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Talentförderung in Hoffenheim Die Zukunft ist nicht nur Fußball

 ·  Gerade ihre Talentförderung sollte zu einem Alleinstellungsmerkmal der Hoffenheimer im deutschen Profifußball werden - aber eben ganz anders, als es gekommen ist. Das Projekt im Kraichgau hat gleich zwei Imageprobleme.

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Markus Babbel kam zuletzt ins Büro von Bernhard Peters, der Hoffenheimer Sportdirektor warf den Beamer an, und dann wurde Babbel detailreich und per Powerpoint-Präsentation erläutert, welche Idee eigentlich hinter 1899 Hoffenheim steckt. Man konnte auch sagen: Ein bisschen Nachhilfeunterricht hatte Babbel dringend nötig. Denn die Botschaft des Klubs, die der bei seinem Aufstieg als besonders smart angesehene Verein so gerne im Fußball-Land verankert wissen will, schien ausgerechnet bei seinem neuen Trainer zuletzt noch nicht so recht angekommen.

Zu Beginn des Jahres, als Babbel gerade bei Hertha BSC entlassen worden war, hatte der Wechsel eines 13 Jahre alten Talentes von Berlin nach Hoffenheim Schlagzeilen gemacht - angeheizt wurde die Diskussion nicht zuletzt durch Babbel selbst. „Es geht nicht, dass Kinder aus ihrem Umfeld gerissen werden und weit wegziehen“, sagte Babbel, „Hoffenheim ist in dieser Hinsicht besonders aggressiv.“ Ein paar Wochen später fand sich Babbel dann als Cheftrainer ausgerechnet in Hoffenheim wieder, dem „Zentrum des Kinderhandels“ im deutschen Fußball. So nennen manche Verantwortliche im Kraichgau ihren Klub mitunter schon selbst, leicht verzweifelt angesichts der Diskussion über ihre Nachwuchsarbeit, die Hoffenheim so grandios entglitten ist. Dabei sollte doch gerade ihre Talentförderung zu einem Alleinstellungsmerkmal im deutschen Profifußball werden - aber eben ganz anders, als es gekommen ist.

“Hier ist es voll gut“

Im vergangenen Sommer sah sich der Klub erstmals am öffentlichen Pranger. Die Hoffenheimer hatten drei Berliner Talente im Alter von vierzehn, fünfzehn Jahren verpflichtet, zwei von Hertha BSC, das andere von Tennis Borussia. Es hieß, die Jungs hätten sich wegen der guten Bedingungen für Hoffenheim entschieden. Aber all die Beteuerungen von Kindern, Eltern, Beratern sowie dem Klub überzeugten viele Trainer und Manager in der Bundesliga nicht. Sie sagten, am Ende würde doch immer das Geld entscheiden.

Erdal, genannt Speedy, ist einer der Jungs, der damals sagte, er sähe in Hoffenheim bessere Chancen für sich, deswegen verlasse er seine Familie und Freunde, seinen Klub und seine Schule. Er wolle einfach raus aus der Stadt, das sei besser für ihn. Wenn man ihn nun nach sieben Monaten im Kraichgau erlebt, hat man nicht das Gefühl, dass er seinen Wechsel von der Hauptstadt in die Provinz bereuen würde, ganz im Gegenteil.

“Hier ist es voll gut“, sagt Speedy, „ich fühle mich richtig wohl.“ Dem Mittelfeldspieler, der zum Kader der deutschen U-16-Nationalmannschaft von Steffen Freund zählt, bei Hoffenheim aber schon im älteren U-17-Bundesligateam spielt, fallen dabei nicht die ganz großen Dinge ein, die nun völlig anders und damit auch viel besser wären als bei Hertha BSC. Es ist vielmehr eine Summe von Kleinigkeiten, die es für ihn ausmacht, dass die Dinge in einem mit sportlichen und schulischen Anforderungen vollgestopften Alltag immer besser laufen.

Mehr Platz im Tagesplan

In Berlin ist er morgens gegen halb sieben aus dem Haus, und wenn er dann abends nach dem Training auf dem Olympiagelände noch gut vierzig Minuten mit der U-Bahn fahren musste, dann war er an manchen Tagen erst nach dreizehn, vierzehn Stunden wieder zu Hause. In Hoffenheim lebt er mit vier anderen Jungs in einer von sechzehn Gastfamilien, die Gasteltern sind „total nett“, mit den Jungs versteht er sich prima, vor allem mit Jasin, der auch aus Berlin kam, aber auch mit denen, die aus Österreich und den Vereinigten Staaten nach Hoffenheim gekommen sind.

Und alles liegt hier ganz nah beieinander: das Haus seiner Gastfamilien, die Schule, der Trainingsplatz, das Nachwuchsleistungszentrum. „Von mir sind es fünfzig Meter zum Platz und zum Trainingszentrum“, sagt Speedy, und so hat er in Hoffenheim nach den Trainingseinheiten immer auch ein bisschen Zeit, die lebensgroßen Freistoßmänner an der Strafraumgrenze aufzustellen, um an seiner Freistoßtechnik zu feilen. Oder er macht ein paar andere Extraübungen, all das, was er in Berlin nicht mehr in seinem Tagesplan unterbringen konnte.

Von der Nachhilfe direkt auf den Platz

Er findet es auch ziemlich praktisch, dass die Physiotherapeuten im Nachwuchsleistungszentrum ihre Behandlungsräume für die Talente haben, direkt neben dem Kraftraum. „Da kann man immer schnell hingehen, wenn man was hat“, sagt Speedy. Auch im Kraftraum ist er nun öfter, um an seiner Athletik zu arbeiten. An einer der Maschinen hängt ein Interview von Mario Götze aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, ein paar Sätze des 19 Jahre alten Nationalspielers sind dick unterstrichen: „Als ich mit 17 ab und zu in der Bundesliga eingewechselt wurde, war mein Selbstbewusstsein erst einmal ziemlich weit unten. Ich habe gesehen, dass die Gegner richtige Männer waren, da hat zunächst noch einiges gefehlt“, sagt Götze zu den jungen Spielern in Hoffenheim.

„Ich hatte mit 16 ein Jahr, in dem ich oft verletzt war. Seither bin ich regelmäßig im Kraftraum, jeden Tag ein bisschen. Das habe ich forciert.“ Für Speedy läuft es auch in der Schule besser. Nach dem Unterricht ist er schnell im Nachwuchsleistungszentrum, wo alle Spieler ihr Mittagessen bekommen, und so hat er danach auch mehr Luft fürs Lernen als früher in Berlin. Speedy bekam zwar auch bei der Hertha Nachhilfe, aber er wurde schwächer auf der dortigen Eliteschule des Sports. „Hier bin ich öfter bei der Nachhilfe, das geht besser“, sagt er. Wenn um 17 Uhr Training ist, dann kann er da bis 16.40 in der Nachhilfe bei einem der siebzehn Nachhilfelehrer bleiben und dann direkt auf den Platz.

Das immer selbe Motiv

Speedy geht in die zehnte Klasse, im Sommer stand er in Berlin in Deutsch auf Drei und in Mathe auf Vier, im baden-württembergischen Schulsystem mit seinen höheren Ansprüchen hat er es in beiden Kernfächern auf eine Zwei im Zeugnis gebracht. „In Berlin hätte ich nie daran gedacht, dass ich das Abitur schaffen könnte“, sagt er. Jetzt denkt er daran, das Fach-Abitur zu machen.

In Berlin ist er immer wieder, auch in den Ferien. Im Sommer aber werden seine Eltern, so wie es aussieht, nach Mannheim umziehen; sein Vater hat eine Stelle bei BASF, seine Schwester studiert schon länger in Augsburg, dann ist die Familie wieder enger zusammen. Aber Speedy will dann trotzdem bei seiner Gastfamilie bleiben. Er findet, dass alles so gut passt.

Um genau zu sein, hat Hoffenheim gleich zwei Imageprobleme: Da ist zum einen das Bild des seelenlosen Fußball-Unternehmens vom Reißbrett, geführt nach Gutsherrenart durch Dietmar Hopp. Und eben der Vorwurf des Kinderhandels, mit dem sich der Bundesligaklub in und von der eigenen Branche auch moralisch diskreditiert sieht. Das Motiv ist für die Hoffenheimer aber immer dasselbe: Neid.

Weicher Übergang für die Besten

Die Einrichtungen und das Personal, die Hoffenheim in der Nachwuchsarbeit aufbietet, gehören zum Aufwendigsten und Besten, was man im deutschen Fußball haben kann. Die Akademie besteht aus drei Zentren, dem Nachwuchsleistungszentrum für die „U 16 bis U 19“ mit den zwölf Internatsplätzen, dort findet das Leistungstraining statt. Es gibt zwei Ausnahmegenehmigungen für Jugendliche unter 15 Jahren, die ins Internat wollen, normalerweise wird diese Altersgruppe in Gastfamilien untergebracht.

Im Hopp-Stadion, nicht weit vom Nachwuchsleistungszentrum, liegt das Kinderzentrum, dort werden Grundlagen trainiert und die Kindertrainer ausgebildet. Im Kinderperspektivteam bleiben die Kleinen in ihren Heimatklubs, werden aber einmal in der Woche von den Hoffenheimern trainiert. So wollen sie eine frühe Bindung und einen weichen Übergang für die Besten in die U 12 schaffen. „95 Prozent der Spieler bis zur U 15 kommen aus einem Umkreis von 60 Kilometern“, sagt Peters. „Wir nehmen nur in begründeten Ausnahmefällen Spieler unter 15 Jahren von weit her auf.“ Hinter den Schlagzeilen um den 13 Jahre alten Hertha-Spieler in der Winterpause sieht Peters eine aus Berlin gesteuerte Kampagne.

Private Schule als Vision

Drei, vier Kilometer weiter, in Zuzenhausen, unweit des Trainingsgeländes für die Profis und der U 23, ist das Förderzentrum für die U 12 bis U 15 mit dem Aufbautraining untergebracht. „Wir machen zum Grundlagentraining, Aufbautraining und Leistungstraining parallel auch schulische und soziale Förderung durch Personal von ,Anpfiff ins Leben’“, sagt Sportdirektor Peters. Der Verein „Anpfiff fürs Leben“ wird durch die Hopp-Stiftung getragen, er stellt auch das Personal für die schulische und soziale Entwicklungsarbeit. „Wir kümmern uns um die ganze Persönlichkeit, wir wollen, dass sie zu Typen werden, die mit dem Leben zurechtkommen“, sagt Peters. Es gibt einen Kodex für das Verhalten der Jungs - auf dem Platz, in der Schule, im Internat und in sozialen Netzwerken. Der Verein gibt „Zielvisionen“ vor, da geht es um Eigeninitiative, Härte und Belastbarkeit, Teamfähigkeit und soziale Kompetenz. Auch die Jugendlichen arbeiten schon mit einem Psychologen. „Wir geben uns da richtig Mühe“, sagt der Sportdirektor, „da steckt viel Aufwand dahinter.“

Es gibt in Hoffenheim auch einen Koordinator, der den Schul- und Fußballalltag der Talente managt. Es geht um die Flexibilisierung von Klausuren, Trainingslagern oder Eliteschultraining am Vormittag. Für die Älteren, von der „U 19“ an, steht ein Laufbahnbegleiter zur Verfügung, der sich um die duale Ausbildung kümmert. „Wir wollen unbedingt, dass die jungen Spieler ein zweites Standbein, eine zweite Identität aufbauen, indem sie die bestmögliche Schulbildung bei uns bekommen - und sich dann durch Fernstudium, Ausbildung oder Praktika weiterqualifizieren“, sagt Peters. „In der Phase, wo sie noch keine soziale Absicherung haben und nicht wissen, ob sie es bei den Profis schaffen, sollen sie nicht eindimensional denken.“

Aber so gut und vernünftig das alles klingt, alle Spieler erreicht der Klub mit seinem Angebot nicht. „Am Anfang bin ich belächelt worden“, sagt Peters, „aber an 70, 80 Prozent der Jungs kommt man jetzt ganz gut ran. Der Rest wird weiter falsch gesteuert, von Eltern, Beratern und einem schlechten Umfeld, aber auch von sich selbst.“ Es gebe leider kein Bewusstsein, auch etwas für die Bildung zu tun, sagt der ehemalige Hockey-Weltmeistertrainer. „Die Atmosphäre bei uns steckt zwar an, aber nicht den Letzten.“ Der Klub arbeitet mit fünf Partnerschulen zusammen, dreimal die Woche trainieren die Jungs schon vor dem Unterricht, um halb acht. Danach gibt es ein Frühstück im Klub, dann werden sie in die Schule gefahren. „Meine Vision aber ist eine private Schule“, sagt Peters. „Ich möchte den Bildungsansatz verändern, ihn individueller auf die verschiedenen Typen ausrichten und den Tagesablauf besser an die Bedürfnisse anpassen.“ Die Schule fürs Leben soll dann ganz in Hoffenheimer Hand liegen.

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