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Roman Weidenfeller „Ich hatte beim DFB nie eine Chance“

21.01.2012 ·  Dortmunds Torhüter Roman Weidenfeller über starke und zarte Spielertypen, den Titelkampf gegen die Bayern und das Vorbild Jens Lehmann.

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© dpa Routinierter Rückhalt: Roman Weidenfeller ist Schlussmann und Seniorchef im jungen Dortmunder Team

Borussia Dortmund ist mit der jüngsten Mannschaft in der Bundesligageschichte deutscher Meister geworden. Alle Welt jubelt über Götze, Kagawa, Hummels, Großkreutz. Fühlen Sie sich als einer der wenigen Routiniers in der Mannschaft zu wenig gewürdigt?

Nein. Aufgrund meines Alters und meiner Position macht es mir nichts aus, nicht der Shootingstar der Mannschaft zu sein. Als Torhüter steht man positionsbedingt immer hinter der Mannschaft, aber das sehe ich nicht als Problem an. Meine Aufgabe ist es, Ruhe auszustrahlen. Wenn sich dem Gegner eine Chance bietet, möchte ich meinen offensiven Vorderleuten ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. Nach dem Motto: „Macht euch keine Sorgen, spielt ihr auf das gegnerische Tor, wir haben hinten alles unter Kontrolle.“ Die Offensive entscheidet Spiele, aber Meisterschaften werden in der Defensive gewonnen. Ich bin gerne Teil dieser Mannschaft.

Mit 31 Jahren sind Sie der Seniorchef. Wie verstehen Sie sich mit den vielen Mitspielern, die etwa zehn Jahre jünger sind?

Zwischen uns liegen mehrere Fußballer-Generationen, gar keine Frage. Trotzdem verstehen wir uns auf dem Platz glänzend, die Absprachen funktionieren. Privat ist es ein größerer Unterschied. Gegen die heutige Generation habe ich an der Play-Station oder bei anderen Computerspielen keine Chance. Auch wenn es um den internationalen Fußballmarkt geht, ist die jüngere Generation immer up to date. Die kennen jeden einzelnen Spieler, nicht nur bei Spitzenklubs wie Real Madrid oder Barcelona, sondern auch bei kleineren Vereinen, und sie wissen immer, wer gerade wohin gewechselt ist, wer in welchem Spiel das entscheidende Tor erzielt hat. Ich habe da nicht jedes Detail im Kopf.

Ihr Rückstand am Computer könnte noch größer werden. Sie wollen noch mit vierzig Jahren im Tor stehen - wie Jens Lehmann, Ihr Vorgänger beim BVB?

Ja, genau. Jens hat die Messlatte sehr hoch gelegt, nicht nur im Hinblick auf die Qualität, auch vom Alter her. Ich durfte viel von ihm lernen, und es würde mich extrem reizen, so lange spielen zu können wie er. Es gibt nichts Schöneres, als jeden Tag auf dem Platz zu stehen und den Jungs zuzuschauen, wie sie sich entwickeln. Ich habe beim BVB auch die Zeiten mitgemacht, in denen es nicht gut lief. Deswegen möchte ich umso mehr die Jahre genießen, die jetzt anstehen, in denen es bergauf geht.

Im vorigen Jahr ist es steil bergauf gegangen. Ist der BVB schon stark genug, den Bayern die Vormachtstellung streitig zu machen?

Es wäre fatal zu denken, wir könnten die Bayern jetzt schon angreifen oder ihnen gar wirtschaftlich die Stirn bieten. Aber ich glaube, dass wir im Laufe der Jahre aufschließen können. Ich will jetzt nicht den Titelkampf ausrufen, aber nach der Hinrunde sind wir nur drei Punkte entfernt. Mit dieser Ausgangslage haben wir die Möglichkeit, eine erfolgreiche Saison zu spielen. Vor allem wollen wir regelmäßig in der Champions League antreten. Dadurch ermöglichen wir dem Verein, auch weiterhin auf dem Transfermarkt zuzuschlagen wie zuletzt bei Marco Reus.

Die Bayern einholen - ist das ein Grund, warum Sie so lange spielen wollen?

Es wird schwierig, aber warum nicht? Ich nehme gerne mit, was möglich ist. Und bis ich vierzig bin, ist ja noch Zeit.

Was fehlt Borussia Dortmund, um sich international auf hohem Niveau zu etablieren?

Sowohl in der Europa League als auch in der Champions League war zu sehen, dass es uns noch an Erfahrung fehlt. Wir können den Vereinen zwar Paroli bieten, sind meist sogar die bessere Mannschaft, dennoch reicht dies nicht immer aus, um die nötigen Punkte zu holen.

Wäre es sinnvoll, mal einen Spieler von 27 oder 28 Jahren zu verpflichten, der weiß, wie es im internationalen Fußball zugeht?

Natürlich. Es ist wichtig, auch eine gewisse Erfahrung dabei zu haben. Man sollte nicht nur auf Youngster hoffen. Ich freue mich über jeden Neuzugang, der uns nach vorne bringt, unabhängig vom Alter.

Wer ist der beste deutsche Torwart?

Es gibt viele Torhüter, die gut ausgebildet sind und in der Bundesliga einen bemerkenswert guten Job machen. Wir brauchen uns in Deutschland auf dieser Position keine Sorgen zu machen.

Zu dieser Gruppe gehören auch Sie. Aber Sie haben nie die Chance erhalten, in der Nationalelf Ihr Können zu zeigen. Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?

Man kann sich schon wundern, wenn man jahrelang bei einem großen Klub wie Borussia Dortmund eine gute Rolle spielt und dennoch nie berufen wird. Doch hat mich dies nie aus dem Tritt gebracht. Ich habe beim DFB nie eine sportliche Chance erhalten, das muss ich so hinnehmen. Irgendwann habe ich aufgehört, mich zu fragen, was der Grund dafür sein könnte. Es wurde mir bis heute nie der wahre Grund mitgeteilt. Ich bin 31 Jahre alt, ruhe in mir und kann mich ganz meinem Verein widmen. Mit dieser Situation bin ich sehr zufrieden.

Sie gelten als Macho-Torhüter alter Schule. Hat man beim aktuellen Bundestrainer bessere Chancen, wenn man ein weicherer Typ ist?

Ich möchte jetzt keine Lawine lostreten, dennoch glaube ich, dass dies zutreffend ist. Man hat es zuletzt bei Michael Ballack gesehen. Es gibt eben Charaktere, die nicht alles hinnehmen, und es gibt solche, die wenig hinterfragen. Für einen Trainer ist es schwieriger, mit Spielern zu arbeiten, die einen eigenen Kopf haben. Jedoch sind genau solche Spieler in der Lage, ein Spiel zu drehen, wenn es drauf ankommt. Denken Sie an Kahn, Lehmann, Effenberg oder eben Ballack. Die waren ausschlaggebend für den Erfolg des jeweiligen Vereins.

Gibt es zu wenige solcher Typen?

Ich glaube, dass diese starken Charaktere nicht mehr ganz so erwünscht sind, da das Arbeiten mit ihnen schwieriger ist.

Es gibt die Tendenz zum modernen Torwart, der „mitspielt“. Wie modern sind Sie?

Es wird mir oft unterstellt, kein moderner Torwart zu sein. Aber die Frage ist: Was ist modern? Das Wichtigste ist, dass der Torwart den entscheidenden Ball hält. Wenn ein moderner Torwart dadurch definiert wird, eine Abwehr zu dirigieren, das Stellungsspiel zu optimieren und den Libero zu spielen, fühle ich mich nicht unmodern. Ich bin eben in der Generation zwischen Oliver Kahn und Manuel Neuer aufgewachsen.

Also zur falschen Zeit am richtigen Ort?

Vielleicht. Aber dann müsste ich mich bei meinen Eltern beschweren. Das würde ich niemals tun, da ich ihnen unendlich dankbar sein kann.

Das Gespräch führte Richard Leipold.

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