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Stuttgarter Selbstbewusstsein Lieber reich als sexy

21.05.2007 ·  Im Rest der Republik gilt Stuttgart noch immer als liebenswertes, aber verschlafenes Provinznest. Spätestens mit der Fußballmeisterschaft wollen die Schwaben ihr Image loswerden. Die Stadt will werden wie ihr Verein: jung und dynamisch. Von Rüdiger Soldt.

Von Rüdiger Soldt, Stuttgart
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Als die VfB-Fans 1992 die Fußballmeisterschaft feierten, mussten sie in den Stuttgarter Vororten Bad Cannstatt und Untertürkheim bleiben. „Wir freuen uns so saumäßig, dass wir fast unseren Flohmarkt auf dem Marktplatz abgesagt hätten“, kommentierte der damalige Oberbürgermeister Manfred Rommel ironisch die schwäbische Zurückhaltung angesichts des Siegs. Auch dieses Mal zögerten einige Kommunalpolitiker zunächst, ob man die Fußballfans mit ihren Papp-Meisterschalen und Plastik-Bierhumpen auf den Schlossplatz lassen sollte, der dem Land gehört.

Doch das WM-„Sommermärchen“ von 2006, vor allem das „Finale der Herzen“, das Spiel um den dritten Platz und der begeisterte Empfang der Nationalmannschaft, ließ den Politikern keine Wahl: Diejenigen, die wieder eine Großleinwand vor dem Neuen Schloss aufbauen wollten, setzten sich durch.

Gelangweilte Saturiertheit abstreifen

Spätestens seit der WM sind die Stuttgarter zu selbstbewussten Fans ihrer Stadt geworden: „Stuttgart ist viel schöner als Berlin“ oder gar „Stuttgart ist viel geiler als Berlin“ skandierten die Massen im Sommer 2006 und am Samstag. Sogar ein Bilderbuch mit dem Titel „Stuttgart ist viel schöner als Berlin“ gibt es mittlerweile. Otto Dix’ Bild der lasterhaften Tänzerin Anita Berber – ausgestellt im neuen Kunstmuseum – soll das Diktum des Berliner Regierenden Bürgermeisters Wowereit widerlegen, das nahelegte, dass nur der „sexy“ sei, der auch „arm“ ist.

„Lieber reich als sexy“ meinen die Autoren, was allerdings etwas merkwürdig ist, weil Stuttgart zwar eine sehr kaufkräftige Einwohnerschaft hat, die sozialen Gegensätze zwischen Halbhöhenlage und den Arbeiterquartieren Raitelsberg oder Hallschlag aber täglich zu spüren sind. Auch die gelangweilte Saturiertheit westdeutscher Provinzstädte konnte Stuttgart natürlich nicht ganz abstreifen. Doch eigentlich will Stuttgart wie Armin Vehs Verein sein: jung, dynamisch, unprätentiös, neugierig.

„Stuggi-Town“ statt „Schduggard“

Aus „Schduggard“ ist im Sprachgebrauch der Teens und Twens „Stuggi-Town“ geworden. Seit Mitte der neunziger Jahre steht Stuttgart unter enormem Veränderungsdruck. Seitdem man entdeckt hat, dass Urbanität der Stadt gut tut, will man immer mehr davon: Mit den Neubauten am Kleinen Schlossplatz, dem Kunstmuseum und der Erweiterung des Königsbaus hat die Stadt wieder ein urbanes, junges Zentrum bekommen. Noch ehrgeiziger ist nur das, was sich Stadt und Land für die Zukunft vorgenommen haben: Bis Anfang Juni soll über das Großbauprojekt „Stuttgart 21“ entschieden werden. Der Bahnhof soll dann sein heute leicht schmuddeliges Image verlieren und zu einem Tiefbahnhof werden.

Außerdem würde ein neues innerstädtisches Quartier mit Stadtbibliothek, Wohn- und Geschäftshäusern entstehen. Die Konrad-Adenauer-Straße, die James Stirlings Staatsgalerie von Parlament und Staatsoper trennt, soll untertunnelt werden, so dass in der Innenstadt eine zusammenhängende „Kulturmeile“ entstünde. Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) will außerdem den „Rosensteintunnel“ bauen, um das an den Zoo „Wilhelma“ grenzende Gelände vom Autoverkehr zu entlasten. Das neuerdings „Neckarpark“ genannte Gelände mit Daimler-Stadion, Hanns-Martin-Schleyer-Halle und Daimler-Museum soll um einen „Science-Park Mobilität“ und ein Hotel erweitert werden.

„Es wird niemand mehr reingelassen“

Wenn dann noch der Kaufhauskonzern Breuninger seine kürzlich vorgestellten Neubauten zwischen Rathaus und Karlsplatz realisiert, wäre Stuttgart in zehn Jahren kaum noch wieder zu erkennen. Großstadt zwischen „Wald und Reben“ wollen die Stuttgarter trotz neuer Urbanität bleiben, die Weinwanderwege pflegt man weiterhin, aber vom Image, Welthauptstadt der Kehrwoche zu sein, will man nichts mehr wissen.

Schon am frühen Samstagnachmittag knirschen auf der Königstraße die Scherben von Tannenzäpfle-Flaschen unter den Sohlen. Der Schlossplatz ist völlig überfüllt, mindestens 20.000 Fans irren durch die Straßen, klettern in italienischen Restaurants auf Tische und Stühle, um wenigstens ein paar Sekunden vom Spiel VfB gegen Cottbus zu erhaschen. „VfB 2007 – Ich war dabei“ hat ein Mann auf sein T-Shirt drucken lassen, doch vom Spiel bekommt er wie viele andere nichts mit. „Es wird niemand mehr reingelassen, der Schlossplatz ist überfüllt“, sagt ein Ansager.

Daimler und der VfB

Als die Mercedes-Cabrios mit der VfB-Mannschaft kurz vor 22 Uhr, um Stunden verspätet, auf der Willy-Brandt-Straße am Mittleren Schlossgarten in Richtung Innenstadt fahren, werfen sich die Fans vor die Autos. Fernando Meira schwenkt die Meisterschale, „Timo, Timo“ und „Cacau, Cacau“ rufen die Fans. Auf dem Schlossplatz sorgen die „Fantastischen Vier“ für gute Stimmung bei den Wartenden. „Was geht, was geht, ich sag’s dir ganz konkret“, singt Thomas D.

An diesem Wochenende ist Daimler-Chrysler wieder Daimler und der VfB Deutscher Meister. Und für nicht wenige Schwaben sind beide Ereignisse zusammen genommen der beste Beweis für die Dauerhaftigkeit einer alten schwäbischen Tugend, nämlich dass man mit bescheidenen Mitteln und zurückhaltendem Auftreten das meiste erreicht.

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Jahrgang 1966, politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

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