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René Adler Von innen nach außen

René Adler hat ein Jahr hinter sich, wie er noch keines erlebt hat. Der Torwart des Hamburger SV entdeckte den Profifußball neu - und manchmal sogar sich selbst. Nun fühlt er sich gewappnet für 2013.

© dpa Vergrößern Wieder auf der Sonnenseite des Fußballs: HSV-Torwart René Adler

Eine Begegnung mit René Adler ist vor allem deshalb für Fußballverhältnisse ungewöhnlich, weil der Torwart des Hamburger SV im Gespräch mehr von sich gibt als Phrasen. Weil er zuhört und auch mal Gegenfragen stellt.

Weil er sich darauf einlässt, ein wundersames Jahr zu resümieren, das am 21. Februar mit dem ersten Training nach quälend langer Reha im Anschluss an seine Patellasehnenverletzung in Leverkusen beginnt, sich über das Debüt im Trikot des Hamburger SV am 6. Juli in Rosenheim zieht - und seinen Höhepunkt findet, als ihn Andreas Köpke am 9. November anruft. Der Bundestorwarttrainer lädt Adler zur Nationalmannschaft ein. „Diese Rückkehr war wie ein Märchen“, sagt Adler.

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Er trägt keine neonfarbenen Sneakers, sondern knöchelhohe Wildlederschuhe in Hellbraun. Keine zerrissene Hose, sondern eine schlichte, dunkelblaue Jeans. Kein T-Shirt mit Totenköpfen oder nackten Frauen, sondern ein rotes Holzfällerhemd. Keine Tätowierungen. So sieht er eher aus wie ein freundlicher Grundschul-Lehrer, erst recht, wenn er seine großrahmige schwarze Brille aufsetzt. Sein Understatement in Sachen Kleidung ist auch eine bewusste Abgrenzung von den Moden der Kollegen. Das Schrille, Bunte, Laute ist nicht so seine Sache, das Outfit signalisiert: Ich bin ganz normal.

Als Extravaganz leistet sich Adler einen alten Porsche. Dem 27 Jahre alten Torwart scheint es zu genügen, auf dem Spielfeld durch außergewöhnliche Taten aufzufallen: In wenigstens sechs der 17 Hamburger Vorrundenspiele war es im Grunde allein ihm zu verdanken, dass der HSV nicht verlor. Seit Mitte November ist die ganze Mannschaft eingespielter, stabiler geworden, so dass Adler zwangsläufig nicht mehr so oft im Brennpunkt steht.

Wiedersehen unter Freunden: Adler (links) und Leverkusens Stefan Kießling © REUTERS Vergrößern Wiedersehen unter Freunden: Adler (links) und Leverkusens Stefan Kießling

Bemerkt hat er in seinem halben Hamburger Jahr indes schon, wie schnell hier alle zufrieden sind. Das 0:3 zuletzt bei seinem alten Klub in Leverkusen hat ihn geärgert. „Wir gehen jetzt mit diesem schlechten Ergebnis in die Pause. Das ist ein total unbefriedigender Jahresabschluss.“ Trainer Thorsten Fink und Sportchef Frank Arnesen schätzen Adler wegen seiner Bulletins in diesem Duktus. Adler will mehr als Mittelmaß. Mit ihm hat ein neuer Ehrgeiz Einzug gehalten.

Ohne groß darüber zu reden, ist Adler vom ersten Trainingstag Ende Juni an zum Führungsspieler geworden. Und das, obwohl eine gehörige Portion Skepsis im HSV-Umfeld mitschwang, als Arnesen ihn verpflichtete. Zweifel, ob der dauerverletzte Adler denn wieder richtig austrainiert sei. Zweifel, die indes nach den ersten Trainingseinheiten verflogen. Schon im Juli beim sogenannten Überlebenscamp in Schweden waren er und Kapitän Heiko Westermann die Chefs. Zusammen mit Rafael van der Vaart haben die Hamburger nun wieder drei Profis, die sich im Team Respekt und Gehör verschafft haben.

„Man kann noch viel mehr aus dem Fußball herausholen“

Im Gespräch wirkt Adler aufmerksam, nachdenklich und vergleichsweise offen - wenn er etwa erzählt, dass er an Abenden vor dem Spiel handschriftlich in ein Büchlein notiert, worauf zu achten sei: Wie muss er seine Verteidiger stellen, wer reagiert am besten auf welche Ansprache, wo ist sein optimaler Platz im Tor, solche Dinge. Das gebe ihm Sicherheit.

Er sagt: „Ich glaube ganz allgemein, dass wir uns alle noch zu wenig mit unserem Spiel beschäftigen. Was die ganze Vorbereitung angeht, die mentale Vorbereitung eines jeden Einzelnen, kann man noch viel mehr aus dem Fußball herausholen.“ Gespräche mit dem befreundeten Golfprofi Martin Kaymer haben ihn davon überzeugt, auch die Lektüre des Buches von Tennis-Heros Rafael Nadal hat ihn auf diese Fährte gebracht. „Hockey, Handball, Basketball - ich glaube, fast überall wird mehr über Spielzüge nachgedacht als im Fußball.“

Zum Testspiel in den Niederlanden wurde Adler im November wieder eingeladen © dapd Vergrößern Zum Testspiel in den Niederlanden wurde Adler im November wieder eingeladen

Ein bisschen mag die Nachdenklichkeit und Andersartigkeit Pose sein. Gern ist Adler jüngst an vielen Stellen losgeworden, dass er sich für moderne Kunst interessiere und 2013 beginnen werde, BWL zu studieren - und zwar an einer „richtigen“ Universität, nicht per Fernstudium. Mit Kontakt zu normalen Menschen also. Aber womöglich ist das auch nur die Absicherung eines Profis, der erfahren hat, wie schnell alles zu Ende sein kann.

Als er vor der WM 2010 wegen seines Rippenbruchs ausfiel, schien die Lage des Landes aussichtslos. Dass dann ein gewisser Manuel Neuer kam und Adlers Stelle ganz selbstverständlich ausfüllte, hat ihn so geschmerzt wie die Tatsache, dass erst in Leverkusen Bernd Leno und dann beim DFB Ron-Robert Zieler und Marc-André Ter Stegen vorbeizogen. Er sagt: „Ich wurde einfach nicht mehr gebraucht. Das war hart.“ Doch die gefährlichste Zeit hat Adler in den Jahren seines Aufstiegs 2008 und 2009 durchlitten.

„Ich musste aufpassen, nicht in eine Depression zu verfallen“

Das hat er in einem bemerkenswerten Interview mit dem „Stern“ detailliert beschrieben. Erschienen ist es just zu dem Zeitpunkt, als Adler wieder im Deutschland-Trikot trainierte, kurz vor dem Spiel in Amsterdam gegen die Niederlande: „Es hat mir Angst gemacht, dass ich einen ähnlichen Weg wie Robert Enke einschlagen könnte. Wir beide haben gefühlt, dass wir sehr ähnlich sind. Ich hatte mir zu viel Druck gemacht“, sagte Adler. „Ich musste aufpassen, nicht in eine Depression zu verfallen. Der Körper sucht sich dann ein Ventil. Bei mir waren es die vielen Verletzungen.“

Erstaunlich, aber gleichzeitig souverän wirkte das, wie da einer von seinen Ängsten spricht. Im kleineren Kreis hat Adler noch öfter sein Inneres nach außen gekehrt. Aufdringlich wirkte das nicht. Es klang eher wie eine nachvollziehbare Erklärung, dass da einer nach tiefem Fall wieder so vehement aufsteigt. Ein Detail des Comebacks, das man so oder ähnlich von vielen Spitzensportlern hört, klang so: „Ich habe das Verbissene und Krampfhafte zurückgeschraubt. Ich gehe inzwischen lieber in die Sauna als noch einmal in den Kraftraum. Ich mache mir nicht mehr so viel Druck.“ Ganz gelassen und dabei vollkommen leistungsfähig - mit einer Mischung dieser Eigenschaften fühlt sich René Adler gewappnet für das Fußballjahr 2013.

© AFP, afp Vergrößern Fußball-Nationalteam: Adler nominiert

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 28.12.2012, 08:55 Uhr

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