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Mario Gomez Wenn Tore nicht mehr reichen

 ·  Mario Gomez und der FC Bayern, das war trotz 112 Treffern in 174 Spielen nie eine Herzensangelegenheit: Nun verlässt der Torjäger die Bundesliga in Richtung Italien. In Florenz sucht er den Neuanfang.

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© REUTERS Vergrößern Keine Säule im Bayern-Spiel: Mario Gomez wechselt aus dem Trainingslager am Gardasee nach Florenz

Am Ende blieben von Mario Gomez nur ein letztes Interview im Klub-TV und ein paar Zeilen an seine Facebook-Freunde. Es waren Abschiedsbotschaften jener Art, die im höflich Ungefähren bleibt, von „gemischten Gefühlen“ spricht, Dank und Komplimente verteilt. Und in denen der Abschiednehmende in Gedanken schon längst woanders ist. „Es war eine schwere Entscheidung“, sagte Gomez, „den besten Klub der Welt zu verlassen“. Sein Abgang vom FC Bayern, dessen Trainingslager in Riva am Gardasee er am Montag eilig verließ, hinterlässt ein seltsames Schlussbild. Durch die Hintertür ging hier einer, der vier Jahre zuvor durchs große Tor gekommen war: ein Torjäger, der seitdem mit 112 Toren in 174 Spielen eine 66-prozentige, in der Bayern-Geschichte nur von Gerd Müller übertroffene Trefferquote erzielte - und dennoch nie im Herzen des Vereins ankam.

Anders als sein Vorgänger Luca Toni, den er nun auch beim AC Florenz ablöst (der 36-jährige Italiener wechselt zu Hellas Verona), erreichte Gomez nie große Popularität beim Bayern-Publikum. Gomez strahlte eine Aura höflicher Distanziertheit aus. „Ich habe mir irgendwann eine Balance angeeignet, egal wie es sportlich läuft: ich zu sein und ich zu bleiben. Und mich außerhalb des Platzes nicht von den Emotionen leiten zu lassen, die zu dem Sport dazugehören“, erklärte er die innere Distanz im Interview mit der F.A.Z. im Januar 2013. Zu jener Zeit rechnete er noch damit, in der Rückrunde seinen Stammplatz im Sturmzentrum zurückzugewinnen. Doch er täuschte sich. Und entschied sich zu gehen.

Dafür nimmt er in Kauf, dass der Wechsel nach Florenz wie ein heftiger Kurssturz der Aktie Gomez aussieht: vom besten Klub Europas zu einem Team, das nicht in der Champions League spielt. Auch die Bayern spüren den Wertverlust. Vor vier Jahren kostete Gomez sie 35 Millionen Euro. Nun bekommen sie nur knapp mehr als die Hälfte, angeblich 20 Millionen Euro. Ein solcher Abschlag ist sonst nur bei alternden Torjägern üblich, nicht aber bei einem der effizientesten Stürmer der Welt, der an diesem Mittwoch erst seinen 28. Geburtstag feiert.

Gefragte Torjäger werden in diesem Sommer in Preislagen bis zu 60 Millionen Euro gehandelt, wie Radamel Falcao oder Edinson Cavani. Und selbst einer, der länger als Gomez bei einem Topklub nur noch zweite Wahl war, Gonzalo Higuain von Real Madrid, soll Arsenal mehr als 26 Millionen Euro kosten.

Kaum einem Spieler wurden Fehler so nachgetragen

Natürlich gibt es Stürmer-Moden, und durch den Barca-Boom ist seit einigen Jahren der spielende Stürmer gefragt, der eher Mittelfeld- als Strafraumspieler ist. Wer dieses Raster anlegt, sieht bei Gomez mehr Defizite als Stärken. Und übersieht, dass kaum ein Spieler mehr Tore mit dem ersten Ballkontakt erzielt. Es ist eine Kunst, die in ihrer großen Schwierigkeit nicht oft honoriert wird.

Und kaum einem Spieler wurden tatsächliche oder angebliche Fehler so lange nachgetragen, wie sein Fehlschuss aus kurzer Entfernung gegen Österreich bei der EM 2008. „Danach habe ich eine Zeitlang versucht, die Leute zurückzugewinnen“, sagte er im F.A.Z.-Interview. „Aber fast fünf Jahre später reden immer noch viele davon. Das zeigt mir, dass sie ihre Meinung nie ändern werden. Deshalb ist das nicht mehr wichtig für mich. Ich spiele nicht Fußball, um irgendjemanden zu überzeugen.“

In Gomez' besten Jahren wurde Bayern nicht Meister

Tore reichen normalerweise als Überzeugungsarbeit, bei Gomez war es anders. Bei den Bayern empfing ihn Trainer Louis van Gaal 2009 mit den Worten, er habe „Gomez nicht geholt“, und verunsicherte ihn als Joker. Zum Trumpf wurde Gomez erst in der zweiten Bayern-Saison, als Torschützenkönig mit 28 Treffern. Und im Jahr danach mit 26, dazu mit zwölf Toren in der Champions League, nur Lionel Messi schaffte je mehr in einer Saison. Doch auch da reichten seine Tore nicht.

In Gomez‘ beiden besten Bayern-Jahren wurde nicht Bayern Meister, sondern Dortmund. Und nachdem er im Champions-League-Finale 2012 gegen Chelsea ohne Wirkung blieb, nannte ihn Präsident Uli Hoeneß einen „guten Stürmer“, aber „keinen sehr guten“. Dabei hatte nur ein brauchbarer Zweit-Stürmer gefehlt, eine Ergänzung zu Gomez, mit anderen Stärken - ein Fehler in der Kaderplanung, den die Bayern vor einem Jahr mit der Verpflichtung von Mario Mandzukic (und von Claudio Pizarro) behoben; mit dem Resultat, dass nach einer Operationspause der Zweit-Stürmer Gomez hieß. Diese Rolle wurde er nicht mehr los.

Seit Guardiola Auslaufmodell

Und wirkte mehr und mehr wie ein Fremdkörper im Team, nicht nur spielerisch. Die innere Gruppendynamik der Mannschaft zeigte bei aller Diskretion nach außen, dass Gomez in der Triple-Saison die Zugehörigkeit zum Kern der Mannschaft verloren hatte, zum Außenseiter geworden war. Zudem zeigte das Buhlen um Robert Lewandowski, dass die Bayern nach einem neuen Stürmertyp suchten, der nicht nur Tore schießt, sondern auch Passgeber und Spielgestalter ist.

Spätestens nach der Verpflichtung von Pep Guardiola, dem Trainer, der in Barcelona den Strafraumstürmer abschaffte, galt Gomez als Münchner Auslaufmodell, als schwer vermittelbar im modernen Systemfußball. So geht er, wie zuvor auch die Bayern-Kollegen Toni und Klose, nach Italien, dem Land, in dem die härteste Währung für Stürmer immer noch die älteste des Fußballs ist: die Zahl der Tore.

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