„Da haben sich zwei Gestrandete getroffen“, sagt Norbert Meier über den Moment, als sein Weg den von Fortuna Düsseldorf kreuzte. Zwei Belächelte und Gebrandmarkte, zwei, die für ein ruhmreiches Gestern und ein tristes Heute standen. Ein in der Versenkung verschwundener Traditionsklub, lethargisch besseren Zeiten nachhängend. Und ein Trainer, der mit einer folgenschweren Tat am Nikolaustag 2005, dem Kopfstoß gegen den Spieler Albert Streit, seine Karriere vermeintlich in Trümmern gelegt hatte.
Der wie zuvor Eugen Hach als Trainer von Alemannia Aachen und Willi Reimann während seiner Frankfurter Eintracht-Zeit als einer der wenigen seiner Gilde vom DFB mit einem dreimonatigen Berufsverbot belegt wurde. Es ist ziemlich exakt fünf Jahre her, dass sich die beiden auf ihre Art selbstverschuldet in Not geratenen Parteien entschieden, es miteinander zu versuchen. Seitdem ist viel passiert - zum beiderseitigen Nutzen. Die Fortuna jedenfalls hat sich von einem Mittelplatz der dritten Liga auf einen Mittelplatz in der Bundesliga emporgearbeitet.
Von der grauen Maus der Stadt zur hippen Adresse, von 5000 zu 45 000 Zuschauern. Zwei Aufstiege in fünf Jahren, dabei stets mit limitierten Budgets hantierend: Norbert Meiers Arbeitsbilanz kann wohl noch so gut ausfallen - die Kopfstoßgeschichte wird ihm, weil im kollektiven Fußballgedächtnis verankert, ewig anhängen. Mehr jedenfalls als Meister- und Nationalmannschaftsehren als Spieler in Bremen und Gladbach. Durch die fünfjährige Düsseldorfer Erfolgsgeschichte hat er den „Kopfnuss-Meier“ zwar in den Hintergrund gedrängt.
Bei Google aber tritt unter seinem Namen an prominenter Stelle immer noch eine veritable Auswahl an Kopfstoß-Filmchen zutage. Die Affäre, das hat er immer wieder durchblicken lassen, hat den Vierundfünfzigjährigen lange beschäftigt. Er habe gebüßt, mit sich gerungen, viel gelernt, er könne und müsse damit leben, sagt Meier. „Und irgendwann ist es auch mal gut“, versucht er das Thema dann zu beenden. Allerdings nicht mit diesem spöttischen Unterton, in dem er häufig Interviews absolviert und den viele als brüsk empfinden. Er werde weiter emotional seinen Beruf ausüben, „aber nicht mehr um jeden Preis“.
„Von der Imbissbude zur Großraumdisco“
Trotz seines Ehrgeizes hat Meier diese Mentalität auch der Fortuna eingeimpft. Sich der Vergänglichkeit des Erfolges bewusst sein, sich über Erreichtes freuen und nicht nur über Versäumtes grämen, vor und nach Spielen größtmögliche Gelassenheit ausstrahlen. Das tut dem Klub gut. Der Norddeutsche im Rheinland schafft es, dass seine als Abstiegskandidat Nummer eins eingeschätzte Mannschaft jedes Bundesligaspiel wie einen Pokalfight angeht.
Dass sie mit intaktem Korpsgeist und guter Organisation mangelnde individuelle Klasse nicht nur ausgleicht, sondern nutzbar gemacht hat für schon sechs Saisonsiege und 24 Punkte. Wenn er wegen seiner Einkaufspolitik - 16 neue Spieler im Sommer, noch mal fünf im Winter - als „Magath für Arme“ bezeichnet oder die Defensivstrategie der Fortuna als unansehnlich gescholten wird, dann bekommt man es schnell mit einer Kostprobe seiner Rhetorik zu tun.
„Man kann nicht in kürzester Zeit aus einer Imbissbude eine Großraumdisco machen.“ Die Strukturen des Vereins haben mit dem rasanten sportlichen Aufschwung nicht Schritt gehalten. Bei Neuerwerbungen auf dem Transfermarkt sei für die zwar seit neuestem schuldenfreien, aber klammen Düsseldorfer selbst gehobenes Zweitliganiveau nicht finanzierbar gewesen. Die einzige bundesligaerfahrene Kraft im Kader, Andrej Woronin, ist bislang entweder verletzt oder lustlos oder beides.
Meier tritt als Mahner und Beschwichtiger in immer neuen Wendungen auf. „Wir dürfen uns nicht zufriedengeben. Fußball ist ein Wochengeschäft“, sagte er zum Beispiel vor der Partie beim SC Freiburg an diesem Sonntag (17.30 Uhr / Live im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET). Zum augenscheinlichen Wohle der Fortuna mit ihrem zum Dramatisieren neigenden Umfeld. Als Sympathieträger für den Anhang taugt er aber nicht, da müssen andere herhalten.
„Ich war wie eine brünftige Hirschkuh“
Zum Beispiel Kapitän und treue Vereinsseele Andreas „Lumpi“ Lambertz. Dass er von der Basis respektiert, aber keinesfalls geliebt wird, nimmt der 1,73 Meter kleine Trainer gerne in Kauf. Er ist sich bewusst, dass er als knurrig, verbissen, bisweilen auch spröde wahrgenommen wird. Weil Meiers Laune mitunter schnell variieren kann, wissen selbst seine Spieler oft nicht, woran sie beim Trainer gerade sind.
„Ich muss mir für mein Image keine Lachfalte schminken“, sagte Meier mal. Seine Spieler können sich so oder so auf die unbedingte Loyalität ihres Coaches verlassen, im Gegenzug verlangt er diese aber auch ihm gegenüber zu hundert Prozent. Akteure, die seinen Alleinvertretungsanspruch antasten, haben fortan schlechte Karten. Dabei mag Meier keine vollends stromlinienförmigen Profis.
Er provoziert gerne Widerspruch, reibt sich an seinem Gegenüber, fordert ihn heraus. Und dabei kommen mitunter Sätze für die Fußballzitatesammlung heraus. „Now you know, what auskotzen means“, rief er im Trainingslager einem saudi-arabischen Neuzugang zu. „Ich war wie eine brünftige Hirschkuh“, sagte er nach einem Last-Minute-Sieg, den er mit einem 50-Meter-Sprint und abschließendem Sprung auf die Jubeltraube seiner Spieler abschloss.
Norbert Meier wird dem, was da kommt, weiter die Stirn bieten - nur nicht mehr so wie damals Albert Streit.
Sympathieträger in Düsseldorf
Jörg Wackerbeck (D_im_Herzen)
- 11.02.2013, 16:20 Uhr
Ich glaube schon, das Albert Streit sich damals die Kopfnuss verdient
hat ...
Peter Slater (Wales-Rhondda)
- 10.02.2013, 14:42 Uhr