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Schalke 04 Die Geheimniskrämer von Gelsenkirchen

07.10.2009 ·  Auf Schalke haben sie wegen der Nationalmannschaft mal ein paar Tage Ruhe: Um die Finanznot von Schalke 04 wird dennoch wild spekuliert. Der Verein trägt aber nichts zur Aufklärung bei - das macht ihn verdächtig.

Von Michael Ashelm und Richard Leipold, Gelsenkirchen
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Eine Stunde vor seinem 31. Geburtstag gab Gerald Asamoah den Strahlemann, den die Schalker lieben, in dieser Rolle aber länger nicht zu sehen bekommen hatten. Nach dem 2:0 über Eintracht Frankfurt lachte der Stürmer zum ersten Mal nach mehr als neun Monaten wieder als Bundesliga-Torschütze in die Kameras, dass seine weißen Zähne blitzten. Der wiederentdeckte Asamoah erzählte, wie schön es doch sei, nach so langer Zeit wieder einmal einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg beigesteuert zu haben.

Aber der dienstälteste Fußballprofi des FC Schalke 04 zeigte sich kurz vor Mitternacht in den Katakomben der Arena auch nachdenklich und sogar ein wenig traurig. Sein Mitgefühl galt acht Mitarbeitern aus verschiedenen Abteilungen des Klubs, die jüngst ihre Kündigung erhalten hatten. „Ich bin schon lange hier, da kenne ich die Leute“, sagte er. „Es tut weh, wenn so etwas passiert.“ Aber der Vorstand habe nun mal so entschieden.

Wenn in der Verwaltung oder in der Hausmeisterei Personal abgebaut wird, ist das ein weiteres Indiz dafür, dass sich die finanzielle Lage des Klubs zuspitzt. „Wir machen so etwas nicht gerne, aber um wieder finanziell stabil zu werden, muss man eben auch da rangehen“, sagt Felix Magath, der Trainer und Manager des wirtschaftlich angeschlagenen Revierklubs. Für ihn sind solche Kündigungen „ein ganz normaler Vorgang“, wie er bei Wirtschaftsunternehmen üblich sei. Medienspekulationen, die am Horizont das Horrorszenario einer möglichen Insolvenz aufziehen sehen, weist Magath zurück. „Das ist dummes Zeug.“ Auch wenn der Verein „natürlich Geld braucht“, sei „alles unter Kontrolle“, und zwar nicht nur auf dem Rasen, wo eine junge, von Magath neu strukturierte Mannschaft das veritable Zwischenergebnis von sechzehn Punkten hat.

Schechter soll sich gegen Peters gestellt haben

Während Trainer und Spieler bejubelt werden, dürfte sich bei Magaths Vorstandskollegen Peter Peters ein Gefühl des Unbehagens eingestellt haben. Dem Geschäftsführer wurde vor ein paar Wochen neben Organisation und Verwaltung das Finanzressort zugeschlagen, das viele Jahre lang der inzwischen entmachtete Vorstandsvorsitzende Josef Schnusenberg innehatte. Kein Vergnügen für Peters, der auf der Suche nach neuen Geldquellen nicht so recht voranzukommen scheint. Nach Informationen der Wirtschaftszeitung „Financial Times Deutschland“ soll Stephen Schechter, der wohl größte Gläubiger des mit fast 137 Millionen Euro verschuldeten Klubs, sich gegen Peters gestellt und sogar dessen Absetzung gefordert haben.

Zudem bringt das Blatt den Finanzberater Carl Albrecht Schade, bis Sommer dieses Jahres Mitglied des Aufsichtsrates, als Sanierer ins Gespräch. Magath trat dieser Behauptung entgegen. An eine personelle Veränderung des Vorstands sei nicht gedacht. „Wir lassen uns nicht von außen steuern.“ Der Manager räumt jedoch ein, dass „interne Informationen oder Halbinformationen“ lanciert werden. Dem entgegenzuwirken sei schwierig. „Ich befürchte, dass sich daran auch in den nächsten Wochen nichts ändern wird“, sagt Magath.

Erinnerungen an den Dortmunder Beinahe-Crash

Insider beneiden Peters nicht um seine Aufgabe. „Allein kriegt das niemand gebacken“, sagt einer. Dass der Aufsichtsrat Peters zusätzlich das Finanzressort übertragen habe, sei ein „Danaer-Geschenk“, berge also gewisse Tücken. Beim Schalker Hauptsponsor Gasprom wundert man sich über „die Rücktrittsforderung eines Dienstleisters“ (gemeint ist Schechter). Hilferufe aus Gelsenkirchen seien bisher jedoch weder in Berlin noch in Moskau oder Sankt Petersburg eingegangen. Aber auch die Einschätzung eines hochrangigen Managers aus der deutschen Gasprom-Zentrale lässt tief blicken. „Wir haben volles Vertrauen zu Clemens Tönnies und Felix Magath. Sie werden die richtigen Entscheidungen treffen.“ Magath hat angekündigt, Schalke werde „noch Personen“ engagieren.

Allmählich kommen Erinnerungen auf an den vor fünf Jahren erst im letzten Moment abgewendeten Crash beim anderen großen Revierklub Borussia Dortmund. Monatelang versuchte dort die damalige Geschäftsführung, die von Mal zu Mal konkreter werdenden Hinweise auf das Finanzdesaster kleinzureden oder gar als üble Nachrede darzustellen, bis der hochverschuldete Klub im Geschäftsbericht schließlich eine „existenzbedrohende Situation“ einräumen musste. Auch aufgrund der Erfahrungen dieses dramatischen Falls von Missmanagement veränderte die Deutsche Fußball- Liga (DFL) ihr Lizenzierungssystem und führte eine sogenannte Nachlizenzierung ein, bei der die vor der Saison angegebenen Planzahlen der Vereine während der Saison anhand des Ist-Zustands nochmals geprüft und bewertet werden.

Defensive Informationspolitik

Negative Abweichungen können zu Sanktionen führen. Vielleicht hängt die aufkommende Unruhe bei den Gelsenkirchenern damit zusammen, dass diese Revision derzeit gerade läuft und das Zahlenwerk bald in noch tieferem Rot erscheinen könnte. Zum Thema Schalke wollte sich die DFL gegenüber dieser Zeitung nicht äußern.

Auch der umstrittene Klub verfolgt eine überaus defensive, von formelhaften Dementis geprägte Informationspolitik, die Kritiker als Geheimniskrämerei betrachten. Motto: Alles ist halb so schlimm, und wer etwas anderes behauptet, will Schalke schaden. Wenn es so einfach ist: Warum entkräftet der Klub die Spekulationen nicht einfach und trägt selbst zur Aufklärung bei? Das bleibt eine von vielen unbeantworteten Fragen auf Schalke.

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Jahrgang 1965, Sportredakteur.

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