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Schalke 04 Jetzt wird in die Hände gespuckt

01.07.2009 ·  Die erste Woche auf der Großbaustelle Schalke: Felix Magath hat schon viel angepackt. Er wird aber nicht das Unmögliche möglich machen können. Vielleicht aber das Mögliche.

Von Richard Leipold, Gelsenkirchen
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Anspruch und Wirklichkeit mögen bei Schalke 04 oft weit voneinander entfernt sein, Klischee und Wirklichkeit indes sind nicht selten deckungsgleich. Auch Felix Magath, der neue Trainer und Manager, erfüllte das Klischee schon in seiner ersten Arbeitswoche im Ruhrgebiet mit Leben. Der Fußball-Lehrer gilt als „Schleifer“, dessen Mannschaften in dem Ruf stehen, eine höhere Fitness zu besitzen als andere. Ein Training dauert bei ihm nicht immer neunzig Minuten, und manchmal folgt einer Flachetappe noch eine Zusatzschicht mit steilen Anstiegen, so wie jüngst in der Ruine des Parkstadions.

Magath schickte sein Personal hundertundelf Stufen rauf und wieder runter, eine halbe Stunde lang. „Es tut alles weh“, sagte Nationalspieler Heiko Westermann nach der Tortur. Doch Magaths Tour der Leiden dient einem höheren Zweck. Er ist angetreten, aus einer diffusen Ansammlung von Profis eine Meistermannschaft zu formen, die den Titel nicht nur verdient, sondern eines Tages auch gewinnt. „Es gibt viele Wege im Fußball, aber ich kenne nur einen, und der führt über harte Arbeit“, sagt er. Das ist so etwas wie der theoretische Überbau für die Neuerfindung FC Schalke, passend zur Mentalität der Menschen, die diesen Klub über die Maßen lieben.

Das Duo, das nur aus einer Person besteht, macht Schalke Beine

Damit der Trainer Magath seine Vision vom arbeitsamen und zugleich erfolgreichen Schalke-Kollektiv verwirklichen kann, arbeitet der Vorstand Magath eine Mängelliste ab, die beide binnen weniger Tage gemeinsam erstellt haben. Das Duo, das nur aus einer Person besteht, macht Schalke Beine; nicht nur den Spielern, sondern auch anderen, die sich im Klub bequem eingerichtet haben. Seilschaften wurden aufgelöst. Urgesteine wie Mike Büskens, Youri Mulder und Oliver Reck, zuletzt als Trainertrio berufen und zeitweise sogar gefeiert, müssen Magaths Gefolgsleuten weichen.

Das Vereinsgelände ist dem neuen Trainer zu weitläufig und unübersichtlich; Umbaumaßnahmen sind angekündigt. Die Stimmung in der Mannschaft und bei den Fans erschien Magath, zumindest an den ersten Tagen, „ein wenig verhalten“. Profis wie Albert Streit und Carlos Großmüller, die schon seinen Vorgängern unangenehm aufgefallen waren, bekamen nach dem ersten Training den gutgemeinten Rat, sich mehr anzustrengen. Das Vorbereitungsprogramm, das Magath vorfand, fand er ein wenig zu dünn. Also beraumte er über das schon gebuchte Trainingslager hinaus ein zusätzliches an.

Sogar Tönnies bekommt Gegenwind von Magath

Aber auch daheim müssen die Spieler sich umstellen. Wochenpläne gibt es nicht mehr. Die Planungssicherheit für das Freizeitverhalten wird empfindlich eingeschränkt. Wann die nächste Einheit stattfindet, gibt Magath erst am Ende der vorherigen Übungsstunde bekannt. Auch die Granden des Klubs bekommen die neue Linie zu spüren. Das Ressort Medien etwa, zuletzt von Geschäftsführer Peter Peters, einem gelernten Journalisten verwaltet, fällt Magath zu. Und sogar Clemens Tönnies, der mächtige Aufsichtsratsvorsitzende, der den neuen Machthaber ausgesucht hat, stieß alsbald auf Widerspruch.

Tönnies hatte öffentlich einen Verkauf des von Bayern München umworbenen Torhüters Manuel Neuer erwogen, falls „eine kaufmännische Schmerzgrenze“ überschritten werde. Magath antwortete mit einem Machtwort. „Der beste deutsche Torwart ist der allerletzte Spieler, den wir abgeben werden.“ Im Übrigen könne er nicht alles kommentieren, was irgendjemand im Klub fallenlasse. „Das war doch in diesem Klub immer das Problem: Es wurde zu viel geredet und zu wenig gearbeitet.“ Aus so einem (medialen) Wortwechsel hätte sich früher in Schalke vielleicht ein Machtkampf entwickelt, zumindest aber ein handfester Streit. Hier passt das Klischee plötzlich nicht mehr. Auf der Mitgliederversammlung am Sonntag zeigte Tönnies sich unverändert begeistert über den neuen Mann an seiner Seite. „Klare Worte, klares Konzept, also: Feuer frei.“

Das Unmögliche wird auch Magath nicht möglich machen

Die Symbolkraft der Treppen indes zeigte sich auch auf der Mitgliederversammlung. Um aus der Arena zu gelangen, nahmen die Spieler eine Treppe. Auch wenn sie keine hundertundelf Stufen hatte, war es ein steiler Anstieg. Tönnies lachte und sagte: „Ihr geht jetzt ins Trainingslager, wir wollen euch nicht aufhalten.“ Wie groß der Reformstau auch sein mag: Eins muss Magath auf seiner Großbaustelle vorerst so nehmen, wie es ist: die Mannschaft. Der Schuldenstand ist die einzige relevante Größe, die bei Schalke zuletzt gestiegen ist: auf mehr als 136 Millionen Euro. Über die begrenzten finanziellen Möglichkeiten habe ihm Tönnies „reinen Wein eingeschenkt“, sagt Magath. Er sei „bereit, mit allen Spielern zusammenzuarbeiten, aber nach meinen Vorstellungen“ und auf Zukäufe notfalls zu verzichten, auch wenn er das Aachener Talent Lewis Holtby gern schon in diesem und nicht erst im nächsten Jahr in Gelsenkirchen sähe.

Das Unmögliche wird auch Magath nicht möglich machen, aber vielleicht das Mögliche. Tönnies hat auch schon eine zeitliche Vorstellung davon, wenn auch nur eine ungefähre. „Wir holen die Schale in den nächsten vier Jahren, das hat uns Felix Magath versprochen. Aber bringt mich nicht um, wenn es erst im vierten Jahr klappt.“

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