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Reaktionen auf die Kartellamtsentscheidung Untergang am Samstag um 15.30 Uhr

 ·  „Ein Schlag ins Kontor“, „Ungeheuerlichkeit“, „beinahe Nötigung“ - die Vereinsvorstände der Bundesligaklubs kannten die Entscheidung des Kartellamts gegen die Vermarktungspläne der Deutschen Fußball Liga bereits seit gestern Abend und reagieren heftig - mit einer Ausnahme.

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Die Verantwortlichen der Deutschen Fußball Liga (DFL) gingen Donnerstagnachmittag in Frankfurt in Klausur. Ein einziges Thema bewegte die Fußballfunktionäre: Es war nach ihrer Meinung ein Schock, was sie da vom Bundeskartellamt in Bonn am Mittag zu vernehmen hatten.

„Das könnte den deutschen Profi-Fußball um Jahre zurückwerfen“, sagte Liga-Verbandspräsident Reinhard Rauball. Keine andere Liga in Europa werde von staatlichen Behörden derart in ihren Vermarktungsmöglichkeiten beschränkt, in keinem anderen Land werde derart in den Wettbewerb eingegriffen, klagte er.

Die Funktionäre hätten sich längst einstellen können

In dieselbe Kerbe schlug der Vorstandsvorsitzende des deutschen Rekordmeisters FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, darüber hinaus Vorstandsmitglied der DFL: „Das ist ein ganz schöner Hammer und schlägt ins Kontor. Die Hürden für den deutschen Fußball werden immer höher gelegt. Es wird immer schwieriger, international wettbewerbsfähig zu sein“, sagte der Münchner. Die Meinungsäußerungen waren an Dramatik kaum zu überbieten - so ergab sich ein Bild, als stehe der Untergang des deutschen Vereinsfußballs kurz bevor.

Dabei konnten sich die verantwortlichen Funktionäre schon seit geraumer Zeit darauf einstellen, dass die Kartellwächter ihr neues Vermarktungsmodell ablehnen würden, mit dem die Bundesliga auf einen Geldsegen gehofft hatte. Immer wieder gab es Signale aus Bonn, die zuletzt von der DFL-Zentrale in Frankfurt mit polemischer Schärfe kommentiert worden waren.

Derzeit zahlt Premiere 220 Millionen Euro im Jahr

„Wir sind auf dem besten Weg, den Standort Deutschland für den Profifußball massiv zu gefährden“, hieß es noch in der vergangenen Woche. Nachdem das Bundeskartellamt also nach eingehender Prüfung bekannt gab, der Liga keine Genehmigung dafür zu erteilen, in Zukunft die Zusammenfassungen der Bundesligaspiele im frei empfangbaren Fernsehen am vorgesehenen Hauptspieltag Samstag auf eine Zeit nach 22 Uhr zu verschieben, ist die angestrebte größere Exklusivität für das Abonnentenfernsehen dahin.

Nach Meinung der Bundesbehörde genügt eine Berichterstattung im „Free-TV“ zum Spättermin nicht den kartellrechtlichen Anforderungen. Diese Variante wurde lange von der Liga und ihrem Partner Sirius verfolgt, damit der Pay-TV-Sender Premiere als Erstverwerter für Live-Spiele zukünftig mehr bezahlt, derzeit sind es 220 Millionen Euro im Jahr.

Seitenhiebe auf aufgeregte Funktionäre

Insgesamt hatte die Agentur aus der Unternehmensgruppe von Leo Kirch als Vermarktungspartner der Bundesliga von 2009 an für sechs Spielzeiten drei Milliarden Euro an Fernseh-Einnahmen garantiert. Nun stehen das alles in Frage. Von einer „Ungeheuerlichkeit“ sprach der Geschäftsführer von Werder Bremen, Manfred Müller, die Vorgabe vom Kartellamt komme „beinahe einer Nötigung“ gleich.

Auf Seiten der Kartellwächter blieb man in Bonn sehr gelassen und dröselte den Fall mit professioneller Nüchternheit auf. Doch auch den einen oder anderen Seitenhieb gegen die aufgeregten Fußballfunktionäre, die zuletzt offensiv bei Berliner Politikern Lobbyarbeit betrieben hatten, gab es. „In den vergangenen Tagen ist über die Zukunft der Fußballvermarktung in Deutschland viel gesagt und geschrieben worden“, führte der Kartellamtspräsident Bernhard Heitzer aus.

„Wo ist das Problem?“

„Die Bundesliga sei in 'höchster Gefahr‘, die 'Existenz der zweiten Liga bedroht‘, 'das Bundeskartellamt gefährde die Wettbewerbsfähigkeit der Nationalmannschaft‘. Die deutschen Vereine seien nicht in der Lage, die gleichen Millionengehälter zu zahlen wie zum Beispiel ihre englischen Gegner. Dies kann keine Rechtfertigung für Monopolgewinne auf Kosten der Verbraucher sein“, sagte der oberste Kartellwächter.

Zudem glaube er nicht, so Heitzer, dass jemals die Möglichkeiten von Vereinen erreicht werden könnten, die vom Vermögen eines Milliardärs wie einem Abramowitsch (FC Chelsea) profitierten - wie auch immer das deutsche Vermarktungsmodell mit einer zentralen oder dezentralen Fernsehvermarktung aussähe. Dazu passte eine überraschend unaufgeregte Einschätzung aus der Fußballecke: „Wo ist das Problem? Wenn wir weniger Einnahmen haben, geben wir eben weniger aus“, sagte Heribert Bruchhagen, Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt und Vorstandsmitglied der DFL.

Für die Liga wird die Zeit knapp

Die Zeit für die Liga wird jetzt knapp, ihre Vermarktungsstrategie - mit oder ohne Kirch - für die Zeit von 2009 an zu ordnen. So wird wohl eher alles beim Alten bleiben, als dass neue überraschende Vertriebspakete geschnürt werden. Über die fünf für den Samstag vorgesehenen Spiele wird wahrscheinlich weiterhin die gebührenfinanzierte ARD-„Sportschau“ zusammenfassend berichten, die beim bevorstehenden Rechteerwerb einen erheblichen Vorteil gegenüber Privatsendern hat. Sicher ein Haken in der Wettbewerbsbetrachtung, für den das Bundeskartellamt sich aber nicht zuständig sieht. Da half den Fußballfunktionären am Ende auch nicht, dass sich Heitzer als einen „sportinteressierten Kartellamtspräsidenten“ bezeichnete.

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24.07.2008, 17:46 Uhr

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