16.01.2011 · Mirko Slomka hat Hannover auf Erfolgskurs getrimmt und seinen Ruf poliert. Am Sonntag (15.30 Uhr) startet 96 in Frankfurt in die Rückrunde. Slomka pokert derzeit um einen neuen Vertrag. Hat er etwa eine viel bessere Alternative?
Von Michael WittershagenDieser Mann hat hohe Ziele. „Ich möchte natürlich gerne noch mal in der Champions League spielen.“ Mirko Slomka spricht den Satz entschlossen aus, er tut es mit fester Stimme und ohne den Augenkontakt zu seinem Gegenüber zu verlieren. Beinahe auf den Tag genau zwölf Monate ist er nun sportlich für Hannover verantwortlich, diese Zeit hat ausgereicht, um aus ihm wieder einen begehrten Trainer zu machen. Am vergangenen Montag soll er den Verein um die sofortige Freigabe gebeten haben, das hat Präsident Martin Kind bestätigt.
Pokert da jemand – oder hat Slomka tatsächlich eine viel bessere Alternative? Am Ende der Saison läuft sein Kontrakt mit den Niedersachsen aus. „Unser Bestreben ist es nach wie vor, den Vertrag zwischen ihm und Hannover zu verlängern“, sagt dessen Berater Harun Arslan gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. „Vielleicht kommen wir noch im Januar zu einem Abschluss.“ Ein vorzeitiger Abschied sei kein Thema. Arslan ist ein Fachmann in der Branche, er vertritt unter anderem die Interessen von Bundestrainer Joachim Löw.
Seit Wochen laufen die Gespräche zwischen ihm und den Verantwortlichen von Hannover 96. Ohne Ergebnis. Dies trübt ein wenig das Bild von einem der Aufsteiger der bisherigen Bundesliga-Saison. 31 Punkte stehen für die beste Vorrunde der Vereinsgeschichte, der Abstiegskampf ist für den Klub so weit entfernt wie seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr. Im Vergleich zur Vorsaison kommen durchschnittlich beinahe 5000 Zuschauer mehr zu den Heimspielen. Nicht Werder Bremen, nicht der Hamburger SV und auch nicht der VfL Wolfsburg ist die Nummer 1 im Norden, 96 steht an der Spitze dieser Wertung. „Am liebsten wollen wir da bleiben, wo wir sind. Aber das ist nicht realistisch“, sagt Slomka. „Sollten wir tatsächlich auf einem der internationalen Plätze landen, wäre das beinahe schon überirdisch.“
„Fachlich ist Mirko Slomka über jeden Zweifel erhaben“
Hannover 96 und Slomka – es schien so etwas zu sein wie Liebe auf den zweiten Blick. Als Jugendtrainer hat der Dreiundvierzigjährige schon im Verein gearbeitet, später als Assistenzcoach, ehe er sein Glück bei Schalke 04 suchte. In die niedersächsische Landeshauptstadt wollte Slomka eigentlich trotzdem nicht zurückkehren, seit 25 Jahren lebt er dort, und das Risiko zu scheitern schien ihm einfach zu groß. Im Januar des vergangenen Jahres unterschrieb er doch und rettete den Verein vor dem Abstieg in die Zweitklassigkeit, obwohl dies nach der Tragödie um Robert Enke kaum noch jemand für möglich gehalten hatte. Slomka hat seinen Ruf gehörig aufpoliert. „Mirko ist ein hundertprozentiger Profi“, sagt Harun Arslan. „Fachlich ist er über jeden Zweifel erhaben.“
Slomka wirkt offen, sympathisch und zuvorkommend. Er ist erst 43 Jahre alt, und hat doch schon vieles durchgemacht in seiner Karriere. Mit Schalke spielte er im Viertelfinale der Champions League und im Halbfinale des Uefa Cups, 2007 wäre er beinahe deutscher Meister geworden. Trotzdem schlossen ihn die Anhänger im Revier selten in ihre Herzen. Zu fremd schien ihnen dieser Mann, der Mathematik und Sport auf Lehramt studiert und seine Prüfungen mit der Note 1 abgeschlossen hatte. Der selten geradeheraus sagt, was Sache ist, aber wenn die Kameras laufen, immer lächelt. Der es als Fußballer nie über den Amateurstatus hinaus geschafft hat und bei Vereinen spielte, die bestenfalls regional von Bedeutung sind: SC Harsum oder TSV Fortuna-Sachsenross Hannover.
Ein Quereinsteiger. Slomka zieht eine Augenbraue hoch, als er das Wort hört. Er mag es nicht. Dabei gibt es derzeit im oberen Tabellendrittel viele Trainer, die selbst nicht unbedingt herausragend spielen konnten: Jürgen Klopp (Borussia Dortmund), Thomas Tuchel (Mainz 05), Robin Dutt (SC Freiburg). „Wir haben andere Vorzüge“, sagt Slomka. Dieses Selbstbewusstsein hat er nie verloren. Auch nicht in den eineinhalb Jahren seiner Arbeitlosigkeit, nachdem er im April 2008 bei Schalke entlassen wurde. In Hamburg und Wolfsburg wurde sein Name seinerzeit gehandelt, der 1. FC Köln entschied sich gegen ihn, weil Präsident Wolfgang Overath lieber einen an der Seitenlinie stehen haben wollte, der selbst mal in der Bundesliga auflief. Slomka wartete auf das richtige Angebot: „Ich wollte nicht in die zweite oder dritte Liga gehen.“
„Er hat die richtigen Leute auf dem Transfermarkt gefunden“
Nun ist er zurück im Rampenlicht. Vor dem Rückrunden-Auftakt gegen Eintracht Frankfurt an diesem Sonntag (15.30 Uhr / FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) aber bestimmen wieder persönliche Scharmützel die Schlagzeilen. Schon vor der Saison lieferte sich Slomka mit Sportdirektor Jörg Schmadtke ein öffentliches Kompetenzgerangel und stand nach dem peinlichen Aus in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen den Regionalligaverein Elversberg kurz vor der Entlassung. Slomka aber hat den Tunnelblick eingeschaltet und trotz vereinsinterner Widerstände bewiesen, dass er auch unter diesen schwierigen Umständen erfolgreich arbeiten kann. Und er übt sich als Diplomat. Etwa in Bezug auf Schmadtke. „Er hat die richtigen Leute auf dem Transfermarkt gefunden“, sagt er. „Wir haben sehr clever agiert.“
Sie hatten offenbar gelernt aus den Fehlern der Vergangenheit in Hannover. Aus Zeiten, in denen viele Trainer verschlissen und Spieler zum Teil für eine hohe Ablöse verpflichten wurden. So etwas soll sich nicht wiederholen. „Der Verein hat sicher den einen oder anderen Fehler gemacht und ist zu großes finanzielles Risiko eingegangen“, sagt Slomka. „Das würden wir heute nicht mehr machen.“ Sein Weg führt über die Jugend. Bei Schalke 04 hat er einst Manuel Neuer und Mesut Özil an die Profis herangeführt, in Hannover entwickelten sich unter ihm Talente wie Konstantin Rausch, Manuel Schmiedebach und Moritz Stoppelkamp zu Stammspielern.
„Es gibt ein paar Punkte, die ich kritisch angemerkt habe“
„Junge Leute sind sehr wissbegierig und leistungsbereit. Sie saugen auf, was man ihnen erzählt“, sagt Slomka. Ein womöglich aber entscheidender Schritt steht ihm und dem Verein im Sommer noch bevor. Die guten Leistungen haben Begehrlichkeiten geweckt, Spieler wie Bastian Schulz, Florian Fromlowitz, Karim Haggui und Didier Ya Konan stehen längst bei anderen Vereinen im Fokus. Doch was macht Slomka? Er übt sich in Zurückhaltung. „Ich kann nicht sagen: Nur wenn Spieler x bleibt, bleibe ich auch. Das wäre Unsinn.“
Trotzdem wird über seinen Vertrag zu sprechen sein. „Es gibt noch ein paar Kleinigkeiten zu regeln“, beteuert Präsident Kind. „Aber das sind alles Dinge, die auch wirklich problemfrei zu regeln sind.“ Slomka spricht ebenfalls von „keinen großen Differenzen“, sagt aber auch: „Es gibt ein paar Punkte, die ich kritisch angemerkt habe.“ Der Mann weiß, wie es ist, in der Champions League an der Seitenlinie zu stehen, er schwärmt von den Emotionen dort, von der Leidenschaft und den Gegnern. Das möchte er wieder erleben. „Am liebsten mit Hannover“, sagt er. „Aber das ist sehr, sehr schwer.“
Die Saison 2011/2012
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 34 | 55 | 81 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 34 | 55 | 73 | ![]() |
| 3. | ![]() |
FC Schalke 04 | 34 | 30 | 64 | ![]() |
| 4. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 34 | 25 | 60 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 34 | 8 | 54 | ![]() |
| 6. | ![]() |
VfB Stuttgart | 34 | 17 | 53 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 34 | -4 | 48 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 34 | -13 | 44 | ![]() |
| 9. | ![]() |
Werder Bremen | 34 | -9 | 42 | ![]() |
| 10. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 34 | -11 | 42 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 34 | -6 | 41 | ![]() |
| 12. | ![]() |
SC Freiburg | 34 | -16 | 40 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 34 | -4 | 39 | ![]() |
| 14. | ![]() |
FC Augsburg | 34 | -13 | 38 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hamburger SV | 34 | -22 | 36 | ![]() |
| 16. | ![]() |
Hertha BSC | 34 | -26 | 31 | ![]() |
| 17. | ![]() |
1. FC Köln | 34 | -36 | 30 | ![]() |
| 18. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 34 | -30 | 23 | ![]() |