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Otto Rehhagel Alt, aber sexy

19.02.2012 ·  Ein fast unglaubliches Comeback: Der 73 Jahre alte Otto Rehhagel kommt nach Berlin und soll die Hertha vor dem Absturz retten. Genial oder katastrophal - das ist die große Frage beim Hauptstadt-Experiment.

Von Michael Horeni, Berlin
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© dpa Er ist wieder da: Otto Rehhagel wurde am Sonntag in Berlin als neuer Trainer vorgestellt

Auf dem Weg ins Berliner Olympiastadion hatte die Fans von Hertha BSC und Borussia Dortmund zwischen Currywurst-Bude und Bierstand das Fußballduell des Tages ausnahmsweise nicht so gefesselt, wie das sonst üblich ist.

Die Anhänger, ob nun vom Berliner Abstiegskandidaten oder dem Tabellenführer, diskutierten vor und nach dem Dortmunder 1:0-Sieg viel lieber ganz interessiert, fasziniert, aber auch ein bisschen irritiert das große deutsche Fußballthema des Jahres: die schier unglaubliche Rückkehr des Ruhrpottkindes Otto Rehhagel in die Bundesliga.

Am Vormittag hatten sich die Erwartungen, die in der Nacht zum Samstag in Berlin aufgekommen waren, schließlich zur Gewissheit verdichtet. Der 73 Jahre alte Rehhagel wird sich tatsächlich der Aufgabe stellen, Hertha BSC Berlin vor dem abermaligen Absturz in die zweite Liga zu bewahren.

Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt am Sonntag nahm er die Spieler in die Pflicht. „Wenn einer die Regeln nicht beachtet, muss er das vorher sagen. Alle müssen ihr Ego in den Hintergrund stellen. Tag und Nacht müssen die Spieler an die nächsten Spiele denken. Dazu gehört, dass man auch außerhalb die Dinge an die Seite stellt.“

Am nächsten Samstag (15.30 Uhr / Live im F.A.Z.-Ticker) wird er das Team im Abstiegsduell der Aufsteiger beim FC Augsburg erstmals anführen. „Otto Rehhagel hat uns seine Zusage gegeben, uns in dieser Situation zu helfen“, sagte Hertha-Manager Michael Preetz gegenüber dem Fernsehsender Sky. „Ich bin überzeugt, dass es die richtige Maßnahme ist.“

Wie Udo Latteks Rückkehr vor zehn Jahren

Rehhagels neue Mission ist dabei nicht weniger als das spektakulärste und überraschendste Comeback, der an Kapriolen nicht gerade armen Bundesliga in den vergangenen Jahren, vergleichbar vielleicht nur mit der Rückkehr Udo Latteks aus dem Trainer-Ruhestand vor rund zehn Jahren in Dortmund.

Der Wiedereinstieg von Rehhagel in Berlin hat die Hertha jedenfalls schlagartig im ganzen Fußball-Land wieder ins Gespräch gebracht. Es ist, als würde der Hauptstadtklub den berühmten Berlin-Slogan des Regierenden Bürgermeisters Wowereits nun mit der neuen sportlichen Lösung Rehhagel auf seine Weise mit neuem Leben füllen: alt, aber sexy.

Eine Karriere in Bildern: „König“ Otto

Wenn Rehhagel in den vergangenen Jahren auf Hertha BSC zu sprechen kam, dann war da mitunter immer ein Hauch von Wehmut und unerfüllten Wünschen zu spüren. Er habe diesen Klub eigentlich immer einmal trainieren wollen, sagte Rehhagel, der mit der überraschenden Zusage nach Gesprächen mit Manager Preetz und Präsident Werner Gegenbauer wohl auch einem sentimentalen Zug nachgab.

Als das „Kind der Bundesliga“, wie sich Rehhagel selbst gerne nennt, erstmals nach seinen ersten Profijahren bei Rot-Weiss Essen aus dem Ruhrpott rauskam, verschlug es ihn von 1963 bis 1966 zur Hertha, fast ein halbes Jahrhundert später schließt sich damit für einen der erfolgreichsten und eigenwilligsten deutschen Trainer auch ein ganz persönlicher Kreis.

Persönliches und einmaliges Meisterstück mit dem FCK

Sein sportliches Lebenswerk schuf Rehhagel von 1981 bis 1995 bei Werder Bremen. Seine Arbeit brachte dem Klub nicht nur Meisterschaften, Pokalsiege und Europapokalerfolge, sie wurden auch zur Basis einer nachhaltigen sportlichen und finanziellen Entwicklung, von der die Bremer noch heute zehren. Nach einer bitteren Erfahrung beim FC Bayern München schuf er kurz darauf beim 1. FC Kaiserslautern sein ganz persönliches und einmaliges Meisterstück, als er den Zweitligaklub erst in die Bundesliga zurückbrachte und in der Saison nach dem Aufstieg auf Anhieb die deutsche Meisterschaft holte.

Danach war an seinem Titel „König Otto“ nicht mehr zu rütteln, auch wenn er im Jahr 2000 in der Pfalz rausflog. Es blieb seine bisher letzte Station in der Bundesliga - aber nicht, wie man bis zu diesem Zeitpunkt nach 820 Bundesligaspielen als Trainer glaubte, sein Abschied vom deutschen Profifußball.

Eine mindestens ähnlich große und bis heute von keinem anderen Trainer wiederholte Überraschung gelang Rehhagel nach einem von der deutschen Fußballszene zunächst nur belächelten Wechsel an die Spitze der griechischen Nationalmannschaft. 2001 begann er dort sein Werk, das den Griechen 2004 den größten und letzten Triumph in Europa bescherte, den sensationellen Titelgewinn bei der Europameisterschaft 2004 in und gegen Portugal.

„Die Griechen haben die Demokratie erfunden, ich führe die demokratische Diktatur ein“, hatte Rehhagel damals gesagt. Diesem Fußball-Diktat fügten sich die Griechen lange nur zu gerne. Als sich der deutsche Trainer mit den eisernen Grundsätzen und die Griechen nach der Weltmeisterschaft in Südafrika 2010 schließlich nach fast zehn Jahren trennten, war aus ihm längst Rehakles geworden.

„Ich habe keine Sekunde daran gedacht, aufzuhören“

Er war fast 72 Jahre alt, als sein Engagement als Nationaltrainer endete, und dieser Abschied wurde weithin als endgültiger Abschied Rehhagels vom Trainergeschäft wahrgenommen. Aber der Sohn eines Bergmanns, der als gelernter Anstreicher aus dem Essener Stadtteil Altenessen seinen Weg in den Fußball fand, spürte in sich noch den Wunsch, sich mit dem Fußball weiter jung zu halten und seine Erfahrungen weiterzugeben, wenn sie denn gefragt sein sollten.

„Ich habe keine Sekunde daran gedacht, aufzuhören. Ich fühle mich fit. Ich kann mich aufregen. Ich mache nur eine kurze Pause. Ich will meine immense Erfahrung weitergeben. Wenn die einer braucht, stehe ich zur Verfügung“, sagte Rehhagel damals in der „Bild am Sonntag“.

Fußball-Bundesliga: Rehhagel soll die Hertha retten

Es sollte eineinhalb Jahre dauern, bis ein Klub auf die Stellenanzeige reagierte. Die Lage bei Hertha BSC war nach der Ruckzuck-Trennung von Michael Skibbe, dem hässlichen Abschied zuvor von Markus Babbel und dem Absturz ganz nahe an die Relegations- und Abstiegsränge verzweifelt genug, um sich auf das Abenteuer mit Rehhagel bis Saisonende einzulassen.

Am Freitagabend stimmte das Präsidium mehrheitlich dem Plan zu, es mit Rehhagel in den letzten zwölf Saisonspielen zu versuchen, nachdem zuvor Nachfolgekandidaten wie Balakow, Doll und Rangnick in den Zeitungen herumgegeistert waren. Am Abend vor dem Spiel hatte Preetz dann die Mannschaft von ihrem neuen Vorgesetzten informiert. Rehhagel soll keinen Assistenten mit nach Berlin bringen, sondern von den Hertha-Jugendtrainern René Tretschok und Ante Covic unterstützt werden, die am Samstag gegen Borussia Dortmund vorübergehend die Verantwortung übernahmen.

Preetz’ Schicksal liegt in den Händen von Rehhagel

„Otto Rehhagel ist eine Ikone, wir freuen uns auf ihn. Wir brauchen hier jemanden, der die Ruhe und die Erfahrung hat“, sagte Tretschok dem Sender Liga total.

Genial oder katastrophal - das ist in der Hauptstadt nun die Frage über ein Berliner Experiment mit einem der ganz großen Namen von gestern. Dem umstrittenen Manager Preetz ist es mit dem Trainer-Coup, der am Samstag zunächst die Blicke nach Berlin lenkte, aber noch nicht den Erfolg, zumindest in eigener Sache gelungen, sich wieder etwas Spielraum zu verschaffen. Die Zukunft des 44 Jahre alten Managers und der alten Dame Hertha liegt aber nun ganz allein in den Händen des ältesten und unternehmungslustigsten Herrn des deutschen Fußballs.

Daran, dass fortan Rehhagel das alleinige Sagen in Berlin hat, lässt er keine Zweifel. „Ab Montag bin ich bei Hertha das Gesetz und alle hören auf mein Kommando“, kündigte er in einem Interview der „Bild am Sonntag“ an. Rehhagel sagte weiter: „Ich habe immer das letzte Wort, bin ab jetzt Tag und Nacht für Hertha da - und zwar immer pünktlich.“ Er sei ein Vorreiter und erwarte Ordnung und Disziplin. „Ich bin ein Preuße. Oder auch ein demokratischer Diktator“, sagte der neue Trainer der Hertha.

Rehhagel verriet auch, dass er am Donnerstagvormittag von Manager Michael Preetz angerufen worden sei. Nach einem persönlichen Treffen mit dem Geschäftsführer Sport und Klubpräsident Werner Gegenbauer sagte Rehhagel am Freitag zu. Unterschrieben sei noch nichts, „aber bei mir genügt ein Handschlag - ein Mann, ein Wort!“

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Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

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