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Ottmar Hitzfeld im Gespräch „Ich bin hart im Nehmen“

01.02.2008 ·  Vier Monate noch, dann ist die Zeit des Meisterlehrers beim FC Bayern vorbei. Ottmar Hitzfeld geht mit viel Optimismus auf seine Bundesliga-Schlussrunden. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Vorfreude, fehlende Kraft und Nachfolger Jürgen Klinsmann.

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An diesem Freitag beginnt mit dem Bundesliga-Rückrundenstart bei Hansa Rostock (20.30 Uhr / Live bei ARD und Premiere / FAZ.NET-Liveticker) Ottmar Hitzfelds Abschiedstour - nicht nur beim FC Bayern München, sondern auch als Vereinstrainer. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht er zuvor über Vorfreude auf die letzten vier Monate, fehlende Kraft und Nachfolger Jürgen Klinsmann.

Herr Hitzfeld, empfinden Sie Erleichterung, dass bald alles vorbei ist?

Ich hege noch keine Abschiedsgedanken, denn ich habe einen Vertrag bis 30. Juni und mache hier meine Arbeit.

Manchmal werden Sie ja schon als Rentner bezeichnet, dabei sind Sie noch voller Elan.

Wenn man gefordert wird, ist man auch fitter. Wichtig ist, dass ich die Kraft habe, in den folgenden vier Monaten engagiert und motiviert zu sein. Wenn ich wüsste, dass ich jetzt noch eineinhalb, zwei Jahre mit der entsprechenden Anzahl von Spielen vor mir hätte, wäre der Druck, glaube ich, viel größer. So bin ich etwas weniger belastet, und die Arbeit macht auch definitiv mehr Spaß.

Was unterscheidet nun diese letzten Monate in München von denen im Jahr 2004, als sich im Laufe der Rückrunde Ihre erste Trennung von den Bayern abzeichnete?

Damals hatte ich nicht mehr die Power, weil die ersten vier Jahre bei Bayern sehr intensiv waren. Der Job hatte mir auch nicht mehr diese Freude bereitet von 2002 bis 2004. Somit kann man das auch nicht mit heute vergleichen.

War es Ihnen wichtig, dass Sie dieses Mal die Entscheidung über die Zukunft selbst treffen, und zwar frühzeitig?

Die Freiheit, selbst zu entscheiden, hat man, wenn man älter wird und schon einiges erreicht hat. Die hatte ich viele Jahre, viele Jahrzehnte nicht, denn als Trainer kann man sich die Vereine nicht immer aussuchen. Deshalb war es jetzt ideal, die Freiheit zu haben, selbst zu entscheiden.

Die hätten Sie aber doch 2004 auch schon gehabt.

Aber dafür muss man auch die Kraft haben. Damals hatte ich selbst dazu keine Kraft. Ich war immer pflichtbewusst und hatte einen laufenden Vertrag und hätte den dann auch erfüllt.

Sehen Sie sich in der Öffentlichkeit richtig dargestellt, oder ist der wahre Ottmar Hitzfeld ein ganz anderer Mensch?

Manche können mich gut darstellen, andere haben gar keine Ahnung, wie es in mir aussieht. Aber ich möchte ja die Presse, die Öffentlichkeit auch nicht zu nahe an mein Innenleben heranlassen. Deshalb betrachte ich das manchmal auch mit einem Schmunzeln.

Regelmäßig werden beim Blick in Ihr Gesicht Rückschlüsse auf Ihre psychische und physische Verfassung gezogen. Das ist bei keinem anderen Trainer so extrem. Nervt Sie das?

Nein, das gehört zu mir. Schon vor 20 Jahren hat ein Trainerkollege in der Schweiz immer gesagt, dass keinem Trainer der Stress, seine Gefühlslage mehr im Gesicht geschrieben steht als mir.

Also stimmt die Einschätzung?

Ja, das stimmt schon, denn ich setze mich mit Haut und Haaren ein und will den Erfolg. Aber ich glaube auch, dass man nur dadurch erfolgreich sein kann. Wenn ich alles lockerer nähme und mich nicht so aufregte über eine Niederlage, dann hätte ich diesen Erfolg nicht gehabt.

Im Moment wirken Sie so, als ob der Job Ihnen Spaß machte.

Ich habe ja schon oft gesagt, dass ich mich auf diese vier Monate freue. Es ist ein überschaubarer Zeitraum. Ich habe das Vertrauen bekommen, den Umbruch zu vollziehen, die Mannschaft hat sich ganz gut entwickelt. Deshalb können wir auch vielleicht schon dieses Jahr die Früchte ernten mit dem einen oder anderen Titel.

Sie haben Ihren Trainerjob noch in einer anderen Medienzeit begonnen, als sich der Fußball noch in kleineren Dimensionen abgespielt hat. Aber wie kaum ein Trainer Ihrer Generation haben Sie sich angepasst. Aus Überzeugung und Spaß, oder war es einfach nur Pragmatismus?

Schon Pragmatismus, natürlich. Denn ich weiß ja, dass nicht immer die Wahrheit geschrieben und viel hineininterpretiert wird. Man muss eigene Wege finden, um sich zurechtzufinden. Ich war nie ein Mensch, der sagt, früher war alles besser. Ich blicke nach vorne, was gestern war, interessiert mich schon nicht mehr. Und ich bin auch ein Produkt der Bundesliga und habe profitiert von diesem System. Wenn es mal nicht läuft, muss man dann auch mit härterer Kritik umgehen können. Aber ich glaube, ich bin hart im Nehmen.

Macht die außergewöhnliche öffentliche Aufmerksamkeit die Arbeit als Trainer beim FC Bayern besonders schwierig?

Berichte vom FC Bayern machen Schlagzeilen, und das kann natürlich auch die Arbeit des Trainers beeinflussen, zum Beispiel, wenn irgendwelche privaten Dinge der Spieler herauskommen. Wir haben zwölf Millionen Bayern-Fans, die wollen informiert werden. Die Bayern-Storys lassen sich gut vermarkten. Damit steigt auch der Marktwert der Spieler, der Verein hat einen besonderen Stellenwert durch die Berichterstattung, egal, ob sie positiv oder negativ ist. Dem muss ich Rechnung tragen, das ist mir bewusst.

Und dann ist da noch das Führungskompetenzteam mit ehemaligen erfolgreichen Nationalspielern. Das macht es für einen Trainer beim FC Bayern auch nicht einfacher.

Es gehört zu Bayern, dass es große Fachkompetenz auch im Vorstand gibt und dass das Wort von Kalle Rummenigge, Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer Gewicht hat.

Also muss man leben mit öffentlicher Kritik am Trainer, wie Sie nach dem Spiel gegen die Bolton Wanderers im November?

Es ist doch klar, dass einen Aussagen treffen, die persönlich sind. Aber wenn sich jemand danach entschuldigt, dann ist das Thema erledigt. Da brauchen wir nicht mehr darüber zu diskutieren. Mich hat vielmehr erstaunt, wie die Presse da nicht mehr locker gelassen hat, dass noch wochen-, monatelang über diesen einen Satz gesprochen wurde.

Sie müssen nun bis Mitte Mai mit Jürgen Klinsmann leben, Ihrem Nachfolger. Vor allem in Phasen, in denen es mal nicht ganz rund läuft, wird er sehr präsent sein.

Wenn man mit Bayern verliert, tauchen ja immer gleich Namen von Trainern auf. Von daher ändert sich nichts. Ich bin froh, dass sich Bayern frühzeitig entschieden hat und damit die Spekulationen um die Trainerposition ad acta gelegt sind.

Haben Sie das Gefühl, dass nun auch in die Mannschaft wieder Ruhe eingekehrt ist?

Natürlich ist es ruhiger geworden in den letzten zwei Wochen. Denn wenn jeden Tag ein neuer Trainer gehandelt wird, reden natürlich auch die Spieler darüber. Das ist jetzt vorbei.

Das Gespräch führte Elisabeth Schlammerl.

Quelle: F.A.Z., 01.02.2008, Nr. 27 / Seite 30
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