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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Stefan Kuntz im Gespräch „Das trifft mich bis ins Mark“

 ·  Der 1. FC Kaiserslautern ist praktisch abgestiegen. Das 0:2 gegen Nürnberg trifft nicht nur die Fans. Im F.A.Z.-Interview spricht Vorstandschef Kuntz über die katastrophale Saisonbilanz, eigene Fehler und die Pläne für einen Neuanfang in der zweiten Liga.

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© dapd „Ich habe mit mehr Gegenwehr und Stolz gerechnet“: Stefan Kuntz

Kaiserslautern, ein Bild des Jammers: Nach 21 Spielen ohne Sieg steht der dritte Abstieg nach 1996 und 2006 praktisch fest. Bei vielen Fans ist aus Liebe zum Klub Wut geworden – auch auf Vorstandschef Kuntz.

Hätten Sie nach allen Negativerlebnissen, die diese Saison mit sich gebracht hat, so einen Tiefpunkt wie das 0:2 gegen Nürnberg für möglich gehalten?

Nein. Ich habe auch mit mehr Gegenwehr und Stolz gerechnet - auch was die Serie der nicht gewonnenen Spiele angeht. Dass man da auf keinen Fall in irgendwelchen Statistiken erscheinen möchte. Das hat mir gegen Nürnberg alles gefehlt.

Wie empfinden Sie das als jemand, der sich immer mit Leib und Seele für seine Mannschaften eingesetzt hat?

Furchtbar. Ich finde auch keine anderen Worte dafür. Das trifft mich bis ins Mark.

Sie haben nach dem Spiel sehr emotional reagiert. Unter anderem haben Sie gesagt, dass nur drei Spieler Tugenden wie Ehre, Anstand, Professionalität verkörpert hätten.

In so einer Situation kann man doch nicht immer professionell und ohne Emotionen vor den Kameras agieren. Was wir in vier Jahren mit dem ganzen Team aufgebaut haben, zugunsten eines angeschlagenen Klubs, das wird im sportlichen Bereich in einem im Vergleich ganz kurzen Zeitraum von wenigen Wochen vernichtet. Da kann man nicht immer hinterher noch lächelnd dastehen und jemanden in Schutz nehmen, wenn die ganz klare Wahrheit vorher auf dem Fußballplatz zu sehen war.

Ist das nicht letztlich die Bankrotterklärung dieser Mannschaft?

Ob ich da noch meinen Senf dazugebe, oder ob man sich an Statistiken hält - wenn man sich unsere geschossenen Tore und die Serie der nicht gewonnenen Spiele vor Augen führt: Was soll man da noch argumentieren. Da kann man noch ein paar verletzte Spieler heranziehen, das wäre noch eine ganz leichte Erklärung, aber insgesamt: Sonst fällt mir dazu nichts ein.

Haben Sie über unmittelbare Konsequenzen nachgedacht?

Ich bin kein Freund von Aktionismus, schon gar nicht aus der Emotion heraus. Jetzt müssen wir erstmal wirklich alle runterkommen und dann überlegen: Was hat dann noch Sinn? Irgendwelche schnellen Maßnahmen, die wahrscheinlich in personellen Konsequenzen enden würden, würden nur Einzelne abstempeln, obwohl letztlich mehrere daran beteiligt waren. Das wäre nur eine Maßnahme für die Öffentlichkeit. Wir müssen gründlich analysieren. Denn wenn wir im nächsten Jahr gleich in der Spitzengruppe mitspielen wollen, wird das ein ganz schwieriges Jahr. Und es wird ein ähnlicher Druck sein. Da gewinnt unser Trainer, da gewinnen wir in den nächsten Wochen noch wichtige Erkenntnisse, wer charakterlich und von der Qualität geeignet ist, da mitzumachen.

Haben Sie Sorge, dass dem Klub bei alldem seine Herzblut-Identität verlorengeht, für die er ja eigentlich steht?

Nein, das ist ein temporärer Zustand, den wir in der nächsten Saison wieder ändern werden.

Wie soll das geschehen?

Indem wir bei Neuzugängen neben der fußballerischen Qualität sehr viel Augenmerk auf Charakterstärke, Druckresistenz und Verkörperung dieser Tugenden legen.

Gilt das Wort zu Krassimir Balakow noch: dass Sie mit ihm in die nächste Saison gehen?

Natürlich. Wir haben mit ihm einen letzten Versuch getan, der Saison noch eine positive Wendung zu geben. Für bestimmte Dinge ist aber auch der Vorgänger nicht aus der Verantwortung zu entlassen. Krassimir hat sicher den wenigsten Anteil an der momentanen Situation.

Sehen Sie in der Kaderzusammenstellung große Versäumnisse bei sich selbst? Kreiden Sie es sich selbst an, dass es so schiefgelaufen ist?

Natürlich muss ich mir das mit ankreiden. Nur: Alle Transfers sind nach Absprache oder auf ausdrücklichen Wunsch des Trainers geschehen.

Welche Entscheidungen würden Sie heute anders treffen?

Zum damaligen Zeitpunkt wurden die Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen getroffen. Bei Itay Shechter haben uns für einen international erfahrenen Stürmer entschieden, dem wir zugetraut haben, „Lucky“ (Lakic) halbwegs zu ersetzen. Oder nehmen wir Vermouth. Der hatte bei Hapoel Tel Aviv 70 Prozent der Tore von Shechter aufgelegt. Also war es auch eine nachvollziehbare Entscheidung, sie im Paket zu nehmen. Es hat aber nicht funktioniert. Sandro Wagner, den wir im Winter aus Bremen geholt haben, und für den wir am Anfang viel Lob bekommen haben, ist dann schnell auch in diese Abwärtsspirale geraten. Und so könnte ich viele Beispiele aufzählen. Dann kommen noch Kleinigkeiten dazu, Verletzungen, Elfmeter die du nicht kriegst. Und alles zusammen sorgt dafür, dass du eventuell absteigst.

Sie machen sich sehr viel Mühe mit den Details. Aber die Lage ist doch so katastrophal, dass man die Frage stellen muss, ob nicht eine ganz grundsätzliche Fehleinschätzung dahintersteckt?

Der FCK steht mit seinen Möglichkeiten zwischen Platz 14 in der ersten und Platz 5 in der zweiten Liga. Wenn Sie mich vor der Saison gefragt hätten „Schaffen Sie den Klassenerhalt?“, hätte ich gesagt: Ja, glaube ich, es wird aber schwer. Und an dem gemessen habe ich die Situation falsch beurteilt, das stimmt. Ich würde aber heute mit demselben Kader vor der Saison nochmal dasselbe sagen. Für mich ist eher die Frage: War zwischendurch ein Moment, wo ich hätte noch mehr erkennen und noch etwas hätte abstellen können?

Und haben Sie schon eine Antwort darauf?

Noch nicht ganz.

Wo liegen denn die Ansätze?

Die Ansätze sind immer dann da, wenn du etwas siehst und eine andere Meinung hast - und eine handelnde Person nicht. Dann stellst du das zur Diskussion, aber die Entscheidung bleibt beim Verantwortlichen.

Können Sie da konkreter werden?

Im Grunde passiert jede Woche irgendwas, was du sehen kannst. Die eine oder andere Disziplinlosigkeit, die eine oder andere Folgeentscheidung. Aber ich will und werde sicher nicht meinem Trainer in irgendwas reinreden.

Die Stimmung ist von sehr euphorisch nach Platz sieben in der Vorsaison zu fast aggressiv gekippt - auch Ihnen persönlich gegenüber. Kürzlich war im Fanblock ein Transparent zu sehen, auf dem Sie als „Sonnenkönig“ bezeichnet wurden. Ist die außerordentliche Mitgliederversammlung, die der Aufsichtsrat für den 9. Mai einberufen hat, eine Flucht nach vorne, auch für Sie selbst?

Ich würde eher sagen, dass sie dazu dienen soll, in so einem emotionalen Umfeld, in dem anonym teilweise haarsträubende Gerüchte in Umlauf gebracht werden, aufzuklären und sich den Fragen der Mitglieder zu stellen.

Geht es nicht in erster Linie darum, sich ein positives Votum der Basis für die Zukunft zu holen?

Nein. Ich brauche kein positives Votum. Ich erkläre und zeige auf, was wir seit meinem Amtsantritt gemacht haben - inklusive der Aufarbeitung dieser Saison. Dann liegen die Fakten auf dem Tisch und keine Vermutungen mehr. Und dann kann jeder sein Fazit ziehen.

Die Gerüchte und Vermutungen, die Sie ansprechen, betreffen nicht zuletzt Ihre Person. Wird das ein Thema sein?

Natürlich.

Da ist zum Beispiel der Vorwurf der Vetternwirtschaft. Ihre Schwägerin leitet einen Fanshop, Ihr Bruder hat als Scout gearbeitet.

Die Einstellung meiner Schwägerin ist vom Aufsichtsrat genehmigt worden. Und entscheidend ist doch, dass durch Fakten belegt werden kann, dass durch ihre Arbeit vieles besser geworden ist. Und das können wir. Bei meinem Bruder ist es eher so, dass er uns einen Gefallen getan hat, indem er noch zu Zweitligazeiten auf 400-Euro-Basis Spiele angeschaut hat. Das ist doch keine Vetternwirtschaft. Wenn Sie einen eigenen Betrieb aufmachen, ist es doch ganz normal, dass Sie auf den zurückgreifen, den Sie kennen.

Es geht auch um frühere Kollegen aus der Meistermannschaft von 1991.

Das ist doch genau das, was vorher hier gefordert worden ist und was bei anderen Vereinen als Weltklasse angesehen wird: Dass alte Spieler integriert werden. Roger Lutz und Marco Haber, unsere beiden Teammanager, haben lange hier gespielt und verkörpern den FCK bis zum Gehtnichtmehr. Das war so lange gut, bis bestimmte Leute angefangen haben, in allem einen negativen Dreh zu sehen. Da wird dann kritisiert, dass wir zwei Teammanager haben, obwohl andere Vereine bis zu fünf Personen um die Mannschaft herum haben und zusätzlich noch einen Sportdirektor. Da muss ich doch irgendwann fragen: Was bewegt diese Leute? Sorge um den FCK? Oder hat das vielleicht etwas damit zu tun, dass da einer hier einmal viel Geld verdient hat und dann nicht mehr zum Zug gekommen ist.

Der 31. Bundesliga-Spieltag im Überblick

Ein anderes Gerücht sagt, dass Sie, obwohl Sie noch einen Vertrag bis 2015 haben, schon mit anderen Klubs gesprochen haben. Können Sie den Fans das Wort geben, dass Sie das nicht getan haben?

Nein, kann ich nicht. Ich habe auch mit Hoffenheim gesprochen. Ich schaue mir im Moment intensiv vier oder fünf Nachwuchsleistungszentren an, weil wir unseres ausbauen wollen. Frankfurt, Leverkusen und Nürnberg sind auch dabei. Daraus wird dann gemacht, dass ich mit diesen Vereinen über meine eigene Person spreche. Ich bin nächstes Jahr hier Vorstandsvorsitzender. Definitiv.

Haben Sie das Gefühl, dass es Gruppen gibt, die dem FCK gezielt schaden wollen?

Ja.

Haben Sie auch mal daran gedacht, sich das nicht mehr anzutun? Dass sie nicht mehr am richtigen Platz sind, bei allem, was Sie auch für den Klub geleistet haben?

Dieser Wesenszug ist mir fremd: Zu fragen, wo ist die Dankbarkeit? Nein, ich marschiere weiterhin vorweg. Ich werde das Schiff garantiert nicht verlassen.

Welche Lehren nehmen Sie aus dieser völlig missratenen Saison mit?

Ich hinterfrage mich selbst: Wo hätte ich noch mehr tun können? Wo hätte ich noch mehr kontrollieren müssen? Wo hätte ich bei den Verpflichtungen noch ein Stück mehr in den Kopf gucken müssen? Nach dem ersten Jahr Bundesliga hätte ich vielleicht auch einen Sportdirektor einstellen müssen, der mir manches hätte abnehmen können. Ich glaube, dass ich bei der Vielzahl der Aufgaben eines Vorstandsvorsitzenden da Zeit verloren habe, die ich im sportlichen Bereich besser hätte nutzen können. Wenn ich jetzt schaue, was wir sportlich, wirtschaftlich und strukturell in den letzten vier Jahren erreicht haben oder in der Zukunft machen müssen, dann geht es vor allem um den Ausbau des Nachwuchsleistungszentrums, die weitere wirtschaftliche Konsolidierung und sportliche Erfolge, inklusive der Professionalisierung des Vereins auf allen Ebenen. Das ist alles auf meinem Schirm. Wenn dann irgendjemand sagt, das wollen wir nicht, das ist nicht der Weg des FCK, den die Mitglieder haben wollen, dann müssen sie dem Aufsichtsrat den Auftrag geben, den Vertrag mit mir zu lösen. Dann werde ich mich dem beugen.

Blick auf erfolgreichere Zeiten: Titel des 1. FC Kaiserslautern

Deutscher Meister: 1951
Deutscher Meister: 1953
Deutscher Pokalsieger: 1990
Super-Cup-Gewinner: 1991
Deutscher Meister: 1991
Deutscher Pokalsieger: 1996
Deutscher Hallenmeister: 1997
Deutscher Meister: 1998
Meister 2. Bundesliga: 2010

Das Gespräch führte Christian Kamp.

Quelle: F.A.Z.
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