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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Sascha Mölders Der Schnäppchen-Torjäger

 ·  Wenig Talent, viel Einsatzwillen: Sascha Mölders bewegt sich nicht immer grazil, aber der Spätberufene trifft zuverlässig. Der Stürmer könnte zur Lebensversicherung des FC Augsburg werden.

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© picture alliance / dpa Hingehen, wo es wehtut: Sascha Mölders (links) ist nicht der Typ, der den Kopf einzieht

Auf den ersten Blick lesen sie sich nicht wie eine Fußballkarriere, die Stationen des seltsamsten Stars der fünfzigsten Bundesligasaison. Sondern wie ein Kneipenzug durchs Ruhrgebiet. Vogelheim, Atletico, Schönebeck, Schwarz-Weiß, so lauteten die frühen Etappen von Sascha Mölders, alle in seiner Heimatstadt Essen.

Mit 19, in einem Alter, in dem sich heute Jungprofis nach jahrelanger Verfeinerung ihrer technischen und sozialen Fähigkeiten in den Akademien großer Vereine auf den Sprung ins Rampenlicht machen - mit 19 also spielte auch Mölders seine erste Saison bei den Erwachsenen: in der Bezirksliga.

DJK Wacker Bergeborbeck hieß der Startplatz einer Fußballkarriere, die acht Jahre später einen der aktuell effizientesten Stürmer der Bundesliga produziert hat. Mit acht Toren in zwölf Spielen kommt Mölders beim FC Augsburg, dem Vorletzten, auf eine Trefferquote, die nur die Torjäger der drei Top-Klubs, Mandzukic, Lewandowski und Kießling, erreichen. Der Mann, der 175.000 Euro kostete, ist das Schnäppchen der Liga. Keiner schießt so billige Tore wie er.

Das Ruhrgebiet hat einige solcher Nachzügler im Sturmzentrum hervorgebracht, die erst als Mittzwanziger in den Blickpunkt rückten, sich dann aber sehr nützlich machten - Spieler wie Horst Hrubesch oder Oliver Bierhoff, zwei Spätzünder, die Deutschland zu den beiden letzten EM-Titeln schossen. Die Klasse dieser beiden wird Mölders nie erreichen, aber es gibt Parallelen.

Auch er lebt von seiner Sperrigkeit und Kopfballstärke. Und vor allem sieht er sich „definitiv als Revierkicker“. Als Fußballkind des Ruhrgebiets. Wie sich das äußert? „Bis zur letzten Sekunde alles geben. Immer rennen, immer kämpfen, die Tugenden, die man immer abrufen kann.“ Aber auch: „Nie den Spaß verlieren.“ Nicht mal im Abstiegskampf.

Mölders: „Das könnte ein Vorteil für uns sein“

Mölders verkörpert zwei der Stärken, von denen der FC Augsburg profitiert: dass seine Spieler gelernt haben, aus wenig viel zu machen, also Talentmangel mit Tatkraft zu kompensieren. Und dass sein Kader zum großen Teil aus Spielern besteht, die anderswo kaum eine Chance in der Bundesliga bekommen hätten und deshalb eine besondere Motivation haben, diesen Verein zu retten.

Das unterscheidet sie von den Kollegen aus Hoffenheim, dem Gegner an diesem Samstag (15.30 Uhr / Live im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) im Duell darum, wer direkt absteigen muss, und wer noch den 50:50-Joker der Relegation bekommt. „Beim FCA werden nie Superstars spielen. Aber jeder, der dort spielt, hat sich das hart erarbeitet“, sagt Mölders. „Der entscheidende Punkt ist: Wir wussten, dass wir um den Klassenerhalt spielen, während man in Hoffenheim ganz andere Erwartungen hatte. Das könnte ein Vorteil für uns sein.“

Nach der Bezirksliga in Bergeborbeck spielte Mölders in der Oberliga bei Schwarz-Weiß Essen und beim Zweitteam des MSV Duisburg, wo er in den Profikader übernommen wurde und erstmals an der Bundesliga schnuppern konnte. Nach dem Abstieg der „Zebras“ ging er dann aber lieber zu Rot-Weiß Essen in die Regionalliga, von der ersten in die vierte Liga. Er habe es „nicht bereut“, sagt er. Was für andere wie ein Karriereknick aussähe, war für ihn das Richtige.

Die Liga war egal, Mölders schoss überall seine Tore. Auch in der zweiten: Nach 15 Treffern für den FSV Frankfurt holte ihn Aufsteiger Augsburg in die Bundesliga. Dort schoss er gleich die ersten beiden Erstligatore in der Geschichte des Vereins, geriet dann aber bei Trainer Jos Luhukay ins Abseits. Und ist erst jetzt, unter dessen Nachfolger Markus Weinzierl, mit 27 Jahren eine feste Größe im erstklassigen Fußball geworden.

„Endlich war mein breiter Hintern mal für etwas gut“

Spätestens mit seinen beiden Toren beim 3:2-Sieg in Düsseldorf, der zum Rückrundenbeginn Aufbruchstimmung in Augsburg erzeugte, wurde Mölders in seiner ackernden Art und seinem Laufstil, der ein unermüdlicher Kampf gegen die Schwerkraft ist, zum sympathischen Anti-Helden der Liga. Eine Schau war vor allem sein zweiter Treffer, ein Tor mit null Prozent Talent, aber hundert Prozent Entschlossenheit. Im Sprung machte er sich so breit, dass der Torwart mit seinem Klärungsversuch nur die Rückseite des bulligen Stürmers traf.

„Endlich“, sagte er danach, „war mein breiter Hintern mal für etwas gut“. Im Überschwang des Gesäß-Treffers zeigte Mölders einen herrlich unbeholfenen Torjubel: den Versuch eines Flickflacks, der mit unplanmäßiger Knie-Torsion bei der Landung knapp ohne Notarzt-Einsatz endete. Eine Turneinlage, die ihm inzwischen fast peinlich ist. „Das hatte ich weder geübt noch so vorgehabt“, sagt er. „Das kam einfach so und wird auch nicht wieder vorkommen.“

Auf seine Art hat Mölders so etwas wie eine Nische bei Nostalgikern besetzt. Motto: Früher gab’s Typen im deutschen Fußball, wo waren die Talente? Und heute: Talente satt, wo sind die Typen? „Er ist einer von uns. Vielleicht der Letzte seiner Art“, schrieb „11freunde.de“. Das Fußball-Feuilleton hat Mölders entdeckt, ihn, den Letzten vor der Generation Nachwuchsleistungszentrum. „Jede Sekunde seines Spiels erinnert an dreckigen Kreisligafußball.“

Und das stimmt ja wirklich. Mölders sagt, er habe seine ganze Jugend auf Asche gespielt. Mit Folgen: „Das härtet ab.“ Wer von ewig aufgeschürften Schenkeln und regelmäßigen Steinchen-Tattoos gestählt ist, riskiert eben auch gern eine knallrot zwirbelnde Gesäßhälfte für ein Tor. „Gerade wenn man unten steht“, sagt er, „muss man das Glück erzwingen“.

„Die Familienplanung ist abgeschlossen“

Natürlich kann Mölders viel mehr, als nur seinen sperrigen Körper einzusetzen. Gegen die Bayern hat er sogar ein Traumtor geschossen - per Fallrückzieher. Es wäre gewiss das „Tor des Monats“ geworden - wäre es nicht in der Regionalliga gefallen, im Duell der beiden B-Teams des FCA und FCB im November.

Allzu philosophisch steht Mölders seinem Metier nicht gegenüber. „Manchmal trifft ein Stürmer, manchmal nicht“, sagt er. „Im Moment läuft es halt gut.“ Die Bierruhe eines Mannes, der warten kann, zeichnete den vierfachen Vater schon aus, als er einmal eine Halbzeit für Rot-Weiß Essen spielte, ehe er in den Kreißsaal fuhr, zur Geburt einer Tochter. Auf eine Auswechslung des Augsburger Torjägers wegen Vaterpflichten dürfen die Gegner im Abstiegskampf nicht mehr rechnen: „Die Familienplanung ist abgeschlossen.“

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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