Home
http://www.faz.net/-gtn-6m6ww
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

René Schnitzler „Ein normaler Zeitvertreib“

19.08.2011 ·  Der frühere Profi René Schnitzler hat ein Buch geschrieben über den Alltag im deutschen Profifußball: über „Autos, Frauen und Zocken“ - laut Schnitzler die Hauptthemen junger Fußballspieler. Er kennt den Sumpf der Spielsucht aus eigener Erfahrung.

Von Frank Heike, Hamburg
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Es sagt schon etwas, wenn man zu dieser Veranstaltung im Muhammad-Ali-T-Shirt erscheint. René Schnitzler wiegt 15 Kilogramm mehr als zu seiner aktiven Zeit und hat sich in der ganzen Fußball-Szene unbeliebt gemacht – von seinem Selbstbewusstsein hat er nichts verloren. „Ich bin an einem Tiefpunkt, aber ich stecke den Kopf nicht in den Sand. Irgendwas wird schon passieren, das mich glücklich macht“, sagte er am Donnerstag bei der Vorstellung des Buches „Zockerliga“.

Ende Juli hat ihn der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wegen „unsportlichen Verhaltens“ für 30 Monate gesperrt, seine Rückkehr in den Profifußball scheint ausgeschlossen. Ein solcher Bann kann den ehemaligen Profi des FC St. Pauli aber nicht mehr schrecken. Durch seine Spielsucht war er so tief in den Sumpf aus illegalem Pokern und manipulierten Spielen gesackt, dass ihm Abgesandte eines holländischen Wettpaten wegen seiner Schulden nach dem Leben trachteten. „Sie sagten, sie binden mich bei Ebbe an einen Pfahl in der Nordsee und warten, bis die Flut kommt“, sagte Schnitzler.

Er erzählte, wie er durch immer höhere Einsätze in verbotenen Spielrunden in Geldnot und schließlich in die Fänge der Wettmafia geraten war. Absprachen für fünf Zweitliga-Spiele hatte er 2008 mit dem Wettpaten Paul Rooij getroffen, allerdings ohne dabei auf dem Spielfeld manipuliert zu haben. Das sagte Schnitzler so Ende 2010 vor der Bochumer Staatsanwaltschaft aus.

Die „Stern“-Autoren Rainer Schäfer und Wigbert Löer haben seine Geschichte in „Zockerliga“ nun nacherzählt. Dabei kommen die beiden Sportjournalisten zu einem Befund, den Schnitzler so formulierte: „Ich bin kein tragischer Einzelfall. Autos, Frauen und Zocken sind die Hauptthemen bei jungen Fußballern.“ Löer sagte, ihm hätten Sportchefs fast aller Bundesligaklubs gestanden, dass sie das Problem Spielsucht aus „drei, vier Fällen“ im eigenen Kader kennen.

Doch darüber gesprochen wurde nur, ohne Namen zu nennen. Das Gleiche gelte für die Nationalmannschaft. Vom DFB habe es geheißen, Pokern sei „ein normaler Zeitvertreib“ vieler Profis, auch zuletzt bei der WM in Südafrika. Manche Nationalspieler wie der Hamburger Marcell Jansen geben offen zu, dass sie gern pokern. Die Brisanz des Themas scheinen weder Klubs noch Verband zu bemerken – vielleicht auch, weil sie sich Werbeverträge erhoffen, wenn im nächsten Jahr das Glücksspielmonopol des Staates fällt.

„Klar, dass man nicht zuhause sitzt und Salat isst“

Schnitzler sagte, dass man zwischen Spiellust und Spielsucht unterscheiden müsse. Wetten jeder Art seien im Fußball weit verbreitet. „Bei uns ging das so weit, dass wir bei Auswärtsspielen am Flughafen auf den ersten Koffer gewettet haben, der aufs Band rollt. Ein Vereinsverantwortlicher hat mit mir um 500 Euro wetten wollen, dass ich durch den Rhein schwimme.“

Bei einigen Klubs scheint es sogar eine Glücksspieltradition zu geben: Beim FC St. Pauli war es Anfang des Jahrtausends Nico Patschinski, der sein Vermögen verspielte. Schnitzler und Andreas Biermann waren ebenfalls passionierte Spieler in den Reihen der Hamburger. Nicht jeder spielt sich um Kopf und Kragen, das war auch den Autoren wichtig zu sagen. Aber bis heute scheinen Pokerrunden in Hotels nichts Besonderes zu sein für Profis. Schnitzler sagte: „Es ist doch klar, dass man nach dem Training nicht zu Hause vor dem Fernseher sitzt und Salat isst, wenn man als junger Mensch Profi wird und in eine Großstadt kommt. Man will raus, was erleben.“

Junge Spieler müssten von den Vereinen und den Beratern an die Hand genommen und für den fließenden Übergang von Spiellust zu Spielsucht sensibilisiert werden, forderte Schnitzler. „Ich glaube schon, dass die junge Generation um Mario Götze inzwischen auch entsprechend besser beraten wird“, sagte er.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel
Umfrage

Muss das Relegationsspiel wiederholt werden?

2322 Stimmen wurden abgegeben.

57%
Ja, weil den Fans endlich die Folgen ihres Verhaltens aufgezeigt werden muss
43%
Nein, weil die Tatsachenentscheidung Bestand haben muss
Die Umfrage ist geschlossen. Alle Umfragen
Fußball
 Bundesliga 
 2. Bundesliga 
  Verein Sp Diff Pkt.  
1.  Logo: Borussia Dortmund
Borussia Dortmund   34  55   81 Gleichheit zur Vorwoche
2.  Logo: Bayern München
Bayern München   34  55   73 Gleichheit zur Vorwoche
3.  Logo: FC Schalke 04
FC Schalke 04   34  30   64 Gleichheit zur Vorwoche
4.  Logo: Bor. Mönchengladbach
Bor. Mönchengladbach   34  25   60 Gleichheit zur Vorwoche
5.  Logo: Bayer Leverkusen
Bayer Leverkusen   34  8   54 Gleichheit zur Vorwoche
6.  Logo: VfB Stuttgart
VfB Stuttgart   34  17   53 Gleichheit zur Vorwoche
7.  Logo: Hannover 96
Hannover 96   34  -4   48 Gleichheit zur Vorwoche
8.  Logo: VfL Wolfsburg
VfL Wolfsburg   34  -13   44 Gleichheit zur Vorwoche
9.  Logo: Werder Bremen
Werder Bremen   34  -9   42 Gleichheit zur Vorwoche
10.  Logo: 1. FC Nürnberg
1. FC Nürnberg   34  -11   42 Gleichheit zur Vorwoche
11.  Logo: 1899 Hoffenheim
1899 Hoffenheim   34  -6   41 Gleichheit zur Vorwoche
12.  Logo: SC Freiburg
SC Freiburg   34  -16   40 Gleichheit zur Vorwoche
13.  Logo: FSV Mainz 05
FSV Mainz 05   34  -4   39 Gleichheit zur Vorwoche
14.  Logo: FC Augsburg
FC Augsburg   34  -13   38 Verbesserung zur Vorwoche
15.  Logo: Hamburger SV
Hamburger SV   34  -22   36 Verschlechterung zur Vorwoche
16.  Logo: Hertha BSC
Hertha BSC   34  -26   31 Verbesserung zur Vorwoche
17.  Logo: 1. FC Köln
1. FC Köln   34  -36   30 Verschlechterung zur Vorwoche
18.  Logo: 1. FC Kaiserslautern
1. FC Kaiserslautern   34  -30   23 Gleichheit zur Vorwoche
Ergebnisse, Tabellen und Statistik