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Stehplatztribüne Friedensstifter im Fanblock

06.03.2007 ·  Sprachrohr, Ratgeber, Vermittler: Stephan von Ploetz leitet das Fanprojekt der Frankfurter Eintracht und leistet für den Verein auf der Stehtribüne der Commerzbank-Arena vielfältige Basisarbeit.

Von Nicolas Wolz
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Martin, der Mann mit dem Megaphon, gibt den Takt vor: „Steht auf, wenn ihr Adler seid!“ Eigentlich ist die Aufforderung überflüssig, denn in der Fankurve der Frankfurter Commerzbank-Arena, die dort noch immer Waldstadion heißt, sitzt ohnehin niemand. Nicht an diesem Samstag beim Spiel gegen Hannover und auch sonst nie. Echte Fans stehen aus Prinzip.

Das war schon immer so und wird wohl auch immer so bleiben. Doch das Spiel läuft schlecht, es will einfach kein Tor fallen, trotz zahlreicher Chancen. Nur zu gern stimmen die gut achttausend Eintracht-Anhänger deshalb in den Schlachtruf ein, recken die Fäuste in den wolkenverhangenen Frankfurter Märzhimmel und fangen an, so heftig herumzuhüpfen, dass der ganze Block zu wackeln scheint.

Treffpunkt im „Fanhaus Louisa“

„Das ist die übliche Kulisse bei einem Heimspiel der Eintracht“, sagt Stephan von Ploetz, der fast schreien muss, damit man ihn inmitten des ganzen Trubels überhaupt versteht. „Alles ganz normal, kein Problem.“ Seit fast sieben Jahren leitet von Ploetz das Fanprojekt der Frankfurter Eintracht, eine Einrichtung, die es seit Anfang der neunziger Jahre bei allen Erstligaklubs, aber auch bei vielen Zweit- und Regionalligavereinen gibt. Ins Leben gerufen im Rahmen des „Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit“, sollen die Fanprojekte als besondere Form der Jugend- und Sozialarbeit und in Zusammenarbeit mit den offiziellen Fanbeauftragten der Vereine helfen, der Gewalt in den deutschen Fußballstadien entgegenzuwirken.

Der Etat von knapp 90.000 Euro, der von Ploetz pro Jahr zur Verfügung steht, wird zu je einem Drittel vom DFB, vom Land Hessen und von der Stadt Frankfurt finanziert. Zum Team des Sozialarbeiters gehören zwei feste Mitarbeiter und zwei Honorarkräfte. Sie begleiten die Eintracht-Fans zu allen Bundesligaspielen, organisieren Jugendfreizeiten, beraten in persönlichen Notlagen und vermitteln im Kontakt mit Polizei und Behörden. Diese „Übersetzungsleistung“, wie er es nennt, ist für von Ploetz eine der Hauptaufgaben des Fanprojekts. „Die Sprache der Fans ist eine andere als die der Institutionen rund um den Fußball“, sagt er. Aber auch das Schaffen von Räumen sieht er als enorm wichtig an.

Deshalb ist er sehr stolz darauf, dass es dem Fanprojekt vor einigen Jahren gelungen ist, den alten Bahnhof Louisa in Sachsenhausen von der Deutschen Bahn AG zu mieten und gemeinsam mit den Fans zu einem festen Treffpunkt, dem „Fanhaus Louisa“, umzugestalten. Einmal in der Woche treffen sich dort Fans und Betreuer zum Reden, Feiern und Vorbereiten der nächsten Spieltage – für von Ploetz eine sehr wirksame Form der Gewaltprävention: „Jede Minute, die einer an einer Fahne malt, denkt er nicht an Gewalt.“ Weitere Angebote des Projektes, die von den Fans genutzt werden können, sind der Fancontainer, der als Anlaufstelle vor dem Stadion dient, und ein alter, zum „Fanmobil“ umgebauter Mercedes-Bus, der zum Beispiel während der EM 2004 in Portugal als „mobile Fanbotschaft“ zum Einsatz kam.

„Die Abgrenzung zum Gegner gehört dazu“

Nachdem wir uns eine Weile das Spiel von oben angesehen haben, schlägt von Ploetz vor, einmal ganz nach unten zu gehen, an das Stahlgitter, das die Zuschauertribüne vom Spielfeld trennt, dorthin, wo Martin mit dem Megaphon und die anderen Einpeitscher stehen. Geduldig bahnt er sich einen Weg durch die Masse, er wirkt kein bisschen angespannt, die drangvolle Enge und die ohrenbetäubenden Schlachtrufe scheint er kaum wahrzunehmen. Immer wieder muss er Hände schütteln und alte Bekannte begrüßen. Dann sind wir unten. Für den, der es zum ersten Mal erlebt, mag es ein komisches Gefühl sein, dort zu stehen, eingeklemmt in dem schmalen Korridor am Fuß der Tribüne, vor sich den drei Meter hohen Zaun, hinter sich die johlende und hüpfende Menge. Für den Fanbetreuer ist es schon lange nichts Besonderes mehr, sondern eher so etwas wie der ganz normale Wahnsinn.

Am Anfang, sagt von Ploetz, sei es nicht so einfach gewesen. Doch mittlerweile akzeptiere die Szene ihn und das Fanprojekt. Die „Szene“, das ist ein für den Außenstehenden ziemlich verwirrendes Konglomerat von Vereinen, Gruppen und Grüppchen, die der Mannschaft mit dem Adler zum Teil seit vielen Jahren die Treue halten. Etwa 540 Fanklubs hat die Eintracht derzeit, in denen rund 11.000 Mitglieder organisiert sind. Die bekanntesten, deren Transparente bei jedem Heimspiel an den Balustraden der Tribünen hängen, heißen „Brigade Nassau“, „Droogs“, „Fanatics“ oder „Geiselgangster“. Von Ploetz schätzt, dass er etwa 70 Prozent der Fans im Alter zwischen 14 und 27 Jahren mit seiner Arbeit erreicht, die meisten aus der jugendlich geprägten Gruppe der sogenannten Ultras.

„Die Älteren, zu denen auch die meisten Hooligans gehören, fühlen sich von uns nicht angesprochen, akzeptieren aber, was wir machen.“ Die überwiegend positive Resonanz zeige, dass das Fanprojekt anerkannt sei und einen wichtigen Beitrag leiste, sagt von Ploetz, der es für utopisch hält, Emotionen und damit letztlich auch Gewalt ganz aus den Stadien verbannen zu wollen. „Die Abgrenzung zum Gegner gehört für die Fans nun einmal dazu. Die Gewalt darf aber auf keinen Fall übergrifflich werden. Auch das versuchen wir mit unserer Arbeit zu erreichen.“

Vierhundert Ultras in Frankfurt

An diesem Samstag bleibt alles ruhig. Viele Fanklubs haben ihre Banner verkehrt herum aufgehängt, um auf diese Weise gegen die ihrer Ansicht nach willkürliche Verhängung von Stadionverboten zu protestieren. Am stärksten betroffen sind die Ultras. Etwa vierhundert Anhänger dieser eigentlich aus Italien stammenden Fanbewegung, die mittlerweile bei fast allen Vereinen der oberen drei Ligen zu finden ist, gibt es in Frankfurt. Damit sind sie die größte Fangruppierung der Eintracht. Drei von ihnen, die das Stadion nicht betreten dürfen, treffen wir vor dem Spiel in der Cafeteria der DFB-Zentrale an der Otto-Fleck-Schneise.

„Vor uns muss man keine Angst haben“, versichern Thomas, Rainer und Timo (Namen geändert). „Wir sind keine Dumpfbacken, die sich nur den Schädel einschlagen wollen.“ Wenn man sie so am Kaffeetisch sitzen sieht, alle drei Anfang zwanzig, ordentlich gekleidet und eher schmächtig, ist man geneigt, ihnen zu glauben. Nur die Stadionverbote, die gegen sie verhängt wurden, passen nicht ganz in das beschauliche Bild. Im Vordergrund, sagen sie, stehe für sie nicht die Gewalt, sondern die Unterstützung des Vereins. Die Ultras verstehen sich als „Stimmungskern“ in der Fankurve und sind stolz auf ihren „koordinierten Support“ für die Mannschaft. „Wenn trotzdem mal etwas passiert, dann eigentlich nur innerhalb der Fangruppen. Wir versuchen immer, Unbeteiligte rauszuhalten.“ Zur Zeit gebe es aber zumindest unter den verschiedenen Fangruppen der abstiegsbedrohten Eintracht keine Rivalität. „In schlechten Zeiten halten alle zusammen.“

Diesen Eindruck hat man dann auch später während des Spiels im Fanblock. Sicher, es ist laut, es ist eng, es wird auch schon mal geschubst oder an den Zaun getreten, und das meiste von dem, was in Richtung des Hannoveraner Torhüters Enke gebrüllt wird, ist alles andere als druckreif. Doch die Mehrzahl der Fankurven-Besucher sind ganz normale Leute, viele Frauen und Mädchen sind darunter, aber auch Väter mit ihren Kindern. Auch den einen oder anderen distinguierten älteren Herrn sieht man, der zum Kamelhaarmantel einen Eintracht-Schal trägt. Natürlich gibt es auch die „Kuttenträger“ mit ihren von Eintracht-Buttons und -Stickern übersäten Jeans- und Lederjacken, die Tätowierten, die Kahlrasierten und die breitschultrigen Bomberjacken-Typen. Aber zu keinem Zeitpunkt kommt ein Gefühl von Bedrohung auf, alles ist friedlich, der Umgangston unerwartet höflich („Entschuldigung, darf ich mal vorbei?“).

Erinnerung an die G-Block-Zeiten

Als Takahara in der 58. Minute das erlösende Tor zum 1:0 schießt, liegen sich alle freudestrahlend in den Armen. Sekunden später gibt Martin mit dem Megaphon das Kommando: „Naohiro Takahara, nanana-nana“, und es gibt kaum einen, der nicht in den allgemeinen Freudentanz einfällt. Eingreifen müssen die allgegenwärtigen Ordner an diesem Tag nur im Block der Niedersachsen, wo gegen Ende der ersten Halbzeit dicker schwarzer Qualm aufsteigt. Einem der mitgereisten Hannoveraner Fans war es gelungen, Rauchpulver durch die Sicherheitskontrollen zu schmuggeln. Der Übeltäter wird später mit Hilfe der überall installierten Überwachungskameras identifiziert.

Nicht immer ging es so friedlich zu im Fanblock der Frankfurter Eintracht. Stephan von Ploetz kann sich noch an alte G-Block-Zeiten erinnern, in denen die einzelnen Fanklubs ihre Claims millimetergenau abgesteckt hatten. „Und wehe, man kam aus Versehen in das falsche Revier.“ Geradezu lebensmüde hätte man sein müssen, wenn man sich damals als Anhänger der gegnerischen Mannschaft in den Eintracht-Block gestellt hätte. Diese Zeiten, glaubt er, seien aber inzwischen endgültig vorbei.

Die alten Hooligans von früher seien inzwischen Börsenmakler oder erfolgreiche Geschäftsleute, die sich die Spiele lieber von den bequemen Sitzplätzen im Oberrang oder auf der Gegentribüne anschauten. „Heutzutage“, sagt von Ploetz, „wäre es ohne weiteres möglich, nach dem Spiel mit einem Hannover-Schal um den Hals zusammen mit den Eintracht-Fans vom Stadion zur S-Bahn zu laufen. Selbst wenn Frankfurt verloren hätte.“ Die Probe aufs Exempel möchte man dann aber doch lieber nicht selber machen.

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