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Toni Kroos Fußballkunst für Kenner

23.10.2011 ·  Toni Kroos wurde zum Star erklärt, dann vergessen, ausgeliehen, wiederentdeckt. Jetzt ist er der Mann der Saison - beim FC Bayern und auch im Nationalteam.

Von Christian Eichler
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© Reuters Toni Kroos, gewachsene Größe

„Ich bin immer noch sehr jung", sagt Toni Kroos. „Das wird oft vergessen." Bald hundert Bundesligaspiele, an die zwanzig im Europacup, 49 Junioren-Länderspiele, 22 A-Länderspiele - da wirkt es tatsächlich beinahe wie ein Tippfehler, wenn da steht, dass er erst 21 ist. Dabei war Kroos zwar ein Frühstarter, aber einer, der es nie so eilig hatte wie die schrille Fußball- und Medienwelt um ihn herum.

Schon mit 16 galt er als größtes Talent im deutschen Fußball, und Bayern München musste einen Millionenbetrag zahlen, um den umworbenen Junior aus Rostock zu bekommen. Franz Beckenbauer sah damals in ihm den „neuen Ballack". Uli Hoeneß wollte das Trikot mit der Spielmacher-Nummer 10 nicht mehr vergeben, „bis es irgendwann der Toni kriegt".

Dann aber ging alles viel langsamer. Das passt zum eher gemächlichen Temperament des Pommern. Der Gleichmut, mit dem er die Moden und Aufregungen überstand, spricht aus seiner Losung: „Dann eben beim nächsten Trainer." Nach vier Profijahren, in denen er erst zum kommenden Weltstar erklärt, dann vergessen, mal herumgeschoben und ausgeliehen, dann wiederentdeckt und dann wieder in Frage gestellt wurde, ist Toni Kroos nun der Mann der Saison beim FC Bayern und auch im Nationalteam.

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© AFP Bayern-Zehner, Deutschland-Achter: Toni Kroos´ Schritte werden größer

Dabei hatte der deutsche Fußball noch nie so viele Jungstars wie jetzt, Spieler wie Götze, Müller, Schürrle. Kroos ist kaum älter. Aber schon lange kein Jungstar mehr, sondern eine gewachsene Größe.

„Weltklasse und technische Perfektion", so nannte DFB-Sportdirektor Matthias Sammer als „Sky"-Experte die Art, mit der Kroos am vergangenen Dienstag beim 1:1 in der Champions League in Neapel die Führung erzielte. Er nahm einen von der Seite kommenden, scharf aufsetzenden Ball in vollem Lauf perfekt mit und veredelte ihn zum 1:0 für die Münchner.

Unter Trainer Jupp Heynckes, der ihn in der vorletzten Saison als Leihspieler in Leverkusen aufblühen ließ, ist er nun auch in München zur festen Größe geworden. Das zeigte auch die Selbstverständlichkeit, mit der sich der früher eher wortkarge Norddeutsche nach dem Spiel den Journalisten stellte. Und das Selbstbewusstsein, mit dem er sein Tor kommentierte: „Es ist heutzutage wichtig, dass man solche Bälle mit der ersten Ballannahme mitnimmt. Es gibt nicht viele Spieler, die das können."

Das spielerische Vorbild von Toni Kroos war Johan Micoud, der ehemalige Mittelfeldspieler bei Werder Bremen. Dabei ist er ein deutlich anderer Spielmacher-Typ als der genialische Franzose. Er entspricht den neuen Anforderungen dieses Postens, als ein Spieler, der sich im engen Geflecht der Defensivnetze und komplizierten Passwege Räume erschleicht, den Ball annimmt und abschirmt, dabei schon die Laufwege der Mitspieler erfasst, die Pass-Optionen vergleicht und kurz entschlossen die richtige Möglichkeit wählt.

Und das heißt oft: die einfachste, die unspektakulärste Option. Kein Raumgestalter, eher ein Verteiler, aber einer, der der Geometrie des Aufbauspiels an der entscheidenden Stelle, wo sich Ballkontrolle in Torgefahr verwandelt, schnelle Wendungen und überraschende Winkel geben kann. Eine Art Dreiecksspieler. Oder „Zwischenspieler", wie Bundestrainer Joachim Löw das nennt.

Der deutsche Xavi?

„Fußballerisch", schwärmt Jupp Heynckes, „ist das, was er spielt, eine Delikatesse." Das ist ein gutes Wort, denn Kroos' Kunst erfordert Kennerschaft. Sie ist nicht immer auf den ersten Blick sichtbar oder gar spektakulär. So lobte Heynckes in Neapel vor allem die Feinheit, „wie er die Bälle mit Richtungsänderung annimmt". Diese Fähigkeit ist die Grundlage der Arbeit des modernen Ballverteilers, wie sie beim FC Barcelona Xavi perfektioniert hat. Wird Kroos der deutsche Xavi?

Von allen deutschen Spielern kommt er dem Spanier mit Technik, Ballsicherheit und Überblick neben Bastian Schweinsteiger wohl am nächsten, auch wenn einige Kritiker ihn noch etwas zu langsam finden. So glaubt Matthias Sammer, „sein ganzer Bewegungsablauf wird noch viel dynamischer werden", schränkt aber ein: „Alles andere kann er sowieso." Allerdings betont Kroos, dass es auf seiner Position nicht so sehr auf die Grundschnelligkeit ankommt: „Wichtiger ist die Handlungsschnelligkeit." Nicht das Tempo der Beine, sondern des Hirns. „Manchmal hat man nur eine Sekunde für Annahme, Drehung und Pass. Diese Schnelligkeit hat dann mehr mit der Orientierung vorher zu tun, bevor man den Ball hat. Und damit, schon eine Idee zu haben, was man mit ihm anfängt."

Während er in der letzten Saison unter dem damaligen Bayern-Trainer Louis van Gaal meist auf der eher defensiv geprägten Sechser-Position eingesetzt wurde, spielt er unter Heynckes einen echter Zehner. Und im Nationalteam genau dazwischen, in der Rolle zwischen den beiden auf diesen Mittelfeld-Positionen gesetzten Kollegen Bastian Schweinsteiger und Mesut Özil.

„Ich bin flexibel“

Es ist eine Position, die auch in der klassischen Zählweise des Fußballs genau in der Mitte zwischen sechs und zehn liegt: die des „Achters". Dieselbe Vielseitigkeit, die früher dazu führte, dass man Kroos gern ein bisschen herumschob in den Aufstellungen, wird nun zum Vorteil im Kampf um den Stammplatz im Nationalteam - weil er von den drei zentralen Mittelfeldpositionen jede spielen kann.

„Ich bin flexibel", sagt Kroos. Ebenso wie das Bayern-Spiel flexibel geworden ist. Bei van Gaal hatte es eine Art Einheitstakt. Unter Heynckes sieht man Rhythmuswechsel. „Wir spielen teilweise sehr schnell, mit explosiven Aktionen", sagt Kroos. „Aber dann auch wieder sehr ballsicher und ruhig."

Die Mischung aus beidem ist genau das Spiel von Toni Kroos. So könnte sich mit dem Mecklenburger, der im Jahr der deutschen Einheit geboren wurde, das Versprechen von den blühenden Landschaften zumindest im deutschen Fußball bewahrheiten. Ob als Bayern-Zehner. Oder als Deutschland-Achter.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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