26.09.2011 · Fußball-Klubs verdienen viel Geld mit VIP-Tickets. Jetzt bangen sie um ihr Geschäft. Denn Rechtsaufseher wittern Korruption. Manager sind verunsichert, wen sie noch einladen dürfen.
Von Melanie AmannEin Albtraum, aus dem Fußball-Manager schweißgebadet erwachen: Sie schicken ihre Star-Spieler durch die VIP-Loge im Stadion, um den Ehrengästen die Hand zu schütteln - aber die Loge ist leer. Kein Edel-Sponsor sitzt da, kein Top-Manager, höchstens ein paar joviale Mittelständler, die Bratwurst vertilgen, aber das war's.
Dieses düstere Bild malen die Fußball-Funktionäre an die Wand, wenn sie auf das deutsche Recht und den deutschen Regulierungswahn schimpfen. Das Strafrecht mache ihnen die jahrzehntelange, gesellschaftlich anerkannte Praxis der "Hospitality" kaputt. Unter diesem Begriff vermarkten Sportvereine und -verbände ihre Veranstaltungen. Sie verkaufen Pakete mit Einladung, Platz in der Loge, Getränken und Häppchen. Bis zu 30 000 Gäste kommen mit diesen Einladungen zu Spielen der Ersten und Zweiten Bundesliga - nur ein Bruchteil der Besucher. Aber ihre Luxustickets machen mehr als die Hälfte der Ticketumsätze aus.
Noch. Seit 2006 verderben die Juristen in den Rechtsabteilungen vielen Sponsoren den Spaß an Einladungen. 2006 war das Jahr, in dem Utz Claassen, damals Chef des Energiekonzerns ENBW, Staatssekretären und Regierungsmitgliedern Eintrittskarten zur Fußball-Weltmeisterschaft spendierte. Staatsanwälte witterten Korruptionsverdacht, und der Manager musste bis zum Bundesgerichtshof für einen Freispruch gehen. Seither überlegen Unternehmen ganz gründlich, wen sie noch wozu einladen können - und die Sportverbände bangen um ihre Einnahmen.
Die Deutsche Fußball-Liga kann zwar weder genau beziffern noch ungefähr schätzen, in wie vielen Fällen Staatsanwälte seither wegen einer Einladung ins Station ermittelt haben. "Aber das Klima trübt sich deutlich ein", sagt Christian Seifert, Vorsitzender der DFL-Geschäftsführung. "Die Clubs haben nur deshalb noch keine spürbaren Einbußen durch die Rechtsunsicherheit erlitten, weil die Warteliste der Sponsoren in der Regel sehr lang ist." Wichtig für die Firmen sind die großen Zahler, nicht der Mittelstand. Denn Konzerne kaufen nicht nur Tickets, sondern Rundum-Pakete samt Bandenwerbung und Trikot-Aufdruck.
Das Problem ist kein Fußball-Problem, es ist ein Einladungsproblem. Ob die Unternehmer ihre Geschäftspartner oder den freundlichen Beamten in der Baubehörde nun zur Wagner-Oper einladen oder zur Eintracht - gleich fordert die Rechtsabteilung Rechenschaft über Sinn, Zweck und Kosten des Ganzen. Kontrolliert wird sowohl auf Seiten des Gebers als auch des Empfängers, denn beide können sich theoretisch strafbar machen.
Dass für die Fußballclubs das Problem real existiert, zeigt etwa der Fall der Telekom, die ihre Loge beim FC Bayern zurückgab. "Es wurde zunehmend schwierig, Top-Manager zu finden, die bereit waren, Gäste einzuladen", klagte der Sponsoring-Beauftragte der Telekom im "Handelsblatt". Logen-Tickets im Wert von 1000 Euro waren den Managern zu heikel - den Gästen erst recht. Der Telekom-Vorstand werde wohl bald eine Obergrenze für Einladungen einführen, sie soll bei einem mittleren dreistelligen Euro-Betrag liegen.
Noch lieber wäre den Sportverbänden und Sponsoren natürlich eine gesetzliche Obergrenze oder eine Art Blanko-Erklärung, dass Sport- und Kultureinladungen harmlos seien. In der nächsten Woche halten der Deutsche Fußballbund und die DFL dazu ein Symposion in Berlin ab, zu dem auch Bundesinnenminister Friedrich geladen ist. Große Hoffnungen auf neue Gesetze machen sie sich nicht.
Dabei hat DFL-Chef Seifert das entscheidende Argument parat, warum die Einnahmesorgen der Clubs die Politik interessieren sollten: "Wenn erst größere Unternehmen als Hospitality-Partner systematisch wegbrechen, hätte das auf Dauer sicher Auswirkungen auf die niedrigen Stadion-Eintrittspreise." Mit anderen Worten: Das Strafrecht macht den Fußball für den Fan unbezahlbar? Das kann keinen Politiker kaltlassen.
Bis dahin versuchen die Verbände, dem Compliance-Wahn mit eigenen Compliance-Formularen entgegenzuwirken. Eine Selbstverpflichtung - von Anwälten bis aufs letzte Komma geprüft - soll Sicherheit schaffen. Darin sollten sich die Sponsoren etwa verpflichten, niemanden in die Loge zu bitten, der über ihr Geschäft entscheidet.
Was für ein Unsinn!
Tautz von Tronje (Tautron)
- 29.09.2011, 15:02 Uhr
wg Pflege der politischen Landschaft
Michael Radloff (melursus)
- 29.09.2011, 14:40 Uhr
Die Saison 2011/2012
Melanie Amann Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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