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Spielerausbildung beim Sport-Club Freiburg macht Schule

 ·  Im Nachwuchszentrum des Sportclubs wird Fußball gelehrt, aber auch Teamfähigkeit und Sozialkompetenz. Die besten Talente holt Trainer Streich in sein Bundesligateam, das an diesem Dienstag im Pokalviertelfinale auf Mainz trifft (19.00 Uhr).

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© Michael Heuberger Freiburger Jugendbewegung: „Wir haben zu unserer Philosophie zurückgefunden“

Es gibt Käsnudeln mit Salat. Wasser. Jugendspieler, Trainer und Betreuer der Freiburger Fußballschule treffen sich zum Mittagessen. Auch Jochen Saier sitzt am Tisch, der Leiter des Nachwuchszentrums. Es ist eine öffentliche Gaststätte im Bauch des alten Möslestadions, die Tür geht auf, und Pater Roman kommt herein, in Soutane, er ist Pfarrer nebenan in Stegen und General des Paulinerordens. Der Pole ist glühender Fan des SC Freiburg und seiner Jugendarbeit. Sein Neffe Daniel ist 2008 mit der Freiburger A-Jugend deutscher Meister geworden. Heute spielt er beim polnischen Spitzenklub Wisla Krakau.

Pater Roman hat Jochen Saier polnische Michaszki-Kekse mitgebracht, „sehr, sehr gut“, und eine gute Nachricht hat er auch. Zum Spiel am Abend gegen Frankfurt, das 0:0 endete, könne er nun doch ins Stadion kommen. Er habe dafür extra ein Taufgespräch verschoben und eine Beerdigung auf den Vormittag verlegt. Pater Roman ist so etwas wie der gute Geist des Freiburger Fußballs, er betet viel für den Verein, aber selbst ihm ist der aktuelle Erfolg, dieser fünfte Platz in der Bundesliga, nicht ganz geheuer. „Vielleicht sollte ich ein bisschen weniger beten“, sagt er, „wohin soll das sonst noch führen?“

Zwei Kilometer Luftlinie entfernt sitzt Sportclub-Trainer Christian Streich in einem winzigen, überfüllten Raum und hält Pressekonferenz. Es ist wie immer ein Ereignis, weil da nicht nur das Pokalspiel an diesem Dienstag gegen Mainz (19 Uhr live im DFB-Pokal-Ticker bei FAZ.NET) besprochen wird, sondern auch Fragen des Fußballs und des Lebens - in einer Art und Weise, an der auch ein erfahrener Prediger wie Pater Roman seine Freude hätte.

Christian Streich hat das Profiteam des SC Freiburg vor etwas mehr als einem Jahr übernommen. Zuvor hatte er drüben im Möslestadion viele Jahre mit dem Nachwuchs gearbeitet. Es war eine aussichtslose Mission damals mit 13 Punkten nach der Vorrunde. Streich aber rettete die Mannschaft vor dem Abstieg und führte sie in der neuen Saison bis auf Platz fünf in der Tabelle, an die Grenze zum europäischen Wettbewerb. Er hat den Talenten aus dem Jugendzentrum eine Chance gegeben, zehn stehen heute im Profikader, fünf bis sechs spielen regelmäßig von Anfang an. Durch Streich brennt die Freiburger Fußball-Liebe wieder auf höchster Flamme. Eine „Euphorie“ hat Vereinspräsident Fritz Keller in der Stadt ausgemacht, querbeet durch alle Schichten. „Wir haben zu unserer Philosophie zurückgefunden“, sagt er. „Was in diesem Jahr passiert ist, hat der größte Optimist nicht erwarten können.“

Fragen nach der Europa League gefallen ihm nicht

Auf der Pressekonferenz muss Streich Fragen beantworten, die ihm nicht gefallen. Fragen nach Europa zum Beispiel. Geht es nun ums internationale Geschäft? „Ich denke über so ein Zeugs nicht nach“, sagt er. Warum? „Weil es mich verwirrt.“ Keine Träume? „Träume bringen nichts. Du wachst danach auf und liegst auf der Nase, das ist unangenehm.“ Nur das noch zur möglichen Qualifikation fürs internationale Geschäft: „Wenn wir nach Europa kämen, hätten wir ein Riesenproblem.“ Kaderzusammenstellung, Reisen, Terminflut, Mehrfachbelastung - zweimal haben sie das in ihrer Vereinsgeschichte schon erlebt, zweimal sind sie danach abgestiegen. Vorsicht also vor Europa! „Ein einstelliger Tabellenplatz am Ende der Saison wäre ein sehr, sehr gutes Ergebnis für uns“, sagt Präsident Keller. „Wir müssen auf dem Boden bleiben.“

Streich ist innerhalb eines Jahres vom anfangs belächelten Provinzcoach zu einem der Stars der deutschen Trainer-Szene aufgestiegen. Dialekt und Dialektik, seine oft verqueren Reflektionen - es gab vieles, was anfangs nicht ins platte Bundesliga-Schema passte. In den ersten Spielen, sagt Keller, habe er Angst um Streich gehabt, habe nicht gewusst, „ob er das durchstehen“ würde. Die Bundesliga, dieser Wahnsinnszirkus, ist eigentlich nichts für einen, dem Geschwätz und Oberflächlichkeit ein Greuel sind. Doch Streich hat es durchgestanden, den Abstiegskampf und die öffentliche Zurschaustellung. Aus dem Kauz sei ein Guru geworden, hieß es anerkennend. Das findet Streich absurd. „Ich bin kein Guru“, sagt er. „Ich bin ein Jungmenschenbegleiter.“

Er ist nicht der einzige beim Sportclub. Jungmenschenbegleiter gibt es viele in Freiburg. Stefanie von Mertens zum Beispiel. Sie leitet zusammen mit Markus Kiefer das Freiburger Fußballinternat, in dem 19 Nachwuchsspieler untergebracht sind. Gemeinsam organisieren sie den Alltag und die Zukunft der Jugendlichen.

In der Fußballschule, hat Mittelfeldspieler Jan Rosenthal dieser Tage gesagt, würde den Jungs „die Überheblichkeit konsequent abtrainiert“. Streich hält das für eine interessante Beobachtung, wenn auch für eine falsche. Überheblichkeit könne man nicht abtrainieren, sagt er. Überheblichkeit sei „eine zutiefst menschliche Verführung, mit der man vernünftig umgehen muss, indem man sich klarmacht, was damit zum Ausdruck kommt: dass man nicht mehr bei der Sache ist, dass man sich mit Dingen beschäftigt, die keine Relevanz haben“.

Demut ist deshalb kein Unterrichtsfach in Freiburg. „Sie gehört zur Grundkultur im Haus“, sagt Jochen Saier. Das beginnt damit, dass Geld für die Internatszöglinge zunächst einmal kaum eine Rolle spielt. Sie bekommen ein einheitliches Taschengeld, Ausreißer nach oben gibt es nicht. Jeder ist gleich. Das ist wichtig, denn am wichtigsten ist, was ein kleiner Klub (Etat 30 Millionen Euro) zum Überleben braucht: Teamfähigkeit, Zusammenhalt, Sozialkompetenz. Darauf legen sie größten Wert in der Fußballschule. „Talentiert sind viele“, sagt Saier. „Aber das reicht nicht.“ Die Anforderungen im Spitzenfußball seien sehr komplex geworden, ein reines Kurzpassspiel beispielsweise, für den der Sportclub unter Trainer Finke einst gerühmt wurde, reiche längst nicht mehr.

„Sie wissen, wo die Kugel hinkommt“

„Heute muss man in der Lage sein, vor allem variabel zu agieren“, so Saier. Das erfordert eine exzellente Ausbildung und Abstimmung. Wer sich nicht als Teamplayer und Mitspieler begreift, hat kaum noch eine Chance, zumindest nicht beim Sportclub Freiburg. Wer sich aber in die Gruppe integriert, wer nicht nur Talent hat, sondern auch Sinn für die Gemeinschaft, Biss und Geduld, der kann es weit bringen im Freiburger Fußball, das zeigt Streich jede Woche mit seinem Team. Dass die vielen Jungen aktuell so gut Fuß gefasst haben in der Bundesliga, erklärt Präsident Keller so: „Sie haben das System verstanden, sie haben es in der U 19 und U23 lange und intensiv genug geübt, sie wissen, wo die Kugel hinkommt.“

Eine Fußballschule wie in Freiburg, die im Ranking der Deutschen Fußball-Liga die Höchstnote hält, ist für Schüler und Lehrer ein faszinierendes Projekt. „Ich bin gern in der Bundesliga“, sagt Streich, „aber ich wäre auch gern wieder in der Fußballschule. Was man dort tut, bekommt man tausendfach gedankt.“

Zwei Drittel machen Abitur

Für jeden der Freiburger Fußball-Schüler wird ein individuelles Paket geschnürt, zwei Drittel machen Abitur, die schulische Ausbildung steht der fußballerischen in nichts nach, die Anbindung an alle Schultypen ist perfekt organisiert. „Auch das ist unsere Verantwortung“, sagt Saier. Schließlich schaffen es, wenn überhaupt, zehn Prozent der 160 Kinder und Jugendlichen, die in der Freiburger Fußballschule derzeit trainieren, ins Profigeschäft. Eine der wichtigen pädagogischen Ziele von Saier und seinen 44 Mitarbeitern - der Etat liegt bei 3,5 Millionen Euro - ist es, den Jugendlichen und ihrem Umfeld klarzumachen, dass derjenige, der es nicht ins Profigeschäft schafft, ganz und gar nicht gescheitert ist. „Es geht darum, gemeinsam ans individuelle Leistungsmaximum zu kommen“, sagt Saier. „Wenn dann einer am Ende in der Oberliga Fußball spielt und studiert, dann kann ich nur sagen: Chapeau!“

Stefanie von Mertens hat nicht nur mit dem Nachwuchs, sie hat auch mit Profis zu tun. Sie unterrichtet die ausländischen Spieler im Freiburger Bundesligakader in Deutsch - auf Freiburger Art mit einem originellen Bildungsansatz. Während sie mit den Jungs im Internat gern mal aktuelle Nachrichten aus Politik und Gesellschaft diskutiert, verbindet sie den Sprachkurs der Profis mit Industrie-, Kultur- und Landesgeschichte. Vor dem Spiel in Bremen ging es mit dem Norweger Vegar Eggen Hedenstad um die Bremer Stadtmusikanten. Hedenstad zitiert seither gern den Satz: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall.“

Der sportliche Erfolg von Streich und seiner Profimannschaft wirkt auf vielen Ebenen. Die Stadt steht kopf wie zu besten Finke-Zeiten. Die Jugendlichen im Internat bekommen jeden Tag vor Augen geführt, dass die Durchlässigkeit zu den Profis in keinem Verein der Bundesliga so groß ist wie in Freiburg, die Streich-Liste mit jungen Spielern ist lang. Die Anziehungskraft der Fußballschule ist noch größer geworden. Und der Erfolg bringt auch Dynamik in ein für den Klub lebenswichtiges Projekt, den Neubau eines Stadions. „Die Voraussetzungen waren noch nie so gut wie jetzt“, sagt Präsident Keller. Der Freiburger Stadtrat hat sich für einen Bau ausgesprochen, im Sommer sollen Fakten geschaffen werden. Die Berater von Ernst & Young werden verschiedene Standorte auf Realisierbarkeit und Wirtschaftlichkeit prüfen und eine Machbarkeitsstudie erstellen, der Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon ist ein erklärter Förderer des Projekts.

35.000 Zuschauer soll die neue Arena fassen, 10.000 mehr als das jetzige, in ein Wohngebiet eingeschlossene Stadion. Bis es so weit ist, wird es noch dauern. „In vier, fünf Jahren wollen wir in der neuen Arena spielen“, sagt Keller. „Jeder Tag früher würde uns weiterhelfen.“ Klar ist, dass der Verein den Hauptteil der Kosten tragen wird. Wie viel? „Es muss so sein, dass wir es auch in der zweiten Liga stemmen können“, sagt Keller. „Wir müssen nüchtern und betriebswirtschaftlich rechnen und dürfen uns nicht von der jetzigen Situation blenden lassen.“

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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