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Schalkes Rafinha Zwischen Bibelstunde und Sperrstunde

22.12.2008 ·  Der brasilianische Fußballprofi Rafinha gibt gerne das Unschuldslamm. Doch in ihm steckt viel Widersprüchliches. Seine sportliche Klasse tritt oft hinter Eskapaden zurück. Insofern passt er gut zu Schalke

Von Richard Leipold, Gelsenkirchen
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Wenn der Stadionsprecher des FC Schalke 04 beim Verlesen der Mannschaftsaufstellung das „R“ als Anfangsbuchstaben des brasilianischen Künstlernamens Rafinha rollen lässt, klingt es, als imitierte er das Rattern einer Schnellfeuerwaffe. Dieser phonetische Eindruck mag ein wenig martialisch anmuten, doch im übertragenen Sinne passt er.

Aus dem Blickwinkel gegnerischer Teams gehört der quirlige kleine Verteidiger auf dem Fußballplatz zu den konstant gefährlichen Größen der Königsblauen. In der öffentlichen Wahrnehmung indes tritt seine sportliche Klasse oft hinter Eskapaden zurück. Auf dem Rasen wie außerhalb wirkt der 23 Jahre alte Brasilianer zuweilen wie eine gespaltene Persönlichkeit: Einst erschien er als Sympathieträger, nun als Erreger öffentlichen Ärgernisses.

Im Grunde erscheint der kleine Rabauke liebenswürdig

Sobald Rafinha selbst etwas Verwerfliches oder wenigstens Regelwidriges getan hat (was öfter vorkommt), versteht er die Attitüde eines Unschuldslamms anzunehmen und gestenreich auf „nicht schuldig“ zu plädieren. Sein ganzer Körper, vor allem seine Augen und sein Mund wollen dann sagen: Seht her, ich kann niemandem etwas zuleide tun. Rafinha wirbelt und wirbt nach Art eines Südamerikaners.

Das mag dem (Schalker) Publikum noch ganz niedlich vorkommen, weil der kleine Rabauke im Grunde liebenswert erscheint. Nach Regelverstößen anderer ist er sich bisweilen jedoch nicht zu schade, mit weit aufgerissenen Augen und ausladenden Gesten den Gegner anzuklagen und eine Strafe, etwa eine Gelbe oder Rote Karte, zu fordern.

Ruhestörung, Beschwerden von Anwohnern

Auch im Alltag fällt es Rafinha, der schon mit knapp zwanzig Jahren bei Schalke anheuerte, zuweilen schwer, das richtige Maß zu finden. Nächtliche Ruhestörung, Beschwerden von Anwohnern - oder jüngst das Ergebnis eines Alkoholtests, das Rafinha ein Fahrverbot und Punkte im Flensburger Verkehrssünderregister einbringen könnte: All das passt nicht recht zur neuen Schalker Lehre, wonach Trainer Fred Rutten den Spielern Disziplin beibringt (siehe: Schalke 04: Der Leisetreter Fred Rutten). Rafinha sei „ein lebenslustiger Brasilianer, der sicher nicht alles richtig macht, aber es wird ihm auch vieles angedichtet“, sagt Vereinsmanager Andreas Müller.

So laut es im Hause Rafinha zu später Stunde auch zugehen mag, angeblich ist es nur ein missgünstiger Nachbar, der ihn - zur Freude des Boulevards - als Radaubruder darstellt, ihn fotografiert und beobachtet. Aus Sicht des Klubs ist Rafinha wieder nur ein Beispiel dafür, dass rund um den FC Schalke vieles dramatisiert wird. „Glauben Sie, er könnte so gut Fußball spielen, wenn er sich immer betrinken oder jede Nacht durchhexen würde?“, fragt Müller.

Als Kollektiv macht Schalke keinen guten Eindruck

So gut? Das mag immer noch gut genug sein im Mannschaftsdurchschnitt. Auf dem Platz wirkt Rafinha oft agiler und wacher als andere, auch konstanter. Aber dass ein geübter Nachtschwärmer zu den besten Spielern einer (vermeintlichen) Spitzenmannschaft gehört, zeugt nicht gerade von einem nennenswerten Zugewinn an Disziplin; schon gar nicht von einer günstigen Außendarstellung, zumal wenn andere, in diesem Klub noch nicht so verdiente Spieler die Kontrolle verlieren. Orlando Engelaar etwa wurde zweimal binnen kurzer Zeit des Feldes verwiesen.

Als Kollektiv macht Schalke derzeit keinen guten Eindruck: nur der siebte Platz in der Bundesliga, dafür mit fünf Platzverweisen führend, vorher schon das Scheitern in der Qualifikation für die Champions League und schließlich das Ausscheiden aus dem Uefa-Pokal als Gruppenletzter. Rutten hatte Teile des Publikums und der Medien schon am ersten Trainingstag eindrucksvoll davon überzeugt, was für ein strenger Fußball-Lehrer er sein kann. Als er Gerald Asamoah befahl, die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen, wurde diese Maßnahme als Symbol für das Ende des Laissez-faire gedeutet.

Wieder Nachholbedarf in Sachen Disziplin

Inzwischen sieht Müller, selbst nicht mehr unumstritten, wieder Nachholbedarf auf dem Gebiet der Disziplin. „Wir werden nach der Winterpause mit bestimmten Spielern Gespräche führen, um sie noch einmal nachdrücklich darauf hinzuweisen, worauf sie zu achten haben und dass sie einen Verein repräsentieren, der Tag und Nacht große öffentliche Beachtung findet.“ Zu ihnen gehört auch Rafinha. Kein Schalker Profi, außer vielleicht Kevin Kuranyi, rückte den Klub zuletzt mehr in den Blickpunkt als er.

Rafinha: typisch Schalke

Rafinha scheint wie gefangen in einem Spannungsverhältnis zwischen Bibelstunde und Sperrstunde, zwischen stiller Andacht und Ruhestörung, zwischen Vaterlandsliebe und Verrat - als solchen haben viele Schalke-Fans seine eigenmächtige Teilnahme an den Olympischen Spielen gedeutet. Ohne die Freigabe seines Arbeitgebers und ohne gesicherte Rechtsgrundlage setzte Rafinha sich für mehrere Wochen ab, um mit der brasilianischen Olympia-Auswahl zu trainieren und an den Spielen in Peking teilzunehmen.

Andererseits wurde er, neben anderen, vor kurzem für christliches Engagement mit dem „Goldenen Kompass“ ausgezeichnet, dem Medienpreis des Christlichen Medienverbundes KEP. In Rafinha steckt viel Widersprüchliches, insofern passt er zu den Königsblauen. Mit all seinen Stärken und Schwächen ist Rafinha typisch Schalke.

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