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Rostock Hooligans überfallen Polizeirevier

21.11.2011 ·  Unglaubliche Zustände in Rostock: Tausende beklatschen die Attacken gegen Gäste-Zuschauer. Zudem wird ein Polizeirevier überfallen. Nun stellt sich die Frage: Deckt ein Hansa-Fanbetreuer Gewalttäter?

Von Matthias Wolf, Rostock
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© dapd So ist Fußball: Starke Polizeikräfte kontrollieren am Bahnhof den Hamburger Sonderzug

Die Gewalt begann schon 14 Stunden vor dem Anstoß des Risikospiels der Zweiten Fußball-Bundesliga zwischen Hansa Rostock und dem FC St. Pauli. In der Nacht zum Samstag klirrten die Scheiben im Polizei-Hauptrevier in Rostock. Vermummte entzündeten Pyrotechnik, sie versuchten, mit einer Fackel einen Container zu entflammen.

Die Täter konnten bisher nicht ermittelt werden, aber für die Staatsanwaltschaft steht seit Sonntag fest: Zum ersten Mal in der Geschichte haben Fußball-Hooligans eine Polizeidienststelle überfallen. „Nach dieser Tat herrscht große Verunsicherung bei den Kollegen, und auch Wut“, sagt Yvonne Hanske, Sprecherin der Rostocker Polizei am Montag und fügt an: „Das ist auch für uns hier eine neue Form der Fankultur.“

Fankultur? Ihre Kollegin Erika Krause-Schöne von der Bundespolizei in Rostock spricht von „unbelehrbaren Gewalttätern. Die Brutalität einiger Fans gegen die Polizei wird immer größer“. Die Ermittlungsergebnisse haben ergeben, dass die Attacke erfolgte, weil die Polizei bis zum Spielende von Hansa gegen St. Pauli einen führenden Kopf der Rostocker Fanszene, der mehrfach gegen Aufenthaltsverbote und Meldeauflagen verstoßen habe, festgesetzt hatte. Die Kumpels schlugen deshalb zurück.

Der ungeheuerliche Vorgang passt ins Bild von dem Zweitliga-Duell zwischen Hansa und St. Pauli, das für vierzehn Minuten unterbrochen war, weil erst Hamburger Anhänger in ihrem Block zündelten - und dann Hansa-Chaoten ohne Rücksicht auf die Gesundheit der Zuschauer mehrfach mit Leuchtmunition in den Gästeblock schossen. Unter dem Gejohle von tausenden Gaffern. Wie konnte diese Munition überhaupt ins Stadion gelangen bei all den Kontrollen?

Es gab einen Sturm in die Arena durch rund hundert Fans; zudem könne man „die Leute nicht nackig machen“, so Polizeisprecherin Krause-Schöne: „Wenn diese Teile an bestimmten Regionen des Körpers in Stücken getragen und hinterher zusammen montiert werden, können die nicht gefunden werden“. Außerdem sei für diese Kontrollen der Sicherheitsdienst des Klubs verantwortlich.

St. Paulis Manager Helmut Schulte sprach davon, einige hätten „aus einer tollen Sache wie ein Fußballspiel eine Schlacht machen wollen“. Da wusste er noch nicht, was nach dem Abpfiff alles passierte. Flaschen und Pflastersteine flogen auf Polizisten, Streifenwagen und Shuttlebusse. Dreizehn Verletzte, darunter elf Polizisten, so lautete die Bilanz.

Zumeist blieb es bei Prellungen durch Steinwürfe, aber Polizeisprecherin Krause-Schöne sagte, diesmal in ihrer Funktion als führendes Mitglied der Gewerkschaft der Polizei (GdP): „Was muss noch alles passieren? Ein Polizist im Koma, wie Daniel Nivel bei der WM in Frankreich? Das kann so nicht weitergehen, weil alles auf dem Rücken der Kollegen ausgetragen wird.“

Sie glaubt, dass die rigorose Trennung beider Lager durch die 2000 Beamten den harten Kern beider Lager noch wütender gemacht habe: „Wir haben unser Konzept durchgezogen - und haben die Aggression dann zu spüren bekommen, in der dritten Halbzeit.“

Womöglich wäre alles noch schlimmer gekommen, hätten Spürhunde nicht vor dem Spiel ein riesiges Arsenal an Pyrotechnik gefunden - vor der Arena vergraben. Die Hunde hatte der FC Hansa eingesetzt, dessen Sprecher Lorenz Kubitz betonte: „Wir verschließen uns nicht vor Kritik, aber wir haben auch alles getan. Wir können nur präventiv tätig werden, aber repressiv sind uns die Hände gebunden.“

Doch hat der Verein wirklich ausgeschöpft was möglich ist? In Polizeikreisen sieht man das anders. Hansa habe ein Problem an entscheidender Stelle, heißt es. Hinter vorgehaltener Hand kommt massive Kritik am Rostocker Fanbeauftragten auf, der selbst Teil der harten Fanszene war - oder nach Ansicht der Polizei womöglich noch ist.

Auch rund um das Spiel bekamen Beamte offenbar den Eindruck, er blockiere eher, als die Einsatzkräfte zu unterstützen. „Ich kann nur so viel sagen: Wir kommen da nicht ran. Es müssen auch mal Namen genannt werden, die aber nicht genannt werden“, sage Krause-Schöne, und fügt hinzu: „Ganz allgemein: Es gibt einige Fanbeauftragte in Deutschland, die der Polizei Auskünfte verweigern und nicht mit uns zusammen arbeiten, weil sie selbst dazu gehören. Das macht die Arbeit an diesen Standorten schwierig.“

Hansa-Sprecher Kubitz betonte dagegen, der Fanbetreuer sei „unglaublich loyal“, seine Nähe zur Szene unumgänglich: „Wir brauchen doch auf der Position jemanden, der seit Jahrzehnten zum Fußball fährt und die Leute kennt. Er leistet gute Arbeit.“

Doch eines ist auch nicht zu bestreiten: Die Rostocker Szene, laut Krause-Schöne mit einem aggressiven Kern von bis zu 500 Leuten, kann seit Jahren vom Klub nicht gebändigt werden. Hansa hat deshalb in einem offenen Brief um Hilfe gebeten. Man sei „ernüchtert, schockiert und beschämt“ und „bitte die „Verbände, die Politik und die Judikative, uns Vereine mit dem gesamtgesellschaftlichen Problem nicht alleine zu lassen“.

Welche Maßnahmen will Hansa selbst ergreifen? Der Klub hütet sich noch vor klaren Aussagen. Man wolle die Auswertung der Polizeibilder abwarten, auch die Reaktion des Deutschen Fußball-Bundes auf die Stellungnahme des Vereins. Spielt Hansa auf Zeit? „Ich kann da weder Ja noch Nein sagen“, so Krause-Schöne: „Als Gewerkschafterin aber weiß ich: Die Kollegen erwarten, das was passiert.“ Es scheint, als dränge die Polizei hinter den Kulissen auf den Austausch führender Köpfe bei der Rostocker Fanbetreuung.

Vor der Saison hatte Hansa in einem Ehrenkodex mit den Ultras vereinbart, dass es die Dauerkarten für ihre Stimmungstribüne Süd, für Krause-Schöne „die Hardcore-Tribüne“, nur häppchenweise, auf Bewährung gibt. Die logische Konsequenz wäre nun der Ausschluss weiter Teile der Ultra-Szene für den Rest der Saison, die Vorstandschef Bernd Hofmann vor einigen Monaten angedroht hat.

Nun schweigt der Hansa-Chef vorerst auf die Frage nach solchen Konsequenzen. Seinem Verein, einem Wiederholungstäter, der am Freitag gegen Union Berlin die nächste Partie unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen austrägt, droht längst mehr als nur eine leere Tribüne. Die DFB-Justiz erwägt als Strafe ein Spiel ohne jegliche Zuschauer.

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