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Rudi Völler im Gespräch „Wir haben die Hoffnung auf den Titel nie aufgegeben“

 ·  Der Sportdirektor von Bayer Leverkusen fühlt sich wohl in der Rolle des Bayern-Verfolgers, träumt jedoch weiter vom großen Coup. Im F.A.Z.-Interview spricht Völler über Standorttreue, Leverkusener Grenzen und die schönste Stadt der Welt.

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© dpa Das Gesicht von Bayer Leverkusen: Seit Mitte der neunziger Jahre ist Völler hier - erst als Spieler, dann als Trainer, nun als Sportdirektor

Wie beschwingt waren Sie in der Winterpause - nach Platz zwei in der Hinserie hinter den Bayern?

Es ist ein angenehmes und schönes Gefühl, weil wir wissen, dass wir einiges richtig gemacht haben. Aber wir können uns für unser gutes Abschneiden nichts kaufen, und die Rückrunde wird für uns ohnehin schwerer als die Vorrunde. Ich lasse mich von Zwischenergebnissen nicht allzu sehr mitreißen.

Wie war das bei Ihren Spielern?

Die meisten können die Vorrunde ganz gut einschätzen. Aber wenn man ein bisschen schwebt, wenn man überall gelobt wird, dann muss man bei dem einen oder anderen ein bisschen bremsen. Wir dürfen jedenfalls keinen Millimeter nachgeben. Es gibt eine herausragende Mannschaft in Deutschland, die Bayern, und die können mal etwas nachlassen und gewinnen trotzdem ihre Spiele. Wohin es führt, wenn bei uns ein paar Prozentpunkte fehlen, haben wir vor der Winterpause bei unserem Ausscheiden im Pokal gegen Wolfsburg gesehen.

Sie haben zuletzt Lars Bender, der von den Bayern umworben wurde, und André Schürrle, für den es ein Angebot vom FC Chelsea gab, sagen müssen, dass sie nicht aus Leverkusen wegdürfen. Wie schwer war das?

Es ist mein Job, Spielern hin und wieder zu erklären, dass ein Wechsel nicht möglich ist - nicht nur bei den beiden. Ich habe auch Sidney Sam gesagt, dass ein Wechsel für uns nicht in Frage kommt, obwohl Schalke ihn gerne gehabt hätte. Ich muss begründen, warum Verträge einzuhalten sind - oder auch, warum ein Spieler nicht bei uns bleiben kann, wenn es keinen Sinn mehr macht. Das gehört dazu, es fällt mir meistens nicht schwer.

Werden Schürrle und Bender die Absagen jetzt als Last mit sich herumtragen?

Nein. Beide wissen, dass es nicht das letzte Mal sein wird, dass sie so ein Angebot bekommen. Das machte es für mich leichter. Uns ist klar, dass es Vereine gibt, die sportlich und finanziell attraktiver sind als wir. Aber auch wir wollen unsere Ziele erreichen, deshalb war es eine fundamental wichtige Entscheidung, die beiden Spieler zu halten.

Und das sehen die Spieler auch so?

Lars Bender hat es natürlich gefallen, dass die Bayern Interesse an ihm haben. Aber er ist gerne geblieben - zumal er kurz zuvor erst seinen Vertrag bei uns verlängert hatte. André hat das Angebot von Chelsea natürlich ins Grübeln gebracht. Ich habe ihm gesagt, dass sein Interesse an einem Wechsel legitim ist, dass wir es aber nicht schaffen würden, ihn auf die Schnelle gleichwertig zu ersetzen. Da muss man manchmal hart bleiben. Aber beide Spieler sind mehr als zufrieden, wie es am Ende ausgegangen ist.

Sind Sie mit Bayer Leverkusen inzwischen ein Leidtragender des großen Duells zwischen den Bayern und Dortmund, weil direkt dahinter in der Tabelle alles im Schatten steht?

Wir können mit unserer Rolle ganz gut leben. Als Bayern-Herausforderer haben sich ja schon viele versucht, unter anderen wir. Bayern bleibt aber das Maß der Dinge, das wird auch in den nächsten zehn Jahren so sein. Sie sind finanziell und sportlich auf einem Niveau wie der FC Barcelona oder Manchester United.

Das klingt fast fatalistisch.

Überhaupt nicht. Man kann darauf hoffen, dass sie auch mal eine schlechtere Saison haben, was ja alle vier, fünf Jahre auch der Fall ist. 2011 war das so, da sind wir Zweiter geworden - nur leider waren die Dortmunder in dem Jahr so extrem stark. Dabei bist du, wenn du am Ende vor den Bayern liegst, zu 99 Prozent deutscher Meister. Denn Dritter werden die normalerweise nie. Nur leider war in diesem Jahr einiges anders.

Sie lassen sich also den Traum von einer deutschen Meisterschaft mit Leverkusen nicht nehmen?

Klar haben wir die Hoffnung nie aufgeben. Aber für uns ist inzwischen das Erreichen der Champions League wie eine kleine Meisterschaft. Dieser Wettbewerb hat einen ganz anderen Wert als früher, und da rückt auch das ganze Gerede von Bayer Vizekusen in den Hintergrund. Wir würden heute doch mit Blut unterschreiben, wenn wir den zweiten Platz und damit die Champions League erreichen würden. Hier ist ein enormer neuer Reiz entstanden, vergleichbar mit einem Titel. Ich weiß gar nicht, was wichtiger ist: ein deutscher Pokalsieg oder die Qualifikation für die Champions League?

Ist diese Qualifikation schon der Anspruch, den Leverkusen hat?

Nein, wir sehen uns zwischen Platz drei und acht. Wenn bei uns vieles gut läuft, dann können wir auch mal in die Champions League kommen. Andere Vereine, die ungefähr unsere Voraussetzungen haben, spielen dagegen auch schon mal gegen den Abstieg.

Macht die Europa League überhaupt noch Spaß?

Am Anfang ist das sicher ein bisschen zäh, aber wenn du das erste Halbjahr überstehst, wird es schon interessant. Dass es hier viel weniger zu verdienen gibt als in der Champions League, ist klar. Trotzdem sollte es eine kleine Annäherung geben. Aber vor allem sollte die Deutsche Fußball Liga dafür sorgen, dass die Europa-League-Teilnehmer in der Bundesliga öfter sonntags spielen können. Andere Länder bekommen das ja auch hin. Immer wieder donnerstags und samstags zu spielen, das geht auf die Dauer nicht gut, das ist zu viel.

Aber in anderen Sportarten sind vergleichbare Belastungen auch üblich.

Das kann man nicht vergleichen. Nehmen wir Eishockey: Die kriegen abends zwar mal einen Zahn rausgehauen oder die Nase gebrochen, aber die können auch mal mit Verletzungen spielen. Im Fußball geht das nicht.

Sie sind seit 1994 in Leverkusen, erst als Spieler, inzwischen als Sportdirektor - werden Sie noch länger bleiben?

Ich habe meinen Vertrag ja im vergangenen Jahr bis 2017 verlängert, das ist schon mal eine Ansage. Man sollte in diesem Geschäft zwar nie „nie“ sagen, aber im Moment kann ich mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen, als für Bayer Leverkusen zu arbeiten. Ich fühle mich hier total heimisch, und ich glaube, man ist ganz zufrieden mit meiner Arbeit. Ich identifiziere mich jedenfalls hundertprozentig mit diesem Verein, das habe ich mir gar nicht vorstellen können, als ich Mitte der neunziger Jahre hierhergekommen bin. Ich merke, wie sehr mir der Klub ans Herz gewachsen ist - ein schönes Gefühl.

Das ist auf den ersten Blick eine außergewöhnliche Situation: Sie könnten in den schönsten Städten Italiens leben und vermutlich auch arbeiten, aber Sie waren in Ihrer Karriere nirgends länger als in Leverkusen. Warum ist das so?

Rom ist die schönste Stadt der Welt, und ich sehe mich als halben Römer. Privates und Berufliches lassen sich aber nicht trennen, und wenn es in deinem Job nicht läuft, wenn du unzufrieden bist, dann nützt dir die schönste Stadt nichts. Du kannst zwar jeden Tag vor dem Colosseum sitzen, Cappuccino trinken und die schönen dunkelhaarigen Italienerinnen vorbeigehen sehen - aber wenn du keinen Erfolg hast, dann ist das völlig uninteressant. Dann geht es dir trotzdem beschissen. Du musst dich in deinem Beruf wohl fühlen, ob du dann am Colosseum sitzt oder in Hanau vor dem Brüder-Grimm-Denkmal, das ist dann auch egal.

Das wird Ihre Geburtsstadt freuen. Haben Sie eine Lebensplanung?

Nein. Ich bewundere diejenigen, die das haben, aber für mich gilt das nicht.

Bayer Leverkusen gehört nach wie vor nicht gerade zu den beliebtesten Vereinen der Bundesliga. Ist es Ihnen noch wichtig, daran etwas zu ändern?

Bei Umfragen nach der Beliebtheit stehen immer die oben, die die meisten Anhänger haben, und dazu gehören wir nun mal nicht. Man muss aber immer sehen, woher wir kommen. Wenn wir früher, zu meiner Zeit als Spieler, mit Werder Bremen nach Leverkusen kamen, konntest du jeden Zuschauer per Handschlag begrüßen. Damals mussten sich Bayer Leverkusen und Bayer Uerdingen noch dafür entschuldigen, in der Bundesliga zu spielen. Und das ist doch das Phänomenale, was in den letzten Jahren passiert ist: Wenn wir heute auf Reisen sind, müssen wir uns nicht mehr verstecken, da ist klar und akzeptiert, dass wir für Bayer stehen. Wir sind eine Marke, die jeder kennt.

Tatsächlich?

Nehmen wir den Hamburger SV, der war mal Europapokalsieger und zigmal deutscher Meister, aber international sind wir heute bekannter als der HSV, da bin ich mir relativ sicher. Klar, dass mal andere Vereine auf Leverkusen, Wolfsburg oder Hoffenheim zeigen, aber wir gehen offen damit um, dass wir vom Konzern unterstützt werden. Wir haben aber auch viel weniger Zuschauereinnahmen als andere. Zu uns kommen 30.000 im Schnitt, wenn Dortmund spielt, sind es 80.000. Es wird oft unterschätzt, welchen Unterschied das bei den Einnahmen macht. Das versuchen wir auszugleichen. Die Lage hat sich allgemein inzwischen beruhigt, auch wenn sich mancher Traditionsverein immer noch ganz gerne an uns reibt. Aber es ist wichtiger, richtig zu wirtschaften und die richtigen Entscheidungen zu treffen, als ein Traditionsverein zu sein.

Auffällig ist, dass Ihr Name so gut wie nie genannt wird, wenn es anderswo personelle Verschiebungen gibt - zum Beispiel zuletzt in Wolfsburg, wo jetzt Klaus Allofs Geschäftsführer Sport ist. Ist Ihnen das ganz recht so?

Es gab ja mal Gespräche mit den Bayern vor ein paar Jahren. Aber aus dem Alter bin ich raus, dass es am nächsten Tag sofort in der Zeitung steht, wenn ich mal ein anderes Angebot habe. Als Trainer kannst du sicher nie sagen, dass du bei einem Verein ewig bleibst. Aber als Manager oder Sportdirektor machst du nach so vielen Jahren, die ich hier bin, nicht einfach nur einen Job, da identifizierst du dich mit dem Verein und seinem Umfeld ganz anders. Meine Entscheidung für einen Vertrag ist bindend, da will ich nichts anderes machen - auch wenn es dann und wann mal Anfragen gibt, ob ich was anderes machen will, auch als Trainer.

Sie könnten ja in Leverkusen immer noch beides machen, Sportdirektor und Trainer, falls es mit Ihrem bisher so erfolgreichen Trainerduo Hyypiä/Lewandowski mal nicht mehr so gut laufen sollte.

Nein, so etwas ginge gar nicht. Ich habe auch nie verstanden, wie Felix Magath in Wolfsburg das in Personalunion machen konnte. Ein Trainer braucht kurzfristig Erfolg, und so handelt er auch. Ein Manager oder Sportdirektor muss immer das große Ganze im Blick haben und langfristiger denken. Es sind zu viele Aufgaben, du kannst es gemeinsam nicht hinkriegen. Da gehst du kaputt.

Das Gespräch führte Uwe Marx.

Quelle: F.A.Z.
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