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Rehhagel in Berlin Existenzkampf in der Wagenburg

21.02.2012 ·  Otto Rehhagel gibt bei Hertha BSC am ersten Trainingstag neue Spielregeln vor. Trainer und Spieler sollen nicht reden, sondern siegen. Dafür dürfen beim ersten Training von Rehhagel die Fans Interviews geben.

Von Matthias Wolf, Berlin
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© dapd Eine Mütze braucht Otto Rehhagel nicht: Der neue Trainer in Berlin mit Assistent Rene Tretschok

Der Ausgang vom Trainingsplatz wurde zum Nadelöhr. Journalisten hofften auf ein Interview, Fans auf ein Foto mit dem Altmeister. Doch der blieb nicht stehen, bahnte sich, umgeben von Sicherheitskräften, seinen Weg. Otto Rehhagel genoss den Augenblick, keine Frage. Aber er schwieg.

Dass es so kommen würde, war klar: Unter den rund fünfzig Reportern beim ersten Training des abstiegsbedrohten Bundesligaklubs waren die neuen Medien-Richtlinien das Thema: „König Otto“ gewährt nur noch in den obligatorischen Pressekonferenzen vor und nach dem Spiel und am Tag nach einer Partie Audienz. Die täglichen Trainergespräche sind Vergangenheit bei Hertha.

„Nö“, sagte Hertha-Medienchef Peter Bohmbach tapfer, das erschwere ihm nicht die Arbeit, vielmehr lebe der Trainer nur vor, was beim Klub angesagt sei: die Fokussierung auf das Ziel Klassenverbleib. Um 8.15 Uhr hatte Rehhagel diese Maxime den Mitarbeitern der Geschäftsstelle vermittelt. Danach den Spielern.

Die „Ottokratie“ hat begonnen. Das war schon den ersten Wortmeldungen der Spieler zu entnehmen. Auch für sie hat sich einiges geändert. Es dürfen nur noch zwei Profis nach dem Training sprechen – diese beiden bestimmt die Presseabteilung, in Absprache mit dem Chef.

Hertha BSC Berlin: Rehhagel im Schnee

In Berlin errichten sie im Existenzkampf eine Wagenburg. Rund um den Feldherrn, der in entsprechender Pose bei dichtem Schneetreiben sein erstes Training leitete. Konzentriert blickend, mit Gesten, die man von ihm kennt. Ab und an im Gespräch mit seinen Assistenten, René Tretschok und Ante Covic, unterbrach er nach vierzig Minuten und bat die Spieler zu einer kurzen Ansprache.

Das erste Training war unspektakulär: alte Schule. Runden laufen, Aufwärmen der Rumpfmuskulatur – und Spielchen. Eine Stunde, dann war es schon wieder vorbei. „Ihm ist aufgefallen, dass wir ganz gut kombiniert haben“, sagte Mittelfeldmann Peter Niemeyer, der sich daran erfreute, dass gleich ein Dutzend Kameras aufgebaut war, aber mit einem Mann im Fokus: „Das ist ja das Schöne, dass nicht alle auf uns gucken, sondern auf den Trainer.“

Auch Niemeyer gab sich zurückhaltend. Während Manager Michael Preetz meinte, Rehhagels Dienstantritt sei „schon emotional“ gewesen, wollte Niemeyer nicht einmal die Stimmungslage bei dessen halbstündiger Kabinenrede preisgeben: „Wir sollten jetzt versuchen, die Sachen, die gesprochen worden sind, in der Kabine zu behalten.“ Niemeyer verriet noch: „Er sagt auch, er wird keine Tore schießen. Das müssen wir machen.“

Es hat nicht lange gedauert, bis die Spieler den neuen Alten verstanden haben. Der 73-jährige Rehhagel versprühte jene Leidenschaft und Arbeitswut, die Vorgänger Michael Skibbe nach Ansicht vieler Beobachter vermissen ließ. Der mittlerweile Beurlaubte kam manchmal erst nach den Spielern zum Dienst.

Auch ein Zwischenfall wie unter Skibbe, dessen Kabinenkonflikt mit Christian Lell in einer Zeitung wörtlich nachzulesen war, was die Autorität des Coaches früh erschütterte, ist unter Rehhagel wohl undenkbar. Auch mehr als elf Jahre nach seinem letzten Bundesligaengagement genießt Rehhagel noch enormen Respekt. „Wenn ein Otto Rehhagel den Raum betritt, füllt er den Raum“, sagte Niemeyer, aber man müsse vor ihm keine Angst haben: „Er hat immer den Schalk im Nacken.“

Selbstverständlich hat Rehhagel vor seinem 821. Bundesligaspiel als Trainer, der richtungweisenden Partie beim Mitkonkurrenten FC Augsburg, das Hauptmanko erkannt: Nur ein Hertha-Treffer gelang bisher im Jahr 2012. Seit elf Ligaspielen sind die Blau-Weißen ohne Sieg.

„Eine schwierige Situation“ nennt Rehhagel das. Doch diese Aufgabe zu lösen, trauen ihm alle zu. Torhüter Thomas Kraft sagte stellvertretend für die Spieler, Rehhagel könne „mit seiner unglaublichen Ausstrahlung, seiner Erfahrung und immensen Persönlichkeit einiges bewirken“.

Und auch die Fans sind optimistisch. Zwar sind keine 2000 gekommen wie einst bei Hans Meyer, aber immerhin sechzig waren zur ersten Übungsstunde da – und fast jeder durfte ein Fernsehinterview geben. Einer sagte: „Otto wird mit Hertha das schaffen, was er mit Griechenland erreicht hat.“

Eine Karriere in Bildern: „König“ Otto

Europameister müssen sie gar nicht werden, ihnen reicht schon der Ligaverbleib. Wie es dann weitergeht, müssen Preetz und Präsident Werner Gegenbauer klären – womöglich doch weiter mit Rehhagel an ihrer Seite, der sich eine Rolle als sportlicher Berater vorstellen könne, „wenn man mich um Hilfe bittet“. Gegenbauer formulierte es so: „Es liegt jetzt an uns, seine Erfahrung auch in Zukunft für Hertha BSC zu nutzen.“

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