Die Verantwortlichen des FC Schalke 04 pflegen ihre Ansprüche und Ziele möglichst vage zu formulieren. Sobald sie die Gefahr wittern, eine Vorgabe könnte zu ambitioniert klingen, schicken sie auch schon eine Einschränkung hinterher, so etwa den Befund, ihre national wie international "konkurrenzfähige Mannschaft" sei bei aller Qualität "nicht konstant genug".
Wie es scheint, hat sich das kickende Personal dieser Einschätzung angepasst. Kaum waren die Profis ein paar Mal aufgetreten wie ein Ensemble, das auf beachtlichem Niveau wettbewerbsfähig schien, weckten sie schon wieder Zweifel. Statt sich gegen Karlsruhe und Rostock Selbstvertrauen zu holen, brachten sie gegen die beiden Bundesliga-Aufsteiger nur insgesamt einen Punkt zustande.
Ist Schalke derzeit etwa nur "der Schatten einer Spitzenmannschaft", wie Auguren auf dem Boulevard vor dem Härtetest in der Champions League beim FC Chelsea an diesem Mittwoch (20.45 Uhr, im FAZ.NET-Liveticker) vermuten?
Cheftrainer Mirko Slomka begegnet den Zweifeln mit Parolen, die Selbstbewusstsein annoncieren sollen. "Wir haben keine Angst vor Chelsea", behauptet er. Schalke werde wieder an seinem Gegner wachsen wie etwa in der Bundesliga beim 1:1 auswärts gegen Bayern München.
Asamoah unzufrieden
Inzwischen aber hat mancher Spieler viel mit sich selbst zu tun. Gerald Asamoah etwa, dessen Vertrag ausläuft, wirkt unzufrieden, weil der Verein ihm als dienstältestem Spieler noch kein Angebot unterbreitet hat, während die Verträge anderer schon verlängert wurden. Und Torwart Manuel Neuer, lange auf die Rolle des jugendlichen Helden abonniert, bekommt nach seinem Fauxpas in Rostock nun rückwirkend allerlei andere Fehler vorgehalten.
So souverän der 21 Jahre alte Neuer seinen steilen Aufstieg gemeistert hat, erscheint seine Unsicherheit aber nicht als Ursache der aktuellen Schalker Schwäche, sondern eher als eines von vielen Symptomen. Für ihn spricht auch, wie der junge Torwart mit seinem bisher auffälligsten Fehler umgegangen ist. Er bekannte sich schuldig und kündigte sogleich tätige Reue an. Gegen Chelsea werde er sich "mit einer Top-Leistung entschuldigen".
„Das sind Spiele, die uns weiterbringen“
Schalke im Spannungsfeld zwischen schlechten Eindrücken und guten Vorsätzen: Was ist unter diesen Umständen möglich? Das Personal wirkt unschlüssig. "Die letzten Wochen geben keinen Anlass, um himmelhoch jauchzend durch die Gegend zu laufen. Wir müssen aufpassen, dass die Stimmung nicht kippt", sagt Mittelfeldspieler Fabian Ernst ein wenig düster.
Jeder wisse, wie schnell das in Schalke geschehen könne. Sein Nebenmann Jermaine Jones vermutet gar, eine Leistung à la Rostock könne in London zu einem Fiasko führen, zu einer Niederlage mit vier oder fünf Toren Unterschied. Kapitän Marcelo Bordon indes hebt die Chance hervor, die bei allem Risiko in solchen scheinbar unlösbaren Aufgaben liege. Aus ihm spricht ganz der Trainer. "Das sind Spiele, die uns weiterbringen."
Insgesamt scheinen die Schalker nicht so recht zu wissen, was sie können - oder was sie wollen. "Wir müssen uns als Mannschaft Gedanken machen, was wir in dieser Saison erreichen wollen", sagt Jones. "Es wird langsam Zeit." Zeit, sich Stärke nicht nur einzureden, sondern sie zu verinnerlichen.