Kürzlich ließ ein Bundesligatrainer seine Spieler um die Plätze in der Startelf laufen. 5000 Meter mussten die Akteure in ambitionierten zwanzig Minuten absolvieren, wenn sie sich nicht um ihre Chance auf einen Einsatz bringen wollten. Die Überraschung: Es war nicht Felix Magath, der den bei Fußballspielern höchst unbeliebten Ausdauertest als Auswahlkriterium ansetzte.
Ausgerechnet Thomas Tuchel, der Inbegriff des modernen Fußballlehrers, hat stattdessen auf die vermeintlichen Methoden aus der Schule der Drill-Meister zurückgegriffen. Er wollte, dass seine kriselnden Spieler von Mainz 05 lernen, ihren inneren Schweinehund zu überwinden. Sie sollten merken, dass im Abstiegskampf auch diese Tugend gefragt ist. Tatsächlich folgte der 38 Jahre alte Trainer bei der Nominierung der Startelf fürs nächste Spiel seinen Vorgaben bis auf wenige Ausnahmen. Jan Kirchhoff rückte beispielsweise trotz langsamer Zeit auf Bewährung ins Team - unter strengen Auflagen.
Die Geschichte wäre ein guter Aufhänger für den Boulevard gewesen. Aber die Planstelle des „Quälix“ ist noch prominent vom Wolfsburger Meistertrainer Magath besetzt, während der Posten des „Motzki“ gerade zu vergeben war. Also wurde Tuchel nach einem Ausraster beim Sieg im DFB-Pokalspiel bei Hannover 96 in diese Schublade gesteckt, obwohl sich sein Verhalten in den zweieinhalb Jahren seit seinem Debüt in der Bundesliga eher gebessert als verschlechtert hat.
Das belegen die Berichte der Schiedsrichtergespanne, denen zufolge Tuchel in der Vorsaison wegen lautstarker Verbalattacken auf Unparteiische und vierte Offizielle zeitweise unter besonderer Beobachtung gestanden hatte, während es in dieser Spielzeit bislang keine Einträge im Klassenbuch der Trainergilde zu verzeichnen gibt.
Der Innenverteidiger Tuchel
Das interessierte freilich auch die Fernsehsender recht wenig, die ihre Beiträge mit minutenlangen Bildern des geifernden Tuchel garnierten. Zudem ließen sie sogenannte Experten wie den ehemaligen Schiedsrichter Markus Merk oder den ehemaligen Profi Jan Age Fjörtoft spekulieren, dass Tuchel „mit der Situation im Abstiegskampf überfordert“ und gar für seine Spieler wegen seiner Eskapaden zum „Clown“ geworden sei.
"Wenn man von einem Innenverteidiger alle Fouls aus einem Jahr zusammenschneidet, dann entsteht auch das Bild von einem ständigen Rotsünder, selbst wenn der Spieler nie eine Gelbe Karte sieht", sagt Tuchel: "So ähnlich ist das auch bei mir."
Zudem vermutet er, dass manche Beobachter aus der Fußballszene nun voller Genugtuung ihr Misstrauen gegenüber einem Trainer zum Ausdruck bringen, der binnen zwei Jahren einen steilen Aufstieg vom A-Jugendtrainer zum Erfolgscoach hinter sich gebracht hat. "Ich sage aber sicher nicht, dass ich keine Fehler mache. Es steht außer Frage, dass ich unter Stress besser reagieren kann", sagt Tuchel.
„Sicher geht mit Thomas schon mal der Gaul durch“
In Mainz haben sie ihrem Übungsleiter in der Debatte der vergangenen Woche vorbehaltlos den Rücken gestärkt. Sie machten aus den vermeintlichen Flegeleien sogar eine Tugend. Auf einer Klatschpappe in roter Vereinsfarbe, die tausendfach für die Stimmungsmache im Stadion an die Zuschauer verteilt wurde, druckte der Klub in Eigenregie die Sprüche "Lieber authentisch als gestellt" und "Lieber emotional als unterkühlt".
"Sicher geht mit Thomas schon mal der Gaul durch", sagt Manager Christian Heidel, der Initiator der Aktion. "Aber das ist nicht anders als bei fast jedem anderen Trainer. Bei ihm wurde das jetzt nur thematisiert, weil es sportlich bisher nicht so gut lief bei uns."
Am Freitagabend steuerte Tuchel dem Trend nun erst einmal entgegen - nicht nur sportlich dank des 3:1-Sieges gegen den VfB Stuttgart. Er verzichtete vollkommen auf die Kontaktaufnahme mit dem vierten Offiziellen. Stattdessen konzentrierte er sich aufs Coaching seines Teams, das er wie gewohnt hochemotional unterstützte.
„Nicht 95 Prozent, sondern 100“
Die Energie, die Tuchel bei dieser Arbeit am Erfolg verbraucht, speist sich aus dem Streben nach Perfektion, von dem er beseelt ist. "Der Trainer verlangt in jeder Trainingseinheit volle Konzentration", sagt Jan Kirchhoff, der schon seit dem vom deutschen Meistertitel gekrönten gemeinsamen Jahr bei den A-Junioren mit seinem Vorgesetzten zusammenarbeitet. "Er will nicht das Beste, sondern das Allerbeste, nicht 95 Prozent, sondern 100." Und so beurteilt Tuchel auch Schiedsrichter oder Mitarbeiter.
Manche mögen ihn deshalb als Nerd bezeichnen. Er selbst belässt es bei dem Begriff Fußballlehrer. "Ich bin pedantisch in den Dingen, die wir in Training und Spiel wollen", sagte er einmal über sich selbst. Entsprechend agiert er: In den zweieinhalb Jahren seit seiner Beförderung vom A-Juniorentrainer zum Proficoach gab es ein paar Spieler oder Nachwuchstrainer, die in der Gunst des Chefs gesunken sind, weil sie die letzten fünf Prozent nicht immer erfüllen wollten oder konnten.
Der Assistent springt in die Bresche
Während er seine Spieler und Mitarbeiter austauschen kann, endet sein Einflussbereich bei den Schiedsrichtern. Entsprechend verbittert ist der selbsterklärte Gerechtigkeitsfanatiker, wenn ein Fußballspiel aufgrund einer Fehlleistung des Schiedsrichters zu seinen Ungunsten entschieden wird. In dieser Spielzeit hat er bislang fünf Fehler gezählt, die seinem Team Punkte kosteten. Am Freitagabend schlug das Pendel nun einmal zum Vorteil seines Teams aus, dem Schiedsrichter Winkmann den spielentscheidenden, aber unberechtigten Elfmeter "schenkte", während eine Attacke von Torhüter Christian Wetklo gegen den Japaner Shinji Okazaki nicht geahndet wurde.
"Sie werden mir nachsehen, dass ich diese Fehler nun nicht mit derselben Emotionalität kritisiere", sagte er. Und als er auch noch darüber scherzte, dass sein Assistent Arno Michels in einer strittigen Situation als Beschwerdeführer beim vierten Offiziellen für ihn in die Bresche gesprungen sei, da zeigte sich das Gesicht des ironiebegabten Fußballlehrers statt der bösen Fratze des geifernden Trainers. "Der Arno ist ja auch ein ganz schöner Motzki", witzelte Tuchel.
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Ernst Probst (urzeit)
- 08.11.2011, 13:26 Uhr
In manchen Dingen,
Ulrich Sabel (u.sabel)
- 07.11.2011, 16:44 Uhr
Schade Herr Kobler,
Ulrich Sabel (u.sabel)
- 06.11.2011, 21:51 Uhr
Dass der "Stellschrauben-Fummler"...
Thomas Kobler (ThomasKobler)
- 06.11.2011, 18:27 Uhr