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Sporting Lissabon Die Wiege der Weltfußballer

12.01.2009 ·  An diesem Montag wird Cristiano Ronaldo wohl zum Weltfußballer 2008 gekürt. Er wäre nach Luis Figo schon der zweite mit Wurzeln bei Sporting Lissabon. Der Verein lebt von seinen Talenten. Doch nicht alle wollen wie Star Ronaldo werden.

Von Tilo Wagner, Lissabon
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Aurélio da Silva Pereira steht in der milden Wintersonne und schaut ein paar Jungs beim Fußballspielen zu. Wären da nicht diese Augen, würde man ihn für einen ganz normalen portugiesischen Angestellten halten. Frisch geschnittene Halbglatze, angegrauter Schnauzbart und ein Marken-Poloshirt, das mehr nach Fälschung als nach Original aussieht. Es sind seine Luchsaugen, wach und durchdringend, die aus Aurélio Pereira einen der erfahrensten Fußballscouts Europas machen.

Vor zwölf Jahren brauchte Pereira zwanzig Minuten, um zu wissen, dass der zwölfjährige Junge, der zum Probetraining angereist war, ein großes Fußballtalent war. Doch das reichte ihm nicht. Schließlich ging es um viel Geld. Der Fußballverein Nacional von der Blumeninsel Madeira hatte Sporting Lissabon Cristiano Ronaldo angeboten und wollte als Gegenleistung seine Schulden von umgerechnet 25.000 Euro liquidiert wissen.

„Der Spieler soll auf alle Eventualitäten vorbereitet werden“

„Ein junger Spieler wird nur dann ein erfolgreicher Fußballprofi, wenn er eine Einheit aus Kopf, Körper und Gliedmaßen herstellen kann. Wir bemühen uns, dieses Gleichgewicht bei unseren Nachwuchsspielern herzustellen“, erklärt Pereira das Erfolgsrezept von Sporting Lissabon. Wenn an diesem Montag Cristiano Ronaldo zum Fifa-Weltfußballer 2008 gewählt werden sollte, dann wäre Sporting der einzige Verein, der im vergangenen Jahrzehnt zwei Preisträger stellte, die in der hauseigenen Schule ausgebildet wurden. Der erste Lissabonner Absolvent, der den begehrtesten Individualpreis des Profifußballs gewann, war Luis Figo 2001.

Vor zwanzig Jahren entwarf Aurélio Pereira das Konzept für die Talentschmiede von Ronaldo, Figo, Simão und Dutzender weiterer portugiesischer Nationalspieler. Neben der fußballerischen Ausbildung, so der 59 Jahre alte Scout, lege der Verein auch auf die schulische Laufbahn seiner Nachwuchsspieler Wert: „Der Weg zum fußballerischen Erfolg hängt von einer Reihe unberechenbarer Faktoren ab. Deshalb soll der Spieler auf alle Eventualitäten vorbereitet werden. Dazu gehört auch eine Ausbildung, damit der Spieler nicht in der Luft hängt, wenn es mit dem Fußball nicht klappt.“

„Zweiter Trainingstag war entscheidend“

Der mögliche Misserfolg eines Spielers ist auch ein Risiko für den Verein. Und wenn, wie im Fall des zwölf Jahre alten Ronaldo, dazu eine hohe Ablösesumme verlangt wird, muss sich Pereira ganz sicher sein. „Die Jungs, die zum Probetraining aus Madeira oder den Azoren nach Lissabon kamen, litten am zweiten Tag immer unter so großem Heimweh, dass sie lieber zurückwollten. Der zweite Tag des Trainings war deshalb entscheidend.“ Und auch für Ronaldo sollte das zweite Probetraining auf den Hartplätzen neben dem mittlerweile abgerissenen alten Stadion in der Innenstadt der Tag der Entscheidung werden.

Ronaldo wollte nicht zurück. Er wollte mehr. Als Pereira sah, dass das Provinzkind, das zwei oder drei Jahre jünger war als die meisten seiner Mitspieler, die älteren Kollegen auf dem Platz auch verbal zurechtwies und in seinem Team eine Führungsrolle übernahm, setzte sich Pereira gegen den Widerstand aus der Finanzabteilung für Ronaldos Verpflichtung ein. Sechs Jahre später verkaufte Sporting den Flügelstürmer für 17,5 Millionen Euro an Manchester United.

Das hochverschuldete Sporting Lissabon hat Geld bitter nötig

Einen großen Teil seines Etats deckt der Lissabonner Verein durch die Transfers seiner Juwelen ab. Die Verkäufe von Ronaldo, Nani, Quaresma, Simão und Carlos Martins spülten in den vergangenen Jahren schätzungsweise 60 Millionen Euro in die Kassen - das sind mehr als zwei komplette Jahresbudgets. Das Geld hat Sporting bitter nötig. Denn der Klub ist nach dem Neubau seines Stadions zur EM 2004 und einer modernen Trainingsanlage vor den Toren Lissabons hoch verschuldet.

Das Ausbildungszentrum, das vor acht Jahren fertiggestellt wurde, liegt idyllisch mitten in einem Hain von Tausenden von Korkeichen östlich der portugiesischen Hauptstadt. Wenn er Zeit hat, schaut sich Aurélio Pereira die Trainingseinheiten der Nachwuchsspieler an, die nur wenige Schritte von seinem Büro entfernt auf einem der Plätze stattfinden: „Das ist eine Berufskrankheit. Selbst wenn ich durch die Stadt fahre und irgendwo auf einem Bolzplatz ein paar Jungs kicken sehe, halte ich für ein paar Minuten den Wagen an und schaue, ob ein Talent dabei ist.“

Wenn der Spieler entdeckt wird, weil er einen Pass gestohlen hat

Legendär ist in Sporting-Kreisen die Geschichte, wie Aurélio Pereira Mitte der siebziger Jahre bei einem Fußballturnier für Zehnjährige Paulo Futre (Europapokalsieger mit dem FC Porto 1987; später Atlético Madrid) entdeckte, der als Achtjähriger den Spielerpass eines älteren Kollegen gestohlen hatte, um mitspielen zu können.

Dass insbesondere kleingewachsene Spieler wie Futre, Figo oder Simão bei Sporting eine Chance erhielten, mag auch mit Pereiras persönlicher Geschichte zusammenhängen. Nachdem Pereira, zuvor selbst in der Sporting-Jugend, Anfang der siebziger Jahre als Jugendtrainer angeheuert hatte, organisierte der Verein ein zentrales Probetraining. Dem Ansturm von Tausenden Fußballglück suchenden Jugendlichen war der Verein nicht gewachsen.

Tragische Beispiele beweisen Wichtigkeit der schulichen Ausbildung

Deshalb wurden damals nur die Spieler ausgesucht, die hochgewachsen waren. Mittlerweile aber verfügt Sporting Lissabon über ein dichtes, landesweites Netz von meist ehrenamtlich arbeitenden Scouts, die ihre Informationen an Pereira und sein Team weitergeben. So wurde Ronaldo von einem Richter ausgespäht, der als Vorsitzender des örtlichen Sporting-Fanklubs enge Beziehungen zu Nacional pflegte und den Deal um die fehlenden 25.000 Euro einfädelte.

Aurélio Pereira steht auf dem Parkplatz vor seinem Büro. Zwischen den Rasenplätzen der Sporting-Akademie halten ein paar Kleinbusse. Jungs springen raus, sie tragen Trainingstaschen, die halb so groß sind wie sie selbst. Das Grinsen will aus ihrem Gesicht nicht mehr verschwinden. Die Schule ist aus, jetzt beginnt der Fußball. Wer es bis hierher geschafft hat, will Fußballprofi werden. Doch wie wichtig eine schulische Ausbildung ist, wissen die Jungkicker auch aus den tragischen Beispielen, die ihnen Aurélio Pereira erzählt.

Showspieler Cristiano Ronaldo? „Das ist kein Vorbild für mich“

Ein enger Freund und Sturmpartner von Ronaldo, der wie der spätere Weltstar mehrmals sitzenblieb und nur die sechste Klasse abschloss, verletzte sich im letzten Ausbildungsjahr so schwer, dass er arbeitslos und ohne Perspektive zu seiner Familie an die Algarve-Küste zurückkehrte. Die neue Sporting-Generation denkt anders. Hugo, der in einem Armenviertel in Braga entdeckt wurde, ist Klassenbester. Sein Traum ist es, in der Profimannschaft von Sporting zu spielen.

Und Ronaldo? „Das ist kein Vorbild für mich. Der macht auf dem Platz nur Show, spielt nur für sich und nicht für die Mannschaft. Ich mag João Moutinho.“ Ob der 22 Jahre alte Sporting-Kapitän, der schon mehr als 170 Profispiele absolviert hat, allerdings noch lange bei Hugos Verein spielen wird, ist zu bezweifeln. Denn die Kronjuwelen will Sporting Lissabon irgendwann nicht mehr halten. Das ist die Schattenseite eines ambitionierten Fußballklubs, der sich nur dank seiner Talentschmiede finanziell über Wasser halten kann.

Fifa-Wahl erstmals mit fünf Finalisten

Für Cristiano Ronaldo ist klar, wer an diesem Montag die Wahl zum „Fifa-Weltfußballer des Jahres 2008“ gewinnt: er selbst. Mehr noch: Der Offensivstar, der mit Manchester United die englische Meisterschaft, die Champions League und die Klub-WM gewann, würde sogar die Plätze eins bis drei für sich reservieren.

Objektiv betrachtet, hat der Portugiese starke Konkurrenz: Zur Wahl stehen außerdem der argentinische Olympiasieger Lionel Messi (FC Barcelona), die beiden spanischen Europameister Xavi (Barcelona) und Fernando Torres (FC Liverpool) sowie der brasilianische Vorjahressieger Kaká (AC Mailand). Zum ersten Mal kämpfen damit fünf Finalisten um den Preis des Internationalen Fußballverbandes, der im Zürcher Opernhaus verliehen wird.

Auch bei den Frauen stehen fünf Kandidatinnen in der letzten Runde. Marta, die im Vorjahr die Wahl gewann, sowie Christiane vertreten die brasilianischen Farben, Birgit Prinz und Torhüterin Nadine Angerer die deutschen. Die Fünfte im Bunde ist die englische Stürmerin Kelly Smith. (kle.)

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