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Nach dem Pokalfinale Partywellen und Fruststau

31.05.2009 ·  Freude und Wehmut auf der einen, Frust und aufgestauter Ärger auf der anderen Seite: die Nacht nach dem Pokalfinale führt Werder Bremen und Bayer Leverkusen in unterschiedliche Richtungen. Diego feiert seine letzte und größte Party mit Werder.

Von Christian Kamp, Berlin
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Den Pokal schleppte Per Mertesacker aus der Gefahrenzone. Der verletzte Innenverteidiger genoss so etwas wie Immunität in der grünweißen Feiergesellschaft, und wer ihn oder all die anderen aufgekratzten Profis von Werder Bremen reden hörte, verstand, dass es recht lebhaft zugegangen sein musste in der Kabine des frisch gekürten Cupgewinners. Klaus Allofs, der Sportchef, schlurfte gar in Trainingsoutfit und Badeschlappen in den Katakomben des Berliner Olympiastadions umher. Dass seine Garderobe mit ihm im Entmüdungsbecken baden gegangen war - geschenkt.

Es war ja auch nur die erste Partywelle in einer Nacht, in der es aus Bremer Sicht viel zu feiern und ein bisschen Wehmut gab. „Der Pokal“, sagte Mertesacker, „tröstet jeden Bremer. Wir haben sehr gelitten in diesem Jahr.“ Das Finale der Enttäuschten gegen Bayer Leverkusen war ja ein ganz spezielles Entscheidungsspiel: eines, von dem abhing, wie eine ganze Saison, vielleicht sogar eine ganze Werder-Generation bewertet werden würde.

Hätte sich Diego ohne Titel nach Italien verabschiedet, wäre ein sportlicher Makel geblieben - bei der Klasse, die in den vergangenen Jahren im Bremer Kader versammelt war. Die jedoch auch nie über eine ganze Saison mit der nötigen Konstanz bewiesen wurde, so dass es zuletzt eher danach aussah, als ob die Mannschaft um den Brasilianer als Generation der Unvollendeten in die Werder-Historie eingehen würde.

Nach dem Pokalfinale: Partywellen bei Werder, Fruststau in Leverkusen

Entsprechend groß war die Erleichterung, dass es nun doch noch klappte - dank des verdienten 1:0-Sieges durch das Tor von Mesut Özil in der 59. Minute (siehe: 1:0 gegen Leverkusen: Bremen gewinnt den DFB-Pokal 2009). Platz zehn in der Bundesliga, das verlorene Uefa-Pokal-Endspiel, das spielte - zumindest an der Oberfläche - keine Rolle mehr an diesem Samstagabend, der den Bremern den ersten Titel seit dem Double 2004 und obendrein eine internationale Perspektive in Gestalt der Europa League bescherte. „Die Bundesligasaison war nicht zufriedenstellend“, sagte Torsten Frings. „Aber wir waren in zwei Endspielen, haben einen Titel geholt und uns für den Europapokal qualifiziert. Da kann man zufrieden sein.“ So ließ sich die Jahresbilanz schon auf den Punkt bringen.

„Der Pokal war das Mindeste, was ich den Fans schenken konnte“

Und weil die Gegenwart so schön war, wollte man sich mit der Zukunft gar nicht so gern beschäftigen. Natürlich bekamen Frank Baumann und Diego einen würdigen Abschied. Vor allem Diego, der in seinen drei Bremer Jahren zu den besten Bundesligaprofis überhaupt gehörte und auch im Berliner Finale - einem lange Zeit temporeichen und unterhaltsamen - mit seinem Pass auf Özil die Entscheidung herbeiführte, durchlebte noch einmal besondere Momente. „Das waren die emotionalsten 90 Minuten meines Lebens. Der Pokal war das Mindeste, was ich den Fans schenken konnte“, sagte er - umgekehrt erhielt er natürlich auch vom Bremer Publikum die Huldigungen, die er verdient hatte.

Um die Frage aber, wie das Gesicht von Werder im kommenden Jahr ohne seinen Regisseur aussehen wird, machten die Verantwortlichen einen großen Bogen. Klaus Allofs und Trainer Thomas Schaaf stehen vor einem Jahr des Umbruchs und zum ersten Mal seit Jahren scheint ungewiss, ob in Bremen auf dem zuletzt gewohnten Niveau weitergearbeitet werden kann. Diego wird nicht ohne weiteres zu ersetzen sein, selbst wenn dafür Marko Marin von Borussia Mönchengladbach käme (was nur noch als Formsache gilt). Für den Angriff wurde zwar der Bolivianer Marcelo Moreno von Schachtjor Donezk verpflichtet, doch ob Claudio Pizarro ein weiteres Jahr bleiben kann, ist noch ungewiss. „Ich hoffe, es entscheidet sich bald“, sagte der vom FC Chelsea ausgeliehene Peruaner.

Wenig Tröstliches für Leverkusen

Immerhin: Neben den 24,5 Millionen, die Werder mindestens von Juventus Turin für Diego bekommt, ist die Europapokal-Teilnahme ein Pfund, mit dem Allofs und Schaaf bei der Suche nach Verstärkungen wuchern können. „Ich bin zuversichtlich, dass wir auch im nächsten Jahr eine gute Mannschaft haben werden“, sagte Allofs. Für Bayer Leverkusen dagegen gab es wenig Tröstliches - mit Ausnahme des Bekenntnisses von Nationalspieler Patrick Helmes, auch im nächsten Jahr für Bayer zu spielen. „Ich bleibe mit Sicherheit weiter hier“, sagte der Angreifer, der zuletzt mit dem VfB Stuttgart in Verbindung gebracht wurde.

Ansonsten war es jedoch ein verschenktes Wochenende, auch weil Helmes eine herausragende Gelegenheit zur Führung nicht hatte nutzen können, als er den Ball nicht richtig traf (20.). Zur bitteren Niederlage kam noch das Gefühl, sich unprofessionell verkauft zu haben. Das Interview mit Trainer Bruno Labbadia, das ausgerechnet am Finaltag in der „Süddeutschen Zeitung“ erschien, störte den Betriebsfrieden doch mehr, als Labbadia sich das womöglich vorgestellt hatte. „Vielleicht hätte er das auch anders machen können“, sagte Helmes. Über eine „Kampagne“ gegen sich klagte der umstrittene Coach und ließ auch seine Spieler nicht ungeschoren davonkommen. Kein Wunder, dass sich aus der Mannschaft niemand explizit hinter Labbadia stellen wollte.

Zumal er für den Geschmack des Teams zu spät auf den Rückstand reagierte: Als er die Offensive mit Toni Kroos und Angelos Charisteas stärkte, war das Finale praktisch gelaufen. Ob es damit auch schon Labbadias persönliches Leverkusener Finale war? „Ich glaube nicht, dass es richtig ist, nach so einer Finalniederlage über meine Zukunft zu reden“, sagte er. Am Dienstag wird es eine Aussprache mit Sportdirektor Rudi Völler und Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser geben. „Wir haben ein bisschen was zu analysieren - Dinge, die sich aufgestaut haben“ sagte Völler. Und: „Wir gehen im Moment davon aus, dass es mit Bruno Labbadia weitergeht.“ Glauben mochte man das allerdings nicht so recht an diesem für Bayer gründlich missratenen Berliner Wochenende.

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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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