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Sportphilosoph Gebauer im Gespräch „Konflikte, die wir überall haben in der Gesellschaft“

 ·  Professor Gunter Gebauer lehrt am Institut für Philosophie der Freien Universität Berlin. Er untersucht und kommentiert seit Jahren Phänomene und Tendenzen der Spiel- und Sportkultur. Im Interview spricht er über Fangewalt.

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Am Samstag stürmten in Frankfurt Fans den Platz, von denen manche über den Niedergang ihres Klubs weinten. Andere drohen den Spielern bei Niederlagen mit dem Tod. Für manche Fans ist Fußball ihr Leben, für Spieler, Trainer und Manager, die in Rekordzeit die Klubs wechseln, ist er nur ein Job. Sehen wir in den Ausschreitungen auch die Folgen dieser emotionalen Diskrepanz?

Der Fußball lebt sehr stark vom Regionalen, sogar vom Lokalen. Das bedeutet eine hohe Identifikation mit Dingen, die sich nicht verändern. Vor allem für männliche Jugendliche, die gerade selbst auf der Suche nach Identität sind, ist es wichtig, ein solches Identifikationsobjekt zu haben. Sie streben nach Identifikation und Werten. Die kann man zwar überall suchen, im Kino, in der Jugendkultur, aber das sind irreale Werte, während der Fußball sehr Sinnliche und an den Ort gebundene Identifikationen anbietet.

Ein bestimmtes Stadion, in dem vielleicht schon die Väter gestanden haben, und in dem man einer Mannschaft zujubelt, die Trikots trägt, die schon vor vielen Jahren die gleichen waren. Aber diese starke Verankerung geht im aktuellen Fußball weitgehend verloren. Was wir derzeit beobachten, ist ein Ringen um diese fassbare Identität im Fußball.

Fans werden im Misserfolg gewalttätig, Vereine wechseln so oft wie nie ihre Trainer. Das heißt doch, dass Fans und Klubs Niederlagen nicht mehr akzeptieren können, die einen emotional, die anderen ökonomisch.

Es handelt sich meist um junge Fans, die Niederlagen als narzisstische Kränkung erleben. Die leiden wie ein Hund und haben Mühe, das unter der Woche zu verdauen. Der Sport aber erfordert eine gewisse Reife, man muss in der Lage sein, einen überlegenen Gegner anzuerkennen, ihm seine Glückwünsche auszusprechen. Sehr junge Menschen können die Überlegenheit von anderen noch nicht anerkennen, weil sie ihre Grenzen noch nicht kennen. Diese Unreife schlägt jetzt durch.

Und bei den Klubs?

Bei den Vereinen würde ich von geschäftlicher Unreife sprechen. Man sieht doch, dass es Klubs gibt, die kluge Geschäftsmodelle aufgebaut haben, die verstanden haben, dass sich eine Beziehung zwischen Trainer und Mannschaft erst in einem relativ langen Prozess aufbaut. Man sieht das an Klopp in Dortmund, er bekam Zeit für einen Vorlauf, dann hatte er seine Mannschaft zusammen. Da kam auch Glück dazu, aber vor allem enormes Können. Er hat eine Mannschaft gebaut, die ungeheuer gut funktioniert, und daraus entwickelt sich ein Star wie Nuri Sahin. Aber das gelingt nur aus der Mannschaft heraus, und dafür braucht man Zeit. Wenn man solchen Leuten, die auch menschliche Qualitäten haben, Gelegenheit gibt zu arbeiten, dann scheint das zu funktionieren.

Ein Gesundbeter aber wie Christoph Daum in Frankfurt ist gescheitert. Offenbar hat sich auch der Fußball weiterentwickelt, dass Medizinmänner nicht mehr landen können, und Autokraten auch nicht. Man muss heute sehr stark am Spieler arbeiten und die Mannschaft insgesamt zu einem intelligenten System zusammenbauen, das ist es, was die jungen Trainer teilweise ganz faszinierend können. Die Gurus, die selbstherrlichen Trainer, sie scheitern mittlerweile.

Was bedeutet der Erfolg der Arbeit von Klopp für die Bindekraft zwischen Fans und Verein über den Tag hinaus?

Für eine Region, die ihre ursprüngliche wirtschaftliche Bedeutung verloren hat, und die auch nur über ihre wirtschaftliche Bedeutung eine Region ist, hat das einen unglaublichen Identifikationseffekt. Das Ruhrgebiet ist im Grunde ja ein Nicht-Ort, und dort etwas anzupflanzen, was einem das Gefühl gibt, zu Hause zu sein, ist ungeheuer wichtig. Da ist Dortmund sehr erfolgreich. Aber man sieht das auch an Manuel Neuer auf Schalke, der aus der Fankurve kommt – wenn er zu Bayern geht, dann ist das ein Schnitt in die Seele.

Dortmund und Neuer markieren die Ausnahmen, nicht mehr die Regel.

Das ist richtig, aber die Ausnahmen sind aufschlussreich, man kann auch St. Pauli hinzunehmen. Dortmund zeigt es den reichen Vereinen, dass man mit dem eigenen Nachwuchs, mit den Jungs, die dort leben, etwas ganz Großes erreichen kann, was Bayern München weit in den Schatten stellt. Und auf der anderen Seite der Absteiger St. Pauli, der sich als Kiez-Klub treu bleibt, und seinen Abstieg begrüßt, weil er in der zweiten Liga wieder bei sich ist.

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