätten sie hundert oder mehr Bundesligaspiele hinter sich. Die Verpflichtung Lenos folgt einem Trend, der sich in den vergangenen Monaten beschleunigt hat. Auch Ron Robert Zieler (Hannover 96), Kevin Trapp (1. FC Kaiserslautern), Oliver Baumann (SC Freiburg), Thomas Kraft (Hertha BSC Berlin) und Ralf Fährmann (Schalke 04) besitzen mit Anfang zwanzig schon eine Planstelle in der Bundesligamannschaft ihres Vereins.
„Es geht nicht mehr nur darum, Bälle zu fangen“
Marc-André ter Stegen wurde vom Mönchengladbacher Trainer Lucien Favre sogar schon im Alter von achtzehn Jahren zur Nummer eins gekürt – mitten im Abstiegskampf, als die Mannschaft schon mit einem Bein in der zweiten Liga stand. Er gab seinen Einstand im Derby gegen Köln, bei einer Partie also, die nicht nur des Tabellenstandes wegen von höchstem Schwierigkeitsgrad war. „Das war unsere allerletzte Chance“, erinnert sich Uwe Kamps, der Gladbacher Torwart-Trainer, der selbst mehr als 450 Profispiele für die Borussia bestritten hat.
Ter Stegen nutzte diese „letzte“ Chance, die für ihn die erste war. Und Gladbach gelang mit einer furiosen Aufholjagd der Klassenverbleib. Für den erfahrensten Trainer der Liga gilt der frühere U-17-Europameister ter Stegen schon als Mann der Zukunft in der Elite-Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes. „Meiner Meinung nach wird er über kurz oder lang die Nummer zwei in Deutschland sein“, sagt Jupp Heynckes, der Trainer des FC Bayern, der beim Saisonstart erlebte, wie ter Stegen den Gladbacher Sieg in München festhielt und für einen Nachmittag sogar Nationaltorwart Manuel Neuer in den Schatten stellte.
Verzahnung zwischen den Nachwuchsmannschaften und den Profis
Junge Ballfänger wie ter Stegen haben eine viel fundiertere, breiter gefächerte Ausbildung genossen als vorherige Torhütergenerationen. Und sie können technisch wie psychisch auf ganz andere Erfahrungswerte bauen, wenn sie im Profifußball ankommen. „Es geht nicht mehr nur darum, Bälle zu fangen“, sagt Kamps. „Heutzutage muss ein Torwart mitspielen können, am besten beidfüßig.“ Solche Fertigkeiten würden in den Jugendmannschaften früh gefordert und gefördert.
Woher aber nehmen die jungen Torhüter von heute die Nervenstärke, die gerade auf ihrer Position vonnöten ist, wo jeder noch so kleine Fehler mehrmals in Zeitlupe analysiert wird? Kamps führt die mentale Stärke auf eine stärkere Verzahnung zwischen den Nachwuchsmannschaften und den Profis zurück. Zwischen der U 19, der in der Regionalliga spielenden U23 und der Bundesligamannschaft seien die Grenzen für außergewöhnliche Talente fließend. So sei der Sprung nicht so groß wie früher, wenn „ganz oben“ eine Vakanz entstehe. „Aber herausfinden, ob es reicht, kann nur, wer letztlich sagt, okay wir lassen ihn spielen.“
Auch Neuer durfte schon mit 20 ins Tor
So sieht es auch Mirko Slomka. Der Cheftrainer von Hannover 96 hat sich bei der Besetzung der Torhüterposition als besonders mutig erwiesen. Innerhalb von gut vier Jahren wagte er es zweimal, überraschend einen Jüngeren aufzustellen, obwohl der erfahrene Mann keine allzu gravierenden Fehler gemacht hatte. Zu Beginn der vergangenen Rückrunde gab er Ron Robert Ziegler den Vorzug. Florian Fromlowitz, bis dahin die Nummer eins, hatte zuvor solide gehalten und sich gerade in der heiklen Phase nach dem Freitod seines Vorgängers Robert Enke um die Mannschaft verdient gemacht.
Selbst Slomka hätte zu Beginn der Zusammenarbeit „nie gedacht, dass Zieler binnen sechs Monaten die Nummer eins werden könnte“. Doch das Talent des jungen Torwarts entwickelte sich so schnell so gut, dass der Trainer nicht mehr an ihm vorbeikam. So war es im November 2006 schon bei Manuel Neuer gewesen. Slomka, zu jener Zeit Trainer des FC Schalke, ersetzte den Routinier Frank Rost durch den damals zwanzig Jahre alten Nachwuchsmann. Kurz darauf verdrängte der junge René Adler in Leverkusen den etablierten Jörg Butt, der später bei Bayern München und sogar als WM-Teilnehmer wieder von sich reden machen sollte.
Auch wenn das alles in der Rückschau leicht erscheint, warnt Slomka vor den Risiken des offensiven Torwartspiels. Es sei keineswegs sicher, dass es immer so klappt, wie man sich das als Trainer vorstelle. Bei Neuer wie bei Zieler „hätte es auch sein können, dass es nur für drei Spiele ist“, sagt er. Aber beide haben dem Druck standgehalten – wie ter Stegen und andere. Für Kamps ist das ein neues Gefühl. Während seiner zwanzig Jahre als Borussen-Torwart habe kein einziger Spieler aus dem eigenen Nachwuchs den Sprung zu den Gladbacher Profis geschafft, sagt er. „Umso mehr Spaß macht es, jetzt zu sehen, dass die Jungs oben ankommen.“ Bei aller Innovation erinnert Kamps seine Auszubildenden aber weiter an das Wesentliche. Tore zu verhindern sei ihre Hauptaufgabe, sagt er. „Damit fängt das Torhüterleben immer noch an.“
Die Saison 2011/2012
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| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |