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Raúl Geld oder Liebe?

19.12.2011 ·  Schalke will den Vertrag mit Raúl verlängern, und auch er scheint bleiben zu wollen. Eine Vertragsverlängerung ist dennoch keine Formsache.

Von Richard Leipold, Gelsenkirchen
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© dapd Die Liebe zu Schalke scheint echt - reicht sie auch für einen Vebrleib von Raúl?

Beliebt ist Raúl „auf“ Schalke schon länger. Aber nach seinem Auftritt gegen Werder Bremen ist der Grad der Zuneigung noch ein Stück größer geworden. Zum zweiten Mal, seit er für den Revierklub kickt, erklomm der spanische Stürmerstar nach dem Schlusspfiff ein Podest vor der Nordkurve, um den Fans ganz nahe zu sein. Die Erstbesteigung hatte im April stattgefunden, nach dem Triumph in der Champions League gegen Inter Mailand.

Bei solchen Gelegenheiten ist es von Vorteil, ein guter Sänger zu sein; dieses Talent wird Raúl nicht nachgesagt, aber das macht nichts. Sein bloßes Erscheinen, seine Worte, vor allem aber seine Taten, seine Tore machen ihn zu jedermanns Liebling auf dem königsblauen Fußballplaneten. Raúl versteht es, das Gefühl zu vermitteln, es komme von Herzen, wenn er sich in den Dienst des wahren, schönen und guten Fußballs stellt; wenn er läuft und läuft und trifft und trifft.

Beim 5:0 über Werder Bremen ist ihm das besonders überzeugend gelungen. Mit drei Toren (16./20./63. Minute) brachte Raúl die ohnehin nicht besonders ausgeprägten Widerstandskräfte des Gegners vollends zum Erlahmen, ehe Kyriakos Papadopoulos (67.) und Klaas-Jan Huntelaar (70.) Werder noch zur Karikatur einer Spitzenmannschaft machten. Schalke genoss an diesem Abend die Gunst des Augenblicks, der sich mit anderen glücklichen Momenten zu einer erstaunlich erfolgreichen Halbjahresbilanz summiert hat.

Am Ende der Hinrunde stehen die Königsblauen nur um drei Punkte schlechter da als Tabellenführer Bayern München, gleichauf mit Titelverteidiger Borussia Dortmund, dem Erzrivalen, der nur dank der besseren Tordifferenz Zweiter ist. Der Vorsprung vor dem Fünften Bremen ist auf fünf Punkte gewachsen - beste Aussichten also für Schalke, sich für die Champions League zu qualifizieren.

Berauscht von einem emotionalen, aber auch spielerischen Hoch (oft gewinnt Schalke seine Spiele ja eher unscheinbar), erzeugten die Menschen an der Basis gemeinsam mit dem berühmtesten Profi der Mannschaft den Eindruck, unzertrennlich zu sein - und es noch eine Weile bleiben zu wollen. Nach seinem dritten Tor hatte Raúl demonstrativ auf das Vereinsemblem gedeutet, das auf Höhe der linken Brust das Trikot ziert.

Als wollte er damit ausdrücken: Ich spiele von Herzen gerne für euch. Später, als er vom Zaun wieder runtergeklettert war, hat er eine ähnliche Botschaft in Worte gekleidet. „Ich bin glücklich und würde gerne bleiben. Ich genieße es, hier Fußball zu spielen, und hoffe, dass es weiter geht.“ Raúl und sein Kompagnon Huntelaar, der zum fünfzehnten Mal traf, haben im ersten Bundesliga-Halbjahr 25 Tore erzielt; ein Wert, den nur das Münchner Duo Gomez und Ribéry (fast) erreicht.

Ob Zahlen oder Gefühle - es gibt Gründe, die Zusammenarbeit über das Saisonende hinaus fortzusetzen. Aber wie lange und zu welchen Konditionen? Diese Fragen beschäftigen und bewegen nicht nur die Fans, sondern vor allem Horst Heldt, den Sportdirektor des FC Schalke. „Wir wollen mit Raúl verlängern“, sagt er. Aber er sagt nicht, was der Klub dafür aufzuwenden bereit ist. Der Manager wägt ab und hält sich bedeckt.

Einerseits sprechen das aktuelle Leistungsvermögen und die hohe Akzeptanz für den Verbleib des Spaniers, andererseits dürfte der Aufwand, der dafür nötig wäre, sehr hoch sein. Dem Vernehmen nach bezieht Raúl derzeit ein Jahresgehalt von etwa sieben Millionen Euro, zwei Millionen davon steuert - bis Juni 2012 - sein vorheriger Arbeitgeber Real Madrid bei. Im Spätherbst seiner Karriere könnte Raúl es sich leisten, auf die eine oder andere Million zu verzichten, weil es in Schalke sportlich spannender und in seinem Wohnort Düsseldorf gemütlicher ist als etwa in Qatar. Aber ist er auch bereit dazu?

Heldt, früher selbst Profi, zeigt sich skeptisch. „Ich kenne keinen Spieler, der auf Geld verzichtet hat. Ich habe ja auch nicht verzichtet.“ Sicher ist vorerst nur eins: Das Management hat mit Raúl vereinbart, im Januar ein Gespräch zu führen. Der Termin stehe bereits fest, sagt Held. Es gehe darum zu erfahren, wie Raúl sich seine Zukunft vorstellt.

Erst dann könne der Verein beurteilen, ob es sinnvoll sei zu verlängern. Neben dem Gehalt dürfte die Laufzeit ein wesentlicher Punkt sein. Angeblich strebt Raúl einen Kontrakt über zwei Jahre an. Damit könnte sich Schalke schwer anfreunden bei einem derart teuren Spieler, der am Vertragsende fast 37 Jahre alt wäre. Das Werben der Schalker, soweit man davon sprechen kann, klingt verhalten, es scheint unter dem Rubrum „Ja, aber“ zu stehen. Von sportlichen und wirtschaftlichen Parametern, die in der Zukunft liegen, will Heldt die Entscheidung nicht abhängig machen; etwa von der Frage, ob der Klub sich für die Champions League qualifiziert.

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Der Wiedereinstieg in die europäische „Königsklasse“ erweiterte zwar den finanziellen Rahmen, doch der Manager betrachtet eine mögliche Verlängerung als „grundsätzliche Frage“, die nicht von Tabellenplätzen oder Wettbewerben abhänge. „Ich glaube nicht, dass Raúl sich in der Europa League langweilt.“ Obwohl die Interessenlage schwierig erscheint, rechnet Heldt damit, dass der Grundsatzentscheid rasch fällt, vermutlich noch im Januar.

Ähnlich äußert sich Raúl. So oder so wird der Señor, wie sie ihn respektvoll nennen, Abstriche machen müssen, wenn er bleiben will. Deshalb setzt die Klubspitze ihre vage Hoffnung auf einen weichen Faktor, der finanzielle Interessen überlagern könnte. Raúl gilt als Familienmensch und hat schon öfter betont, wie wohl Frau und Kinder sich in Düsseldorf fühlen. Familie oder Finanzen, Wüste oder Westfalen, Oper oder Operette - angesichts solcher Wahlmöglichkeiten könnte Raúls Zukunft auf das Motto einer früheren Fernseh-Show hinauslaufen: Geld oder Liebe?

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