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Timo Hildebrand Schwer vermittelbar

Vom Nationaltorwart zum Problemfall in vier Jahren: Nach einer Reihe schwerwiegender Fehleinschätzungen ist Timo Hildebrand froh, dass er in Frankfurt mittrainieren darf. Immerhin besser als die vier Monate Einsamkeit davor.

© dpa Vergrößern Ein paar Mal zu oft verschätzt: Timo Hildebrand braucht dringend Praxis

Ganz allein dreht Timo Hildebrand noch ein paar Runden. Die Fußballprofis von Eintracht Frankfurt sind schon auf dem Weg Richtung Kabine, auf Hildebrand hat niemand gewartet; kein Schwätzchen oder ein kleiner Spaß mit den Kollegen. Hildebrand ist neu im Kreis der Eintracht, und seine Kollegen sind nur Kollegen auf Zeit.

Seit Dienstag nimmt der 32 Jahre alte Torhüter am Training des Zweitligateams teil. Es ist ein Gefallen, den Armin Veh ihm tut, der Trainer, mit dem Hildebrand das bisher erfolgreichste Jahr seiner Karriere geteilt hat: 2007, als er mit dem VfB Stuttgart Meister wurde. Heute, nur vier Jahre später, steht Hildebrand, der immerhin sieben Mal auch für Deutschland spielte und bei der WM 2006 dritter Torhüter war, ohne Job und ohne großartige Perspektive da. Und das schon zum zweiten Mal in seiner Laufbahn.

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Der als Letzter um den Trainingsplatz trabende Hildebrand – das ist ein Bild, das zu passen scheint: nicht nur die Einsamkeit des Torhüters, sondern, als gesteigerte Form, die Einsamkeit des arbeitslosen Torhüters. Nur: So fühlt Hildebrand sich nicht. Sagt er zumindest. „Im Moment bin ich froh und glücklich, wieder mit einer Mannschaft Fußball spielen zu können“, betont er. „So einfach sich das anhört – aber es ist so.“

„Sie haben sich für einen anderen entschieden

Fast vier Monate lang war der Sportler Hildebrand tatsächlich mehr oder weniger auf sich alleine gestellt gewesen. Seit der Rückkehr aus Portugal, wo er bei Sporting Lissabon erst zweite, dann gar nur dritte Wahl war, hat er sich mit seinem privaten Torwarttrainer, Kai Rabe, fit gehalten. Nicht einmal Urlaub hat er gemacht, um vorbereitet zu sein, wenn das richtige Angebot kommen sollte.

Nur, bislang kam es nicht, auch wenn Hildebrand in den vergangenen Wochen mit mindestens einem halben Dutzend Klubs in Verbindung gebracht wurde. Kurzzeitig sah es sogar so aus, als könne ein ziemlich großes Los dabei sein: Als er nach Los Angeles geflogen war, um im Trainingslager von Manchester City vorzuspielen. Nicht als erster Torwart zwar, aber immerhin als Nummer zwei. Aber: „Sie haben sich für einen anderen entschieden.“

In vier Jahren vom Nationaltorwart zu einem schwer vermittelbaren Fall – wie kann eine Karriere eine solche Wendung nehmen? Eine einfach Antwort darauf gibt es nicht. Irgendwie verzockt, das ist das Etikett, das Hildebrand in der Öffentlichkeit anhaftet. Es entstand in der Zeit, als er in Stuttgart um einen neuen Vertrag pokerte und dann doch nach Valencia wechselte. „Nicht des Geldes wegen“, wie er heute betont.

Beim Wechsel nach Valencia gerät er ins „Chaos“

Tatsächlich aber begann mit dem Spanien-Abenteuer der Abstieg. Aus seiner Sicht ist es eine Geschichte aus eigenen Fehleinschätzungen, zumindest fragwürdiger Beratung und unglücklichen Konstellationen. Er habe zur Zeit des Wechsels nach Valencia „den eigenen Weg verloren“, sagte er in einem Interview mit dem „Kicker“ und deutete an, sich für diesen Schritt vielleicht selbst nicht reif gefühlt zu haben. Hildebrand gilt als eher sensibler Charakter, der seine Verschlossenheit nur zögerlich ablegt.

In Valencia, sagt er, sei er ins „Chaos“ geraten. Er bekam es mit ständig wechselnden Trainern zu tun, litt unter dem Dauerduell mit dem Klubhelden Santiago Canizares und fremdelte mit den Kollegen. Als er 2009 in Hoffenheim seine zweite deutsche Chance suchte, geriet er beim damaligen Herbstmeister in ein Gefüge, das schon erhebliche Risse hatte – und verhielt sich nicht gerade diplomatisch beim Versuch, die Missstände anzusprechen. Weil auch seine eigenen Leistungen nicht mehr stimmten, gab es dort keine Zukunft für ihn.

„Wieder mit einer gewissen Demut an den Beruf rangehen“

Vor der vergangenen Saison, als er zum ersten Mal ohne Job dastand, hätte es mit dem damaligen Bundesliga-Aufsteiger St. Pauli etwas werden können, doch Hildebrand sagte ab. Aus der Not heraus folgte die wohl größte Fehleinschätzung seiner Karriere: das Engagement bei Sporting. Dort sei ihm „relativ schnell klar geworden, dass es da nicht weitergeht“ – mit deprimierenden Folgen. „Da kann man schon sagen, dass ich mental down war und keine Lust hatte zu trainieren.“

Heute spricht Hildebrand davon, dass ihm die schwere Zeit geholfen habe, „wieder mit einer gewissen Demut an den Beruf ranzugehen“. Beim Üben mit den Eintracht-Profis ist ihm anzumerken, dass die Wettkampfpraxis fehlt. Körperlich wirkt er zwar auf der Höhe, doch bei Flanken und Torschüssen verschätzt er sich ein paar Mal zu oft.

„Das Gute, was ich aus Portugal mitgebracht habe“

Er kommentiert das mit einer Mischung aus Selbstkritik, die nicht immer seine Stärke war, und Optimismus: „Nach zwei Einheiten kann man nicht sagen: Top-Niveau – aber mit der Zeit kommt das wieder.“ Wie lange er in Frankfurt mittrainiert, weiß er nicht. Im besten Fall natürlich, „bis endlich mal ein neuer Verein kommt“. Die Eintracht wird es wohl nicht sein, die sieht Veh „im Tor gut aufgestellt“. Dabei würde es gar nicht so schlecht passen. Von den Abenteuern in der Ferne hat Hildebrand erst einmal genug, und Frankfurt, das sei „fast meine Heimat“, sagt er.

Sein Elternhaus in Hofheim bei Worms ist nur eine Autostunde entfernt. An zwei Tagen in der Woche fährt er von dort zum Training. Den Rest ist er in Stuttgart, bei seiner Freundin, die ein Kind von ihm erwartet. Das, sagt er, sei „das Gute, was ich aus Portugal mitgebracht habe“ – und helfe zudem, alles, was den Beruf betrifft, „ein bisschen zu relativieren“. Nicht so sehr allerdings, dass ein Karriereende in seiner Gedankenwelt schon eine Rolle spielte. „Nein“, sagt er entschlossen, „dafür ist noch kein Platz.“

Quelle: F.A.Z.

 
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