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Veröffentlicht: 22.12.2014, 17:04 Uhr

Bayern München Der unfassbare Pep Guardiola

4-2-3-1, 4-4-2 oder 3-3-3-1? Für Pep Guardiola sind diese Zahlenketten „nur Telefonnummern“. Der Münchner Trainer ist den alten Systemfragen und dem üblichen Denken der Liga einen Schritt voraus. Er hat den FC Bayern verändert.

von , München
© AFP Pep Guardiola gibt den Bayern ein strahlendes Gefühl der Größe

Vor einer Woche war Pep Guardiola einmal gar nicht zufrieden. Es war Samstag, Viertel nach vier, Pausenzeit in der Bundesliga. In Augsburg stand es 0:0, die Bayern hatten nicht schlecht gespielt, aber es fehlte die letzte Entschlossenheit. Trainer greifen in solchen Momenten zu etwas, was man in Amerika „pep talk“ nennt. Es hieß schon so, bevor es Guardiola gab. Die aufrüttelnde Kabinenansprache, der Appell an den Willen einer Mannschaft.

Christian Eichler Folgen:

Bevor er sprach, lauschte Guardiola. Er hörte, wie die Spieler sich selbst anstachelten und motivierten. Er spürte: Sie brauchten gar keinen Pep-Talk. So betonte Guardiola sanft nur das Positive. „Ich sagte den Spielern, dass sie ein tolles Spiel gemacht haben.“ Nach der Pause machten sie es wirklich. Und gewannen 4:0.

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„Das perfekte Spiel ist auch immer abhängig von den äußeren Bedingungen“, sagt Guardiola. So viel Nachsicht scheint gar nicht zu passen zu dem besessenen Perfektionisten, als der er gilt. Zu dem Mann, der nach dem 7:1-Sieg in Rom „die zwanzig schlechten Minuten nach der Pause“ bemängelte. Der zwei, drei Tage vor einem Spiel in einen Zustand des detailversessenen, weltvergessenen Grübelns versinkt.

Und doch gehört beides zusammen. Guardiola mag ein Fußballvisionär sein, mindestens ebenso ist er ein Menschenkenner. Also: Phantast und Realist zugleich. Er hat das vollkommene Spiel vor Augen, aber auch die Unvollkommenheit der Spieler. Und müht sich vor jedem Spiel darum, beides in seinem Kopf zusammenzubringen.

Ein großer Pragmatiker des Fußballs

Den jeweils nächsten Gegner studiert Guardiola in Videos mit Weitwinkelansicht des ganzen Spielfelds. Sie zeigt ihm die Räume, die sich seinem Team bieten werden. Dann vertieft er sich Stunden und Tage in die Frage, mit welchen Spielern, welchem System, welchem Rezept er diese Räume finden wird. Am Ende liefert er dem Team „wie kein anderer Analysen und Lösungen“, so Bastian Schweinsteiger.

In Barcelona stand Guardiola im Ruf, ein Dogmatiker des Fußballs zu sein. In München ist er etwas anderes: ein großer Pragmatiker des Fußballs. Während in Deutschland in den letzten Jahren die drei- bis vierstelligen Ziffernfolgen zur Skizzierung der Spielsysteme bis in Fankurven und VIP-Logen vordrangen, in die Diskussionen über Dreierkette, Raute oder falsche Neun, sind all die Zahlenketten für Guardiola „nur Telefonnummern“.

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Das Fachblatt „Kicker“ listete allein in den ersten 21 Saisonspielen elf verschiedene Bayern-Systeme auf, von gängigen Zahlenfolgen wie 4-2-3-1 oder 4-4-2 bis zu exotischeren Varianten wie 3-3-3-1 oder 4-2-2-2. Und fragte, ob das nun „Wirrwarr oder Wunderwerk“ sei. Bis zum letzten Spiel des Jahres, dem glücklichen 2:1-Sieg in Mainz am vergangenen Freitag, der mit 45 Punkten neuen Hinrundenrekord bedeutete, hat Guardiola die Bayern nie länger als zwei Partien nacheinander mit demselben System spielen lassen - und es oft schon während einer Partie mit wilden Gesten mehrfach geändert.

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