02.02.2010 · Von wegen „immer auf die Kleinen“: Der größere Fußballspieler ist im Zweifel immer der Täter. Das zeigt eine Studie von Niels van Quaquebeke und Steffen Giesner. Im FAZ.NET-Interview erklären sie, warum sich Philipp Lahm öfter fallen lassen sollte.
Niels van Quaquebeke (32 Jahre alt, 1,82 Meter groß) und Steffen Giessner (35 / 1,80 Meter) arbeiten zurzeit an der Rotterdam School of Management an der Erasmus-Universität. Die beiden Wissenschaftler haben alle aufgezeichneten Fouls in sieben Spielzeiten der Fußball-Bundesliga (85.262 Fouls) und der Champions League (32.142) sowie von drei Weltmeisterschaften (6440) ausgewertet.
Sie haben in Ihrer Studie herausgefunden, dass bei nicht eindeutigen Fouls eher der größere von zwei Fußballspielern verantwortlich gemacht wird und als Übeltäter gilt. Wie kommen Sie darauf?
Quaquebeke: Das erklären wir basierend auf der Evolutionstheorie. Wir haben sehr früh gelernt, die Größe von Menschen mit Dominanz, Macht, Stärke und Aggression zu assoziieren. So kann man im Management sehen, dass großgewachsene Personen eher auf machtvolle Positionen kommen oder mehr Geld verdienen. Im Fußball zeigt sich diese evolutionäre Assoziation besonders bei uneindeutigen Situationen, also wo es nicht ganz klar ist, wer das Foul wirklich verursacht hat. In solchen Situationen müssen Schiedsrichter auf Instinkte zurückgreifen, um sehr schnell eine Entscheidung fällen zu können.
Giessner: In den knapp 120.000 Fouls, die wir untersucht haben, haben wir herausgefunden, dass der Spieler, der in strittigen Situationen das Foul begeht, immer größer ist als derjenige, der gefoult wird - und zwar unabhängig von der taktischen Position des Spielers. Auch unsere Wahrnehmungsexperimente mit Fußballfans zeigen, dass die Leute viel öfter den großen Spieler als Täter und den kleinen als Opfer ansehen.
Wir Menschen denken also: "Immer auf die Kleinen"?
Quaquebeke: Man könnte auch sagen: Die Sündenböcke sind immer die Großen, während die Kleinen unschuldig erscheinen.
Ein Verteidiger wie Philipp Lahm wird von Schiedsrichtern und Fans also im Zweifel als Opfer angesehen?
Quaquebeke: Lahm ist ein gutes Beispiel. Er ist ein exzellenter, zweikampfstarker Verteidiger, der richtig zur Sache geht. Trotzdem kriegt er so gut wie nie Fouls. Natürlich könnte man behaupten, dass liegt daran, dass er so wendig ist und seine Technik so gut. Aber weil Lahm so klein ist, traut man ihm die Täterrolle auch nicht zu, wenn der Gegenspieler zu Boden geht. Dazu eine persönliche Anekdote. Ich spiele seit 15 Jahren Basketball, bin mit 1,82 Metern ziemlich klein, und obwohl ich relativ körperbetont spiele, kriege ich so gut wie nie Fouls. Anders als meine Teamkollegen, die um die zwei Meter groß sind. Wenn bei denen mal jemand runterfällt, denkt jeder, der große Typ war schuld.
Wie signifikant ist der Unterschied, den Sie festgestellt haben?
Giessner: Je größer der Unterschied zwischen den beiden Spielern, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Foul gepfiffen wird.
Quaquebeke: Der Effekt tritt konstant auf, ist aber nicht sonderlich groß. Allerdings kann ja jedes Foul spielentscheidend sein, zum Beispiel, wenn eine Mannschaft dadurch einen Elfmeter oder Freistoß zugesprochen bekommt.
Das könnte man als Appell an die kleinen Spieler missverstehen, es öfter mal mit einer Schwalbe zu versuchen.
Giessner: Bei der WM sollte sich Philipp Lahm im gegnerischen Strafraum ruhig mal fallen lassen . . .
Um Ihre Ergebnisse noch weiter auf die Spitze zu treiben: Wäre es nicht ratsam, eine Elf nur mit kleinen Spielern aufzustellen?
Quaquebeke: Das würde nicht viel bringen. Für größere Spieler gibt es zwar einen systematischen Nachteil bezüglich Fouls, aber sie haben natürlich Vorteile beim Kopfball und beim Freistoß der gegnerischen Mannschaft, wenn sie in der Mauer eine viel größere Fläche des eigenen Tores absichern können.
Forscherkollegen von Ihnen haben schon nachgewiesen, dass Foul-Entscheidungen auch von der Trikotfarbe, vom Leumund einer Mannschaft, der Lautstärke ihrer Fans sowie von vorangegangenen Fouls abhängig sind. Was bleibt bei all den Einflüssen noch übrig vom objektiven Urteil?
Giessner: Zunächst ist es ja nicht so, dass Schiedsrichter alle Entscheidungen aufgrund solcher Informationen fällen. Das meiste erkennen sie durchaus richtig. Weil aber ein schneller Sport schnelle Entscheidungen erfordert, kommt es oftmals zu Bauchentscheidungen aus simplen Assoziationen heraus. Wir müssen uns bewusst sein, dass solche Fehler geschehen. Aber wir können Schiedsrichter trainieren. Wir haben experimentelle Beweise, dass man Assoziationen zwischen Größe und Macht aufbrechen und in relativ kurzer Zeit umlernen kann.
Durch den Videobeweis könnten die von Ihnen dargelegten Vorbehalte ausgeräumt werden. Würden Sie den Internationalen Fußball-Verband zur Einführung neuer Technologien raten?
Quaquebeke: Um das zu entscheiden, gibt es die Fifa. Wir als Wissenschaftler werten nur Daten aus und zeigen, dass es solche Sachen gibt. Als Sportinteressierte würden wir aber mit Fifa-Präsident Joseph Blatter in ein Horn stoßen. Es wäre schade, wenn man das Menschliche aus dem Fußball herausziehen würde. Es ist ja Teil des Spaßes, sich über Fouls aufregen zu können.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 21 | 32 | 46 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 21 | 35 | 44 | ![]() |
| 3. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 21 | 22 | 43 | ![]() |
| 4. | ![]() |
FC Schalke 04 | 21 | 18 | 41 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 21 | -1 | 33 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 21 | 0 | 31 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 21 | -2 | 31 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 21 | -11 | 27 | ![]() |
| 9. | ![]() |
VfB Stuttgart | 21 | 3 | 26 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 21 | -2 | 25 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1. FC Köln | 20 | -11 | 24 | ![]() |
| 12. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 21 | -6 | 23 | ![]() |
| 13. | ![]() |
Hamburger SV | 20 | -9 | 23 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 20 | -12 | 21 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 21 | -11 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 21 | -11 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 20 | -14 | 17 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 21 | -20 | 17 | ![]() |