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Stanislawski und St. Pauli Ehe auf Zeit

12.04.2010 ·  Holger Stanislawski hat den FC St. Pauli schon als Spieler, Kapitän, Manager und Vizepräsident erlebt. Als Trainer will er den Kiez-Klub in die Bundesliga führen. Gegen Augsburg am Montagabend könnte das Ziel näherrücken.

Von Frank Heike, Hamburg
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Natürlich war das Ganze nicht vollkommen ernst gemeint. Deswegen beendete Holger Stanislawski seine Hamburger Wutrede auch mit dem beliebten: „Ich habe fertig.“ Bei den Zweitligaprofis des FC St. Pauli scheint die Ansage ihres Trainers angekommen zu sein: Vor dem an Giovanni Trapattoni erinnernden Wutausbruch Anfang März hatte der überraschende Aufstiegsaspirant viermal hintereinander nicht gewonnen und das schöne Punktepolster des starken Rückrundenstarts verspielt. Seit Stanislawski seinen Unmut über die Niederlagenserie aber mehr als deutlich kundtat, ist der FC wieder auf Kurs: drei Siege, eine Niederlage, Platz zwei. An diesem Montag (20.15 Uhr, FAZ.NET-2. Bundesliga-Liveticker) soll es im Spiel gegen den großen Konkurrenten um diesen Rang, dem FC Augsburg, weiter Richtung Bundesliga gehen für den FC St. Pauli und Holger Stanislawski, der im Lauf der Jahre zu einem begehrten Trainer geworden ist.

Im Grunde war nur das Wetter daran schuld, dass sich der 40 Jahre alte Fußballlehrer seinerzeit so aufregen musste. Im harten Hamburger Dauerwinter war St. Pauli nämlich von den unbespielbaren Plätzen auf dem Trainingsgelände an der Kollaustraße ins Stadion am Millerntor ausgewichen, wo Gärtner und Rasenheizung das Grün für die Punktspiele in Form halten. Doch mit dem Umzug kamen die Niederlagen und ein nachlässiger Spielstil, der Stanislawski ganz wild machte. Also drückte er nach dem 1:2 bei 1860 München vor fünf Wochen „einfach die Reset-Taste“, wie er sagte.

Ab jetzt beginne die Saison wieder von vorne, hob Stanislawski während einer turnusmäßigen Pressekonferenz an. Und zwar mit der Rückkehr an die Kollaustraße. Man muss wissen, dass dort vor fünf Wochen noch 20 Zentimeter Schnee lagen und dann Wassermassen alles unbespielbar machten. Stanislawski war das egal. „Die Maulwürfe sollten sich ein neues Zuhause suchen“, rief er, „denn es wird laut.“ Auch für seine Spieler gelte dies, es werde laut und unbequem: „Ob 30 Zentimeter Neuschnee liegen, Bäume umstürzen oder Wasser auf den Plätzen ist, wir werden trainieren. Und wenn ein Erdbeben kommt, gibt es Schutzhelme. Und los.“ Jeder bekomme seine Chance, eine Stammelf gebe es nicht mehr, alle fangen bei null an.

Spieler, Kapitän, Manager, Vizepräsident, Trainer

Für die vergangenen neun Spiele wollte der einfallsreiche Trainer einfach zurückholen, was verlorengegangen war in seiner jungen Mannschaft. Dreimal ist das schon geglückt mit den Siegen gegen Oberhausen, in Cottbus und gegen Rostock. Nur am vergangenen Montag gab es beim 0:1 in Düsseldorf einen kleinen Rückschlag. Ein Erfolg gegen Augsburg aber würde dem FC St. Pauli zumindest den Relegationsrang fast schon garantieren.

Stanislawski ist aber kein Schreihals oder Blender. Der beste Schüler des letzten DFB-Trainerlehrgangs ist ein akribischer Arbeiter, der die Nächte zu Hause in Rahlstedt vor Spielstrategien am Laptop verbringt und den Profis eine Mappe mit Spielzügen erstellt hat, die er vor der Saison austeilte. St. Pauli gilt als spielstärkstes Team der zweiten Liga. Dass Stanislawski nun die notwendige Aggressivität als Grundlage allen Erfolges zurückgefordert hat, zeigt nur, wie gern er bei aller öffentlich dargestellten Lockerheit den Aufstieg möchte. Und er hat das Große, Ganze im Blick bei dem Klub, den er schon in vielen Rollen erlebt hat - als Spieler, Kapitän, Manager, Vizepräsident. Stanislawski sagt: „Der Verein geht gerade die richtigen Schritte. Das Stadion wächst, es hat sich eine Mannschaft entwickelt, die aus der dritten Liga in die Zweitligaspitze gerutscht ist und das nicht durch Kampf und Glück, sondern durch spielerische Mittel.“

„Wir haben die richtige Mischung aus Spaß und Geradlinigkeit“

Längst ist der Klub auch eine gute Adresse geworden für Jungstars aus den deutschen Juniorennationalmannschaften wie Dneiz Naki, Rouwen Hennings, Richard Sukuta-Pasu oder Bastian Oczipka. Hinzu kommen erfahrene Profis wie Verteidiger Morena, Mittelfeldspieler Bruns, Stürmer Ebbers oder Torwart Hain. „Wir haben die richtige Mischung aus Spaß und Geradlinigkeit“, sagt Stanislawski.

Mit den bei den Fans so geschätzten Attributen „Freibeuter der Liga“ oder „Kultklub vom Kiez“ kann Stanislawski nichts anfangen: „Das bringt uns keinen Punkt und keinen Euro. Fußball ist keine Sozialutopie, wir müssen uns auch als Wirtschaftsunternehmen begreifen“, sagte er jüngst der „Berliner Zeitung.“ Bei den Fans der St.-Pauli-Ultras eckt er mit solchen Sätzen an. Aber selbst das schreckt Stanislawski nicht. Erst jüngst hat er sie für ihre bisweilen höhnische Art der Unterstützung und selbstherrliche Weise der Dauerkartenverteilung kritisiert. Ein Unding für St.-Pauli-Verhältnisse, denn in diesem Klub beanspruchen die Anhänger traditionell ein großes Mitspracherecht an den Geschicken des Klubs. Zum Glück interessiert das Stanislawski und Präsident Corny Littmann nicht besonders.

Dass sich inzwischen auch mancher begehrliche Blick von Bundesligaklubs auf ihn richtet, nimmt Stanislawski gelassen zur Kenntnis. Der VfL Bochum und Borussia Mönchengladbach wollten ihn schon mal, zuletzt war Hannover 96 an ihm interessiert; es soll sogar Gespräche in Hannover gegeben haben, als im Januar ein Nachfolger für Andreas Bergmann gesucht wurde. Stanislawski hat eine Klausel in seinem bis 2014 datierten Vertrag: Für eine Ablösesumme in Höhe von 300.000 Euro dürfte er gehen. Er selbst ist gerade dabei, sich vom seinem Leib-und-Magen-Klub unabhängig zu machen - er sei nicht mit dem FC St. Pauli verheiratet, hat Holger Stanislawski vor ein paar Wochen gesagt. Doch im Falle des Aufstiegs würde die langjährige Beziehung sicher weitergehen. Es wäre doch auch zu schön, im Jahr des hundertsten Vereinsgeburtstags die Rückkehr in die Bundesliga zu feiern.

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