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SC Freiburg : Das Glück des Sisyphus

Jung und hungrig: Freiburgs „Unterschiedsspieler“ Vincenzo Grifo (l.) und Florian Niederlechner. Bild: EPA

Abstieg, Aufstieg, Europa vor der Brust: Wie machen die das eigentlich in Freiburg? Mit Phantasie und „Unterschiedsspielern“ wird der Stein immer wieder hochgerollt.

          Es gibt Wunden, die verheilen einfach nicht. „Dieses Jahr“, sagt Christian Streich, „bleibt immer drin.“ Es ist die vorletzte Saison, lange hat der Sportclub Freiburg in der Fußball-Bundesliga einen guten, einen stabilen Eindruck gemacht. Doch auf dem Schlussbogen entfaltet sich ein wahres Drama. Drittletzter Spieltag: In Hamburg kann der SC einen großen Schritt in Richtung Rettung machen, er ist lange überlegen, führt, doch in der 90. Minute fällt das 1:1. Die Freiburger hadern, weil ihnen in der Nachspielzeit ein Elfmeter verwehrt wird. Doch sie haben auch wieder eine Führung aus der Hand gegeben – wie so oft in dieser Saison.

          Am vorletzten Spieltag dann kommen die Bayern in den Breisgau, und tatsächlich, das schier Undenkbare passiert: der Sportclub gewinnt 2:1 – emotionaler Ausnahmezustand, ein Big Point. Am letzten Spieltag in Hannover würde jetzt schon ein Unentschieden genügen, um nicht abzusteigen. Doch ausgerechnet in ihrem Endspiel haben die Freiburger Pudding in den Beinen, 1:2, sie rutschen unter den Strich. Es ist der bitterste Moment, seit Streich Trainer beim SC ist. In der Pressekonferenz steigen ihm die Tränen in die Augen, sein Pressesprecher muss ihn aus dem Raum führen. Hängen bleiben seine Worte: „Das ist ein kleiner Klub, aber ein großer in seinem Wesen.“

          Es war für Streich und den Sportclub mehr als nur ein Abstieg, es war ein Einschnitt, eine Verletzung, die bis heute schmerzt. All das muss man sich noch einmal in Erinnerung rufen, wenn der SC heute, knapp zwei Jahre später, im gehobenen Mittelfeld steht – die europäischen Ränge in Sichtweite. An diesem Samstag kommt 1899 Hoffenheim nach Freiburg (15.30 Uhr im Bundesliga-Liveticker auf FAZ.NET und bei Sky), ein echter Prüfstein dafür, ob der Blick noch ein bisschen weiter nach oben gehen darf. Im Moment redet man darüber noch nicht so gern bei den Freiburgern, verständlicherweise. Aber so, wie Streichs Mannschaft in dieser Saison auftritt, muss Europa keine Utopie sein. An ziemlich vielen Tagen besaß der Sportclub gute fußballerische Argumente und auch die mentale Überzeugungskraft, um als Sieger vom Platz zu gehen. So dass man sich, bei der Vorgeschichte, die Augen reibt und fragt: Wie machen die das eigentlich?

          Kontinuität und Nachhaltigkeit statt Aktionismus

          Jochen Saier, der Sportvorstand, nimmt sich viel Zeit, um über das Freiburger Modell zu reden. „Phantasie“ ist das Wort, das im Konferenzraum mit Blick auf das Spielfeld im Schwarzwald-Stadion mit Abstand am häufigsten fällt. Die brauchen sie in Freiburg, weil sie finanziell nicht das ganz große Rad drehen, „keine Sicherheit kaufen“ können, wie Saier das sagt. Kleines Stadion, vergleichsweise kleiner Standort, Kontinuität und Nachhaltigkeit statt Aktionismus – das alles ist nicht neu und oft genug beschrieben worden. Aber so, wie Saier darüber spricht, bekommt man einen lebendigen Eindruck, was das im Detail bedeutet. Und damit auch eine Ahnung, was der Sportclub besser macht – machen muss – als mancher betuchtere Konkurrent. Erzählen lässt sich das vielleicht am besten mit drei Beispielen, drei Spielern, in denen sich das Freiburger Modell auf ganz unterschiedliche Weise spiegelt.

          Immer mit einem Lächeln auf den Lippen: Freiburgs Trainer Christian Streich ist meistens ein umgänglicher Typ. Er weiß nicht nur das Team in taktischen Fragen weiterzuentwickeln, sondern überzeugt auch menschlich. Seine nachdenklich intellektuellen Pressekonferenzen sind bundesweit bekannt. Bilderstrecke
          Immer mit einem Lächeln auf den Lippen: Freiburgs Trainer Christian Streich ist meistens ein umgänglicher Typ. Er weiß nicht nur das Team in taktischen Fragen weiterzuentwickeln, sondern überzeugt auch menschlich. Seine nachdenklich intellektuellen Pressekonferenzen sind bundesweit bekannt. :

          Da wäre etwa Vincenzo Grifo, den der Sportclub für die vergangene Zweitliga-Saison vom FSV Frankfurt holte und der heute zusammen mit dem Leipziger Emil Forsberg mit elf Assists der beste Vorbereiter der Bundesliga ist. Eine typische Freiburger Verpflichtung, ein Spieler ohne Garantie, aber mit Phantasie. „Dass er einen tollen Fuß hat“, sagt Saier über den 23-Jährigen, „wussten nicht nur wir.“ Aber es galt zu klären: „Ist er ein Entwicklungsspieler, oder kickt er so, wie er eben kickt?“ Der SCF, sagt Saier, sei angewiesen auf Spieler mit sozialer und kognitiver Intelligenz, Spieler, bei denen „die Lampen leuchten“ und die nicht nur bereit, sondern geradezu willig sind, den Input des Trainerteams aufzunehmen.

          Außerdem gehörte es zu den Lehren aus der Abstiegssaison, dass sich die Freiburger noch einmal genauer anzuschauen versuchten, auf wen sie im Ernstfall bauen können. „Bei uns entscheidet es sich in schwierigen Phasen“, sagt Saier. Weshalb sie in Gesprächen mit potentiellen Spielern auch explizit sportliche Krisenszenarien abklopften: „Wie hoch ist die Frustrationstoleranz? Brennen die Lampen auch, wenn es mal nicht so läuft?“ Das sei so weit gegangen, sagt Saier, dass er sich nach manchem Gespräch gefragt habe: „Haben wir dem Spieler überhaupt signalisiert, dass wir ihn wirklich wollen, oder haben wir uns nur intensivst mit allen möglichen Schwierigkeiten auseinandergesetzt?“

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