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1. FC Köln : Gnadenloser Mechanismus

Der ehemalige Sportdirektor des 1. FC Köln Jörg Schmadkte und der ehemalige Trainer Peter Stöger. Bild: dpa

Was sich in Köln in den vergangenen Wochen ereignete, war ein erschütterndes Schauspiel – und ein Lehrstück darüber, wie das Schau-Spiel Profifußball offenbar zu funktionieren hat.

          Und am Sonntag, kurz nach 12 Uhr, trat Toni Schumacher vor die Pforten des Geißbockheims und verkündete, was die jubelnde Menge hören wollte: Erstens, der Vertrag mit Peter Stöger wurde soeben bis 2022 verlängert, ein Zeichen des besonderen Vertrauens in schweren Zeiten, und zweitens: Freikölsch für alle.

          Nein, in Köln scheinen der Phantasie derzeit kaum Grenzen gesetzt – das muss man sich schließlich erst einmal vorstellen, dass ein Klub, der über Jahre seriöse, zu Recht bewunderte Aufbauarbeit betrieben hat und im Sommer mit der Rückkehr in den Europapokal seinen größten Festtag seit 25 Jahren feierte, dass dieser Verein ein halbes Jahr später ohne Sportdirektor, Trainer und ohne ernsthafte Aussicht auf den Verbleib in der Ersten Fußball-Bundesliga dasteht.

          Was man sich aber offenbar nicht vorstellen konnte in Köln, war, dass man in so einer Situation den vielzitierten Mechanismen der Branche einen Keil zwischen die Zahnräder wirft und sagt: So nicht!

          Sicher, die Verantwortlichen des 1. FC Köln können argumentieren, dass sie ziemlich lange mit angesehen haben, wie die Mannschaft mit Peter Stöger Richtung zweite Liga taumelt, das Tabellenbild nach 14 Spieltagen ist desaströs. Und sie werden Verständnis dafür ernten, wenn sie nun zum vermeintlich letzten Mittel greifen, dem ebenso oft zitierten „frischen Impuls“, wenngleich sie im Grunde einen sinnvollen Zeitpunkt dafür schon verpasst haben.

          Wäre es aber wirklich unmöglich gewesen, frühzeitig, rechtzeitig, eine Haltung zu entwickeln, ob der Trainer und Mensch Stöger der Richtige für Mannschaft und Verein ist? Ob man bereit ist, mit ihm auch bis zum Äußersten zu gehen, weil man von seiner Arbeit, deren Qualität man ja kennt, überzeugt ist? Und ihn so zu stützen, dass die Mechanismen der Branche sich ausnahmsweise mal die Zähne ausbeißen.

          Was sich stattdessen in den vergangenen Wochen ereignete, war ein erschütterndes Schauspiel und auch ein Lehrstück darüber, wie das Schau-Spiel Profifußball offenbar zu funktionieren hat – die Rolle der Medien inklusive. Nach dem wievielten Spieltag wurde Stöger zum ersten Mal mit der Frage nach seiner Zukunft oder sogar einem Rücktritt konfrontiert? Die Antwort ist in jedem Fall: absurd.

          Dass Stöger nun in der vergangenen Woche die Vertrauensfrage stellte, hat sein Ende beim FC beschleunigt und besiegelt, den Vorwurf des verwirkten Vertrauens konnte sich der Verein auch schlecht bieten lassen. Zugleich war es nicht nur ein Ausdruck der besonderen Persönlichkeit des Österreichers, selbst in dieser Situation das an- und auszusprechen, was er denkt – seine Stimme des Realismus in einem bisweilen surrealen Geschäft wird der Bundesliga fehlen (und vielleicht bald auch den Kölnern). Es war auch ein letzter Dienst an der Mannschaft, der ein Weiter so mit einem Trainer auf Abruf nicht zuzumuten war.

          Schuldlos am Kölner Absturz ist Stöger nicht, auch er hatte offenbar den Kader nach dem Verkauf von Modeste stärker eingeschätzt, als er dann wirklich war, und wenn sich das Verhältnis zwischen Führungsfiguren abnutzt, geht das selten nur von einer Seite aus. Von der Mannschaft hingegen war dergleichen nie zu hören, das Verhältnis zum Trainer schien intakt. Mit anderen Worten: Die Basis stimmte. Dass Stöger trotzdem den Boden unter den Füßen verlor, folgt einem eigentümlichen, einem gnadenlosen Mechanismus.

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