18.02.2007 · Nur Kahn bäumte sich gegen die Bayern-Niederlage in Aachen auf. Der Kapitän versuchte handgreiflich und lautstark die Mitspieler wachzurütteln. „Viele haben Probleme mit sich“, klagte Trainer Hitzfeld. Und nun geht es nach Madrid.
Von Roland Zorn, AachenDie Gesichter der Bayern-Profis sprachen Bände: Sie kündeten von Missmut, Missbehagen, Missvergnügen. Doch die Worte der meisten Münchner am Tatort Tivoli klangen eher nach Missgeschick. War die 0:1-Niederlage des deutschen Fußballmeisters bei Alemannia Aachen also nur ein lästiger Betriebsunfall mit ein paar ärgerlichen Kratzern am roten Lack?
Wäre da nicht einer gewesen, der sich schon während des Spiels nicht in die siebte Saisonpleite dieser jetzt schon ziemlich missratenen Bundesliga-Saison fügen wollte, die Bayern hätten die rheinische Karnevalshochburg Aachen als nette Gäste nahezu geräuschlos und so leidenschaftsfrei verlassen, wie die Mannschaft über weite Strecken der Partie gespielt hatte.
„Jetzt müssen wir auch mal was zurückgeben“
Doch der Kapitän ließ Dampf ab - schon während und kurz nach der Begegnung, als er seinem Kollegen Daniel van Buyten mit dem Handschuh durchs Gesicht wischte und sich mit dem Aachener Angreifer Sascha Rösler machohaft anlegte. Damit nicht genug, verbreitete Torhüter Oliver Kahn drei Tage vor dem Champions-League-Härtetest bei Real Madrid auch im Nachgang Klartext für alle, die ihn noch immer nicht verstanden hatten. „Wir spielen hier für Bayern München. Der Verein gibt uns Spielern immer sehr viel, jetzt müssen wir auch mal was zurückgeben. Das mindeste, was ich erwarten kann, ist, dass ich in jedes Spiel so hineingehe, als ginge es gegen den Abstieg.“
So schlimm wird es zwar nie kommen für den Rekordmeister, doch den vierten Platz, den der Klub derzeit belegt, betrachten viele in München schon als gefühlten Abstiegsrang. Immerhin fehlen den Bayern, die ungewöhnlich schwach in die Rückrunde gestartet sind, bereits fünf Punkte zum Tabellendritten Werder Bremen. Und Dritter, das ist die inzwischen bescheidene Zielsetzung der Bayern, wollen sie denn doch noch werden, um wenigstens bei den K.-o.-Spielen um die Champions-League-Qualifikation für die nächste Spielzeit dabei zu sein. Als Bundesliga-Vierter müssten sie europäisch um eine Etage absteigen und sich mit dem Uefa-Pokalwettbewerb anfreunden.
„Viele haben Probleme mit sich“
So wird es am Ende auch kommen, wenn sich das zurzeit verunsicherte, vor Widerständen zurückscheuende Ensemble nicht endlich der zupackenden Tatkraft früherer Bayern-Mannschaften erinnert. Vor den Münchnern dieses Jahrgangs aber hat in der Bundesliga niemand Angst. Ottmar Hitzfeld, der vor knapp drei Wochen an den Schauplatz seiner größten Trainertriumphe zurückgekehrt ist, wunderte sich auch am brausenden Tivoli, warum seine Profis letztlich nicht mehr als Goodwill-Fußball boten. „Unser Nervenkostüm passt zurzeit nicht, die Körpersprache war vielsagend.“ Der Meistercoach selbst bekannte, dass er zwar durchaus „Nehmerqualitäten habe, aber meine Nerven wurden extrem strapaziert“.
Hitzfeld, der einst den unbequemen, aber oft dominanten Stefan Effenberg an seiner Seite hatte, vermisst in diesen labilen Münchner Wochen die alte bajuwarische Trutz- und Schutzattitüde, die der Meister notfalls ausspielte. „Viele haben Probleme mit sich“, klagte der Trainer leise, der in München lauter wurde: „Ich habe eine andere Wortwahl gebraucht, um die Spieler wachzurütteln. Nur mit Streicheleinheiten geht es nicht. Wir leben bei Bayern wie im Paradies. Da müssen die Spieler alle Kräfte mobilisieren und totale Hingabe zeigen.“ Fürs Erste bleibt Hitzfeld mit dem Blick auf das Duell zweier großer Patienten in Europa - auch Real ist derzeit weit von seinem Weltanspruch entfernt - das Prinzip Hoffnung. „Am Dienstag erwarte ich einen ganz anderen Auftritt. Wir sind höchst motiviert gegen Real.“
Aachen feiert unbeschwert Karneval
Das ist aber auch das mindeste, was den Münchnern im Augenblick abzufordern ist. Bei der bis zum Samstag daheim schwächsten Mannschaft spielte der Tabellenvierte zwar Torchance auf Torchance vor der Pause heraus, doch die Konsequenz, aus Gelegenheiten Treffer zu machen, fehlte. Stattdessen ließen die am Ende stark nachlassenden Bayern eine falsche Generosität walten und einen erstaunlichen Mangel an Kaltschnäuzigkeit erkennen.
Der Aachener Torschütze Klitzpera (10. Minute) war bei allen drei Aachener Siegen über die Bayern am Tivoli in den vergangenen drei Jahren dabei. Die Pokalfeiertage 2004 und 2006 kamen ihm „sensationell“ vor, den Bundesliga-Heimsieg obendrauf nannte er „unglaublich“. Die Alemannen, die sich fürs Erste von ihren ärgsten Abstiegsbeklemmungen befreien konnten, atmeten durch und durften anschließend unbeschwert Karneval feiern.
„Madrid machte wieder ein fürchterliches Spiel. Aber verzweifelt nicht: Bayern ist noch schlechter.“ (Die spanische Tageszeitung Marca)
Einer, der künftig beim Meister auf Abruf spielt, konnte schon einmal mitansehen, wie es in Oliver Kahn brodelt, wenn er sich vorkommt wie ein im Stich gelassener Einzelkämpfer. Jan Schlaudraff gehörte am Samstag wieder zu den besten Aachenern. Er muss an Kahns Tagen des Zorns wohl nicht wie zuletzt van Buyten befürchten, in den Fängen des Keepers zu landen. „Als Stürmer“, sagt Schlaudraff, „werde ich da hoffentlich weit genug entfernt sein.“
Die gefrusteten Bayern absolvierten am Samstagabend noch eine Trainingseinheit in München. „Wir haben keine Zeit zu verlieren“, sagte Hitzfeld. Vielleicht wecken ja die Partien gegen Madrid die Lebensgeister beim FC Bayern. „Real“, gibt sich Verteidiger Philipp Lahm optimistisch, „ist kein Aufbaugegner, doch kommt das Spiel zur rechten Zeit.“ Was zu beweisen sein wird.
Die Saison 2011/2012
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |