23.03.2010 · Der FC Augsburg darf dank der Tore von Michael Thurk vom Bundesligaaufstieg träumen. Und ein Sieg im Pokalhalbfinale am Dienstag (20.30 Uhr) in Bremen würde den Verein nebenbei in die Europa League hieven.
Von Christian Eichler, Augsburg„Wir sind schon jetzt ein Pokalgewinner“, sagt Michael Thurk und lächelt. Ein frischer Frühlingsmorgen, der Arbeitstag des Torjägers hat begonnen. Massagebank, Interview, Training. Über Fußball-Augsburg scheint die Sonne. Das hat vor allem mit ihm zu tun: mit den 21 Toren, die er in der Liga geschossen hat; mit den drei Treffern im Pokal. An diesem Dienstag (20.30 Uhr / FAZ.NET-DFB-Pokal-Liveticker) reist der FC Augsburg, das Team der Stunde in der Zweiten Bundesliga, zu Werder Bremen, zum Pokalhalbfinale.
Für die Augsburger ist es die Kür ihrer starken Saison. Ein „wichtigeres Spiel“ als das gegen Bremen, so Thurk, war das 3:1 am Samstag gegen Ahlen. Weil man da, nach der ersten Niederlage der Rückrunde in Karlsruhe, die eine Serie von neun Siegen und einem Remis beendete, „gezeigt hat, dass wir keine Eintagsfliege sind“. Die Augsburger wollen in die Bundesliga, zum ersten Mal nach 107 Jahren. Dem Plan von Manager Andreas Rettig, der den Aufstieg erst 2011 vorsieht, ist man derzeit voraus. „Wir sind auf dem Weg nach oben“, sagt Thurk.
Vor einem Jahr überzeugte ihn Rettig vom „Modell Augsburg“. Es soll einen Klub aus dem Dornröschenschlaf wecken. Thurk wirkt wie der Prinz, dem das gelingt. Natürlich muss bei einem Fußball-Märchen heutzutage vor allem das Geld stimmen. Im Hintergrund des Provinzklubs steht der reiche Präsident Walther Seinsch, Gründer zweier Textilketten, der die Entschuldung des Vereins und den Bau der 2009 eröffneten Arena finanziell anschob. Doch bisher sind sie ohne teure Einkäufe und Stars ausgekommen. Rettig betont, dass man Thurk „für ein Butterbrot“ von Eintracht Frankfurt geholt habe.
Thurk war allerdings auch schon fast 33 Jahre alt. Da ist für viele Stürmer der Zug abgefahren. Aber man hat in Augsburg ein Auge entwickelt für Spieler auf dem Abstellgleis der ersten Liga, die für das Zweitligateam zu Lokomotiven wurden: wie Torwart Simon Jentzsch, in Wolfsburg nur noch Ersatz, wie Außenmann Ibrahima Traoré, bei Hertha BSC nur im zweiten Team. Der größte Treffer war Thurk, der eine passable, aber nicht überragende Bundesliga-Karriere hinter sich hatte (22 Tore in 81 Spielen für Mainz und Frankfurt). Seine bisherige Saison-Torbilanz wird in der Geschichte der zweiten Liga nur von solch berühmten Kollegen wie Hrubesch, Mill und Völler übertroffen – denen das allerdings am Anfang ihrer Karriere gelang, bevor sie zu Nationalspielern aufstiegen, während Thurk das auf der Schlussrunde tut.
„In der ersten Liga wird das Stadion voll sein“
Thurk trifft, weil er die zweite Liga nicht als Deklassierung empfand. „Fußball macht mir Spaß“, sagt er. „Die Liga ist egal. Ich bin glücklich hier.“ Über eine erstklassige Zugabe wird er sich natürlich nicht beschweren. In der Bundesliga ist das Stürmerleben schwerer, aber angenehmer: „Dort machen die Abwehrspieler mehr mit dem Auge. Sie müssen weniger treten.“ Dass er nun aber Hoffnung auf eine späte internationale Karriere und gar auf einen WM-Start hege, für Italien, wo er Ahnen hat, oder für Serbien, die Heimat seiner Frau, „das ist nur ein Witz, den ich vor Monaten gemacht habe und der jetzt als Geschichte aufgewärmt wird“.
Thurk hat es in Mainz miterlebt, Manager Rettig in Freiburg: wie ein Klub, der fast hundert Jahre lang nie erstklassig war, plötzlich erwachte und mit ihm eine ganze Stadt. Und wie diese Klubs mit fröhlichen Fans und frischem Fußball zur bleibenden Bereicherung für die Bundesliga wurden. Nun auch in Augsburg? „Ich kann Parallelen zu Mainz erkennen“, sagt Thurk. „In der ersten Liga wird das Stadion voll sein.“
3000 Fans kommen mit nach Bremen
Bisher ist es meist halbleer, die Augsburger müssen ihr Publikum erst finden: „Uns fehlen dreißig Jahre.“ In denen gab es in der drittgrößten bayrischen Stadt nur Amateurfußball. Augsburger Fußballfans wurde Bayern- oder Löwen-Anhänger. Aber es gibt Zeichen der Wende. Thurks Nachbar trägt schon eine FCA-Kappe: „Und die ist nicht von mir, die hat er sich selbst gekauft.“
Knapp 3000 Mitgereiste, so viele wie nie bei einem Augsburger Auswärtsspiel, werden in Bremen erwartet, mit zwei Sonderzügen und einem Sonderflug. Mit seinen 1,77 Metern wird Thurk dort gegen die Riesen Naldo und Mertesacker wohl „kaum ein Tor mit dem Kopf machen“. Aber der 1,75 Meter große David Villa schoss am Donnerstag gleich drei mit dem Fuß. Das war in der Europa League, und genau die winkt den Augsburgern nun in Bremen. Wenn sie dort die Sensation schaffen sollten, wird ihnen, weil der Finalgegner Schalke 04 oder Bayern heißen und ziemlich sicher Champions League spielen wird, ein Platz in der Europa League sicher sein. Das wäre kein schlechtes Debüt für einen 34 Jahre alten Torjäger. Die Kür könnte zur Krönung werden.