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SC Freiburg Weckruf und Stilbruch

20.01.2012 ·  Den Trainer entlassen, fünf Spieler aus dem Kader komplimentiert - in den letzten Wochen ist in Freiburg niemand glücklich. Dennoch hoffen sie noch auf den Klassenverbleib im Breisgau.

Von Uwe Marx
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© dapd Grün ist die Hoffnung: Ansonsten spricht wenig dafür, dass Freiburgs Trainer Streich den SC vor dem Abstieg retten kann

Wie Fußball ohne Fehler aussehen würde, weiß niemand. Herrschte dann die pure Langeweile, weil keine Tore mehr fielen? Oder wäre es ein einziges Spektakel, eine Aneinanderreihung von Höchstleistungen? Auch Dirk Dufner ist kein Hellseher, aber wie die Tabelle in der ersten Liga unter solchen Laborbedingungen aussehen würde, ahnt er. „Wenn alle alles richtig machen“, sagt der Sportdirektor des Sportclubs Freiburg, „dann sind wir am Ende Achtzehnter.“ So gesehen stehen die Breisgauer seit dem Ende der Hinserie - gemessen an ihrer Infrastruktur und Finanzkraft - da, wo sie hingehören, nämlich auf dem letzten Platz. Darauf hat der Verein in der Winterpause aber keineswegs fatalistisch reagiert, sondern ungewohnt zupackend. Dass der Trainer entlassen und eine Handvoll Spieler trotz gültiger Verträge aus dem Kader komplimentiert wurden, darunter Kapitän Heiko Butscher, ist ein Weckruf, aber auch ein Stilbruch. Es heißt, der Klub habe seine Seele verloren. Das Idyll sei zerstört.

Ein solches Heile-Welt-Image kann auch eine Zumutung sein. Es klingt im harten Verdrängungswettbewerb der Bundesliga nach Wohlfühloase, nach Hängematte statt harter Arbeit. Auch Dufner steht unter Leistungszwang, aber er sagt entspannt: „Natürlich ist das hier ein Stück mehr Idyll als anderswo. Der Druck ist nicht ganz so hoch.“ Das soll auch einer der wenigen Standortvorteile bleiben, die der SC noch hat, zumal er historisch gewachsen ist.

Der erste Rauswurf der Bundesligageschichte

Am Rande des Schwarzwalds, wo die Dreisam am Stadion vorbeiplätschert und von manchen Sitzplätzen aus Bergwiesen und Baumwipfel zum Greifen nah erscheinen, hat sich in den neunziger Jahren eine Fußballkultur entwickelt, die den Verein bis heute prägt. Und die dafür sorgt, dass das, was anderswo üblich ist, hier als Identitätsverlust gilt. So wie die Entlassung von Marcus Sorg, der von seinem Assistenten Christian Streich abgelöst wurde. Dieser Trainerrauswurf war der erste in der Freiburger Bundesligageschichte, nachdem Volker Finke hier sechzehn Jahre lang gearbeitet hatte und sein Nachfolger Robin Dutt vier Jahre, bevor er nach Leverkusen weiterzog.

Der trotzige Nonkonformismus in der Hire-and-Fire-Gesellschaft Bundesliga passte einst in einen Satz des 2009 verstorbenen Vorsitzenden Achim Stocker, der den Verein über drei Jahrzehnte prägte: „Nur Volker Finke kann Volker Finke entlassen.“ Beim SC wurde schon damals unaufgeregter gearbeitet und nachhaltiger gewirtschaftet als an vielen anderen Standorten dieser Spielklasse. Er war der grünste Verein der Bundesliga, mit Sonnenkollektoren auf dem Stadiondach, und dazu einer der beliebtesten.

Seine Fußballschule galt als die beste des Landes, und er erreichte gegen jede Wahrscheinlichkeit zweimal den Europapokal. Aber als er 1993 zum ersten Mal in die Bundesliga aufstieg, gab es hier neben all den auf lange Sicht unerreichbaren Klubs auch Konkurrenten wie Wattenscheid 09, Dynamo Dresden oder den VfB Leipzig.

Zurück zu alten Tugenden

Seitdem sind - neben den Großvereinen und den kleineren Mitbewerbern - Kaliber wie der VfL Wolfsburg oder 1899 Hoffenheim dazugekommen. Freiburg musste noch nie so hart um seinen Platz im deutschen Profifußball kämpfen, und deshalb reagieren sie gerade auch härter als früher. Es war einfach eine andere Zeit damals, „noch nicht ganz so schwierig“, sagt Streich, und der muss es wissen. Stocker holte ihn 1995 zum SC, er war der Mann hinter den großen Erfolgen der Freiburger Nachwuchsarbeit. Seine Beförderung zum Cheftrainer hat ihn gefreut und getroffen, denn er ist Sorg eng verbunden. Die Frage, ob er illoyal sei, wenn er zum Chef aufrückte, hat ihn intensiv beschäftigt. Vor dem Heimspiel gegen den Tabellensiebzehnten FC Augsburg am Samstag (15.30 Uhr/Live im F.A.Z.-Ticker) sagt er, der Sportclub müsse wieder er selbst werden - und dass niemand im Verein glücklich über die vergangenen Wochen sei. Dafür stehe Freiburg nicht, „das wollen wir hier nicht“, sagt der 46-Jährige. Es soll zukünftig auch wieder sichtbarer sein. Er selbst könnte dafür ein Beispiel geben, denn Dufner sagt, Streich dürfe sogar bei einem Abstieg seinen Posten behalten.

Streich muss in den verbleibenden Saisonspielen auf seinen besten Spieler verzichten, dann der Stürmer Papiss Cissé wurde für zwölf Millionen Euro an Newcastle United verkauft. Verluste dieser Art gehören hier zum Geschäftsprinzip, denn mit einem kleinen, nicht konkurrenzfähigen Stadion und in einer Region ohne große Finanzkraft sind solche Einnahmen überlebenswichtig. Streich hat ein paar neue, nicht allzu bekannte Spieler hinzubekommen und will den abgewanderten Star, wie in solchen Fällen üblich, kollektiv ersetzen. Er ist ein ruhiger, sachlicher Mann mit wachen Augen, der in badischem Idiom und in kurzen Sätzen spricht. „Systeme gewinnen nicht“, sagt er vor seinem ersten Spiel als Cheftrainer einer Bundesligamannschaft.„Es gewinnt die Interpretation der Arbeit.“

Schwer lösbare Aufgaben

Seine eigene ist seit bald siebzehn Jahren beim Sportclub unverändert. Er wird wie immer versuchen, aus wenig viel zu machen. „In der Bundesliga ist keine Mannschaft mehr mit uns vergleichbar, sagt Dufner. Das Stadion ist durch Bauauflagen auf 25 000 Plätze beschränkt, ein neues politisch nicht mehrheitsfähig. Augsburg hat es da besser, und auch Mainz 05, wo bei vergleichbaren Voraussetzungen in den vergangenen Jahren erfolgreicher gearbeitet wurde als beim SC, hat ein größeres Stadion gebaut. In einem solchen Umfeld könne Freiburg mit jedem weiteren Jahr in der ersten Liga hochzufrieden sein, zumal auch eine Klasse tiefer Konkurrenten wie Fortuna Düsseldorf und andere längst bessere Bedingungen haben. Und sogar in der vierten Liga schlafende Riesen wie RB Leipzig mit einem WM-Stadion in der Hinterhand. Deshalb sei der Sportclub nach drei Jahren in Serie in der höchsten Spielklasse unabhängig vom aktuellen Tief „überragend erfolgreich“, sagt Dufner. Ein weiterer Abstieg sei „nicht ehrenrührig“. Freiburg dürfe nur nie die Fähigkeit zum Wiederaufstieg verlieren.

Erst einmal aber hat Christian Streich die Aufgabe, den Status quo um eine weitere Saison zu verlängern. Die ihn gut kennen, sagen, er habe mit seinem authentischen Auftreten und seiner Geradlinigkeit gute Voraussetzungen. Außerdem sei er zupackender als sein Vorgänger, auf natürliche Art autoritärer. Er müsse in der Bundesliga, also unter strengerer Beobachtung, nur aufpassen, dass er am Spielfeldrand nicht zu laut werde. Dort sei er nämlich sehr impulsiv. „Man hat ja immer neue Aufgaben“, sagt er dazu mit einem Lächeln. Das geht dem ganzen Verein so. In dieser Saison ist sie besonders schwer zu lösen.

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Jahrgang 1964, Sportredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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