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Mönchengladbach Die Renaissance der Fohlen

06.08.2008 ·  Leichtfüßig galoppierten die Gladbacher Fohlen nach dem Abstieg zum Wiederaufstieg. Die Heimkehr erscheint wie als Rückbesinnung auf die alten Werte aus dem goldenen Zeitalter.

Von Richard Leipold, Mönchengladbach
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Borussia Mönchengladbach zählt zum Inventar der Bundesliga und zu den wenigen Klubs, deren Einzugsgebiet weit über regionale Grenzen hinausreicht. Über das ganze Fußball-Land verteilt, schreiben die Fans diesem Traditionsverein eine Art natürliches Recht zu, dem erlauchten Kreis des deutschen Berufsfußballs anzugehören. Dieses Recht hatte der fünfmalige Meister im vergangenen Jahr verwirkt - und flugs zurückerworben. Aus dem Paradies vertrieben, schufen Trainer Jos Luhukay und Sportdirektor Christian Ziege eine Mannschaft, die leichtfüßig durch die zweite Liga galoppierte wie einst die „Fohlen“ zum Gewinn der Meisterschaft.

Die Heimkehr in die Bundesliga erscheint als Rückbesinnung auf die alten Werte aus dem goldenen Zeitalter der Fohlen. Mit unverbrauchten Kräften und attraktivem Fußball nahmen die Borussen eine kostenlose Anleihe in der eigenen Vergangenheit. Anfangs gegen Widerstände kämpfend, inzwischen von Beifall umrauscht, hat das Duo Ziege/Luhukay die verfehlte, von anderen verfolgte Strategie verworfen, ohne Rücksicht auf sportliche wie finanzielle Verluste nach Namen einzukaufen. Dem Umbruch folgte der Aufbruch. Nach dem Aufstieg streben sie die nächste Entwicklungsstufe an.

„Initiative ergreifen, unabhängig vom Namen des Gegners“

Kontinuität ist Trumpf. Zwar verpflichtete der Klub vier neue Spieler, um das Aufgebot ausgeglichener zu machen. Aber das Personal für die Stammelf dürfte sich vornehmlich aus der Aufstiegsmannschaft rekrutieren. „Ganz habe ich die Mannschaft noch nicht im Kopf, dafür ist es zu früh. Aber die Jungs aus dem letzten Jahr haben natürlich einen kleinen Bonus“, sagt Luhukay. Viele seiner Spieler müssen sich in der neuen Klasse erst durchsetzen. Alle Gladbacher Profis zusammen kommen nur auf 784 Bundesliga-Spiele; fast 300 entfallen auf Oliver Neuville. Der 35 Jahre alte Kapitän ist so etwas wie die Mutter der Kompanie und soll neben Toren vor allem Führungsstärke zum Erfolg beisteuern.

Luhukay beurteilt den Mangel an Erfahrung gelassen. „Das beunruhigt uns nicht.“ Dieses Defizit werde „durch Unbekümmertheit und zusätzliche Motivation“ ausgeglichen. Wichtiger als die Zahl der Einsätze sei die Spielweise. Attraktiv, also offensiv wie einst die konternden Fohlen wolle die neue Generation „die Initiative ergreifen, unabhängig vom Namen des Gegners“. Mancher mag als Ursache für diese Herangehensweise Luhukays niederländische Herkunft vermuten. Doch der 45 Jahre alte Fußball-Lehrer widerspricht. Seine Vorliebe für die Offensive sei nicht anerzogen; er habe aus eigenem Antrieb schon immer das offensive Spiel bevorzugt, als Spieler wie als Trainer.

Trainer Jos Luhukay - kein Typ für die Showtreppe

Mit einer Mannschaft voller Unbekannter stürmisch um das Bleiberecht in den besseren Kreisen zu kämpfen - erfordert das nicht viel Mut? „Mut nicht unbedingt“, entgegnet Luhukay. „Aber die Überzeugung, das Richtige zu tun, und Vertrauen in die eigenen Stärken gehören schon dazu.“ Anders als etwa sein Dortmunder Kollege Jürgen Klopp trägt Luhukay sein Selbstbewusstsein, seinen Tatendrang nicht auffällig zur Schau. Er ist nicht der Typ, von dem man erwartet, dass er gleich eine Showtreppe hinunterstolziert. Als Gesprächspartner wirkt er eher spröde, defensiv - und versteht es dennoch, seine Herzensangelegenheit als großen Spaß zu verkaufen, ohne sich selbst zu inszenieren.

Den überkommenen Hurra-Fußball der Fohlen mit Bodenhaftung zu verbinden, so ließe sich sein Anspruch deuten. „In diesem Geschäft darf man sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Es kommt darauf an, einen Plan zu haben, eine Philosophie.“ Und zwar über den (Spiel-)Tag hinaus. Mit attraktivem Angriffsfußball auch noch erfolgreich zu sein, werde „sicher nicht an jedem Spieltag gelingen“, aber versuchen müsse die Mannschaft es, auch auswärts, sagt Luhukay.

Modern, attraktiv, offensiv - so soll Gladbach spielen

Auf die Gefahr hin zu verlieren. „Denn es bleibt immer noch Fußball, und die Welt bricht nicht zusammen.“ Als Bundesliga-Trainer hat auch Luhukay, wie die meisten seiner Spieler, nicht viel Erfahrung. Er übernahm eine überschätzte Mannschaft, als es zu spät war, sie zu retten - falls es überhaupt möglich war. Seitdem geht er, gemeinsam mit Ziege, seinen Weg.

Unaufgeregt gibt Luhukay zu erkennen, worauf es ihm ankommt. Von hohen Erwartungen, die sich im Verkaufsrekord von 26.000 Dauerkarten zeigen, lasse er sich nicht verrückt machen. Modern, attraktiv, offensiv zu spielen sind für ihn die Parameter. Am Ende müsse natürlich „der Erfolg“, also etwas Messbares, dabei herauskommen, für Gladbach im ersten Jahr gleichbedeutend mit dem Klassenverbleib, möglichst ohne große Sorgen.

„Das Team besteht nicht allein aus Marko Marin“

Aber was wäre eine Renaissance der Fohlen - bei aller Philosophie - ohne ein richtiges Fohlen, das dem alten wie dem neuen Testament der Borussia gerecht wird? Sie haben es! Und es heißt Marko Marin. Im Abstiegsjahr als Jugendspieler an den Profifußball herangeführt, wurde der Neunzehnjährige in der zweiten Liga zum Nationalspieler und verpasste knapp einen Platz im deutschen Aufgebot für die Europameisterschaft. Seitdem ist er das Neu-Fohlen par excellence und der Star in spe bei der Borussia.

Luhukay hat manchmal Mühe, den Medien zu erklären, dass Gladbach „nicht allein aus Marin besteht“. Marin wiederum versucht er im Verbund mit anderen klarzumachen, dass er all die vielen Themen und Termine außerhalb des Fußballs beiseiteschieben müsse. Die Selbstreinigungskräfte scheinen (noch) zu funktionieren. Als Marin anfangen wollte, extravagant aufzulaufen, versteckten seine Kollegen die modischen roten Fußballschuhe so lange, bis der Jungstar wieder auf ein Modell in konventionellem Schwarz zurückgriff.

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