02.03.2010 · Die sexuell aufgeladene Schiedsrichteraffäre nimmt bizzare Züge an. Nun tritt Franz-Xaver Wack auf den Plan - während der DFB und sein Präsident unter Druck geraten. Aus dem Schiedsrichter- wird ein Verbands-Skandal.
Von Christian Eichler, MünchenEs war ein vornehmes Ambiente für eine unfeine Affäre. Im „Königssaal“ des Hotels Bayerischer Hof hat am Montag der Anwalt des schwer beschuldigten früheren Schiedsrichter-Betreuers Manfred Amerell die Vorwürfe eines „Systems Amerell“ mit dem Vorwurf eines „Systems DFB“ und „Systems Dr. Zwanziger“ gekontert – es bestehe darin, „einzelne zu instrumentalisieren“, so der Rechtsanwalt Jürgen Langer. Er reagierte mit der kurzfristig einberufenen Pressekonferenz auf ein Hintergrundgespräch, das tags zuvor der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in einem anderen Münchner Hotel mit vier ausgewählten Medien organisiert hatte.
Dabei war Amerell, der zuerst vom Jungschiedsrichter Michael Kempter sexueller Übergriffe beschuldigt worden war, von vier anonym bleibenden Schiedsrichtern weiter belastet worden, die sich als „Opfer“ Amerells sehen und das mit eidesstattlichen Versicherungen darstellen wollen. Dabei trat aber auch eine neue Figur in diesem Skandal auf: der frühere Schiedsrichter Franz-Xaver Wack.
Wack „im Mittelpunkt eines Komplotts“
Derselbe Wack, so schilderte am Montag in München Amerells Ehefrau Margit der Presse, habe sie am späten Freitagabend aus Frankfurt angerufen und erklärt, sie unbedingt noch in derselben Nacht sehen zu müssen, es sei „ganz wichtig“. Er habe gefragt, ob sie „noch Kontakt“ zu ihrem Mann habe, die Antwort: „Natürlich, wir haben ein Geschäft zusammen.“ Wack sei nach Mitternacht bei ihr in Augsburg eingetroffen und habe mit den Worten das Haus betreten: „Ja, mein Spatzerl, du weißt gar nicht, was los ist“, er müsse ihr die Wahrheit sagen, sie sei ganz fürchterlich: „Ich kenne alle Akten von allen zehn Männern.“ Die Schiedsrichter hätten sich ihm anvertraut, er habe auch mit dem Präsidenten gesprochen (also mit DFB-Chef Theo Zwanziger). Sein Rat: Amerell solle „sich am Montag stellen“, es sei nicht mehr alles zu verhindern, „aber einiges“. Amerell sei „krank“, er müsse „vor sich selber geschützt werden“.
Was Wack nicht wusste: Margit Amerell hatte den Rechtsanwalt ihres Mannes hinzugezogen. Dieser wurde Zeuge der seltsamen Kontaktaufnahme und erlebte darauf „einen konsternierten Wack“. Langer stellt nun die Frage, „wieso einem Unbeteiligten, der seit zwei Jahren keine Funktion beim DFB mehr hat, intime Details aus Vernehmungsprotokollen zur Einsicht bereitgestellt werden“. Langer vermutet Wack „im Mittelpunkt eines Komplotts“ gegen Amerell, als „zentrale Figur einer Verleumdungskampagne“.
Was sollte Wack?
Diese Theorie klingt angesichts der massiven Vorwürfe gegen Amerell zwar vermessen. Und die Versuche des Anwalts, Wack als „Feind“ Amerells darzustellen, wirkten auf dem wackligen Beweisgrund einer älteren E-Mail nicht sehr überzeugend. Doch hat sich DFB-Chef Zwanziger mit dem Hinzuziehen von Wack als „Vertrauensperson“ der Schiedsrichter - eine Funktion, in der sich Wack am Sonntag öffentlich präsentierte, die aber offiziell nicht existiert – eine neue Blöße gegeben: ein weiterer konspirativer Vorgang in einem Fall, der nach völliger Transparenz verlangt.
Was sollte Wack? Wollte der DFB die Angelegenheit außergerichtlich beilegen, indem man über den Botschafter Wack dem Beschuldigten Amerell eine Kapitulation nahelegte? Wenn es so war, dann war die Umsetzung dilettantisch – und passte damit nahtlos zur laienhaften Geheimdiplomatie in den Verhandlungen mit Bundestrainer Löw und Manager Bierhoff. Auch die Frage, warum Schiedsrichter-Boss Volker Roth immer noch im Amt ist, obwohl Wack schon vor fünf Jahren erste Verdachtsmomente wegen Amtsmissbrauchs gegen Amerell geäußert haben will, ohne dass etwas gegen dieses von Wack so genannte „System Amerell“ geschah, stellt sich immer deutlicher.
Aus dem Schiedsrichter- wird ein DFB-Skandal
Die Vorwürfe, mit denen sich der „Kronzeuge“ Michael Kempter im Dezember an Roth wandte, verschwieg dieser wochenlang selbst dem DFB-Präsidenten. Kempter, der inzwischen die intimen Details der Belästigungen durch Amerell öffentlich gemacht und sich dabei als „nicht homosexuell“ bezeichnet hat, soll am Freitag die Zweitligapartie zwischen Fortuna Düsseldorf und der Spielvereinigung Greuther Fürth leiten. Er steht allerdings mittlerweile selbst unter Beschuldigung. Ein junger Kollege, der in der Dritten Liga als Linienrichter aktiv ist, beschuldigt Kempter der sexuellen Belästigung. Es könnte Kempters Glaubwürdigkeit vor Gericht beschädigen.
Kurz vor dem Gerichtstermin zwischen Amerell und DFB sieht es aus, als werde aus dem Schiedsrichter-Skandal immer mehr ein DFB-Skandal. Die Art und Weise, wie der DFB die Angelegenheit zunächst allzu verschwiegen, dann wiederum allzu öffentlichkeitsfreudig behandelte, wird mehr und mehr zum Eigentor. Das gilt unabhängig von dem Verfahren, das am Donnerstag vor dem Landgericht München I anhängig ist. Darin will Amerell per Einstweiliger Verfügung erreichen, dass der DFB die Behauptung „sexueller Übergriffe“ unterlassen muss. Amerell sei entschlossen, vor Gericht zu erscheinen, so sein Anwalt, er wolle „denjenigen in die Augen sehen, die ihn so beschmutzt haben“. Das Gericht wird zu klären haben, ob er dabei nur in den Spiegel schauen muss.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 20 | 31 | 43 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 20 | 33 | 41 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 20 | 21 | 41 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 20 | 19 | 40 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 20 | -1 | 32 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 20 | 1 | 31 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 20 | -2 | 30 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 21 | -11 | 27 | ![]() |
| 9. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 20 | -2 | 24 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Köln | 20 | -11 | 24 | ![]() |
| 11. | ![]() |
VfB Stuttgart | 20 | -2 | 23 | ![]() |
| 12. | ![]() |
Hamburger SV | 20 | -9 | 23 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 20 | -6 | 22 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 20 | -12 | 21 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 20 | -6 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 20 | -9 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 20 | -14 | 17 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 21 | -20 | 17 | ![]() |