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Thomas Müller im Gespräch „Ich kann keine Tricks“

 ·  Wieder ganz „der Alte“: Thomas Müller führt mit neun Vorlagen und neun erzielten Toren die Scorer-Liste der Bundesliga an - und kann sich im F.A.Z.-Interview keinen Beruf vorstellen, bei dem er mehr Spaß hätte.

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© picture alliance / dpa Vergrößern In der Hinrunde hatte Thomas Müller einigen Grund zum Jubeln

Herr Müller, der Hoffenheimer Kollege Andreas Beck nannte Sie mal den am schwersten zu durchschauenden Gegenspieler: „Bei ihm weißt du nie, was in der nächsten Sekunde passiert“, sagte er und vermutete, „dass er das manchmal selbst nicht so genau weiß“. Hat er recht?

Er beschreibt das nicht schlecht, das kann gut sein. Natürlich habe ich grundsätzlich immer einen Plan und weiß, wo sind die gefährlichen Räume, wo kann der Pass hinkommen. Aber ich handle schon intuitiv, muss oft improvisieren.

Das schönste Intuitions- und Improvisations-Tor der Saison erzielten Sie im November in Hamburg - aus fast unmöglichem Winkel, mit dem Rücken zur Torlinie. Muss man so etwas vorher schon einmal gedacht, sich vorgestellt haben?

Das war nicht so geplant. Ich bin zu weit zur Außenlinie geraten, dann aber war das Gute, dass ich mich schnell gedreht habe. Der Zufall wollte es, dass dann keine andere Option da war, ich konnte praktisch nur aufs Tor schießen. Das war zumindest die schnellste Lösung, die mein Auge und Geist wahrgenommen hatten.

Der Dichter Alfred Polgar schrieb vor 75 Jahren über den berühmtesten Fußballer seiner Zeit, Matthias Sindelar, er habe „Geist in den Beinen“, es falle ihm „im Laufen eine Menge Überraschendes ein“. Übernehmen die Beine manchmal das Denken, ehe der Kopf damit fertig ist?

Es ist tatsächlich so, dass ich manchmal Dinge tue, die ich mir selber gar nicht zugetraut habe. (Lacht.) Dafür passieren mir aber auch mal Fehler, mit denen ich nicht rechnete.

Sie stürmten 2010 im ersten Profijahr gleich zum Double, ins Champions-League-Finale, wurden WM-Torschützenkönig. Dann ging es zwei Jahre lang nicht mehr so rapide und glanzvoll weiter. War das im Rückblick ganz gut so?

Es gehört dazu, dass alles auch mal ruhiger wird. Ein Lernprozess. Aber gut so? Das war es nicht. Ich hätte lieber Titel gewonnen in den letzten zwei Jahren. Zwei Jahre, in denen Dortmund die Meisterschaft geholt hat. Und dann ist bei Bayern natürlich nicht alles happy. Dann wächst der Ehrgeiz, und es gibt aufgestauten Ärger, wenn man zwei Jahre gegen denselben Konkurrenten den Kürzeren zieht.

Was war die schmerzlichste Niederlage?

Das Schlimmste vom Gefühl her war das EM-Halbfinale gegen Italien, weil ich nicht mitmachen konnte. Das hat am meisten weh getan.

Nicht das Champions-League-Finale gegen Chelsea?

Nein, da ist alles so schnell passiert. Zuerst habe ich in diesem Spiel meinen bisher schönsten Moment erlebt - das 1:0 zu machen und dann zu sehen, wie die Mitspieler sich freuen. Das war kein normaler Torjubel, das war dieses Gefühl, jetzt haben wir es. Und jeder wusste ja, die ganze Stadt flippt gerade aus. Nur fünf Minuten später war das Spiel wieder ausgeglichen. Und dann kann man die ganzen positiven Hormone gar nicht so schnell in negative umwandeln. Behaupte ich mal.

Die Müllersche Hormontheorie?

Ja, die müssen wir medizinisch mal überprüfen lassen. Jedenfalls hat es sich nicht so schlimm angefühlt wie das EM-Halbfinale, obwohl es von der Tragweite vielleicht noch schlimmer war. Bei der Euro hatte sich für mich persönlich schon viel angesammelt: verlorene Meisterschaft, verlorenes Pokalfinale, verlorene Champions League, und dann auch noch die EM. Das hat sich dann multipliziert.

Ihr Entdecker Louis van Gaal sagte: „Müller spielt immer.“ Interessant ist, dass die großen Niederlagen der letzten Jahre tatsächlich immer dann passierten, wenn Müller nicht spielte. WM-Halbfinale gegen Spanien: gesperrt. EM-Halbfinale gegen Italien: erst bei 0:2-Rückstand eingewechselt. Champions-League-Finale: bei 1:0-Führung ausgewechselt. Und selbst beim 4:4 gegen Schweden führte Deutschland noch 4:2, als Sie vom Platz gingen.

Ich kenne die Theorie auch. Ob das irgendwie zusammenhängt, ist spekulativ. Ich habe keine Ahnung.

Dennoch war es zumindest bei der EM ganz offenbar ein taktischer und personeller Fehlgriff von Joachim Löw. Nun ist es eine der schwierigsten Aufgaben in jedem Berufsleben, dem Chef zu sagen, dass er Mist gebaut hat. Haben Sie den Versuch unternommen?

Natürlich war ich enttäuscht, dass ich nicht von Anfang an spielen durfte. Ich denke, das hat das Trainerteam auch gemerkt. Aber Joachim Löw ist der Verantwortliche. Er entscheidet.

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